Wirtschaft : Zeitarbeit wächst auf 1,2 Millionen Jobs

Personaldienstleister wollen mehr einstellen / 2006 schuf die Branche ein Drittel aller neuen Stellen

Alexander Heinrich

Berlin - Dank des Aufschwungs am Arbeitsmarkt rechnen die führenden Zeitarbeitsunternehmen in diesem Jahr mit Tausenden Neueinstellungen. Adecco, zweitgrößter Anbieter im Markt, will 12 000 neue Stellen schaffen. Beim Marktführer Randstad sind derzeit 5000 Plätze unbesetzt, der Konkurrent Manpower zählt 3500 Vakanzen. Das Wachstum in diesem Jahr werde bei 20 Prozent und mehr liegen, erwartet der Personaldienstleister. „Insgesamt werden wir in der Branche auf 1,2 Millionen Arbeitsverträge kommen“, prognostiziert Werner Stolz, Geschäftsführer des Interessenverbands deutscher Zeitarbeitsfirmen (IGZ).

Seit Beginn des Aufschwungs boomt die Zeitarbeit. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt, dass in diesem Bereich 2006 rund 130 000 Arbeitsplätze geschaffen wurden – das ist rund ein Drittel aller neuen Stellen. Der Branchengrößte Randstad schuf 2006 mehr als 8000 neue Jobs. „Wir beschäftigen damit nun knapp 40 000 Mitarbeiter“, sagt Geschäftsführerin Heide Franken.

Zeitarbeitsfirmen leben davon, dass sie ihre Arbeitskräfte anderen Betrieben überlassen. Der Vorteil für den Arbeitgeber: Er kann kurzfristig auf Arbeitskräfte zurückgreifen – und sie praktisch ohne Kündigungsfrist wieder loswerden.

Die Branche selbst schreibt ihren Aufschwung auch der Unsicherheit in den Unternehmen zu. „Die Auftragsbücher füllen sich, aber Unternehmer trauen der Konjunktur noch nicht recht“, sagt IGZ-Mann Stolz. „Das hängt natürlich auch mit dem Kündigungsschutz zusammen. Wenn ein mittelständisches Unternehmen einen einzelnen Großauftrag bekommt, will es sich nicht gleich an neue feste Mitarbeiter binden“, bestätigt Thomas Hetz vom Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP).

Die Verbände verweisen auf ihre Rolle bei der Vermittlung von Arbeitslosen. Rund 60 Prozent der Zeitarbeiter seien zuvor arbeitslos gewesen, etwa 30 Prozent hätten eine geringe Qualifikation, sagt Hetz von AMP. „Mittlerweile ist Zeitarbeit ein Sprungbrett von der Arbeitslosigkeit in eine feste Beschäftigung.“ Längst nicht mehr landeten aber nur die Problemfälle bei den Zeitarbeitsfirmen, findet IGZ-Geschäftsführer Stolz. Ungelernte seien ebenso in der Kartei wie Akademiker. Auch gehe es nicht um Billiglöhne. „Zeitarbeitsfirmen verkaufen Flexibilität, nicht Lohndumping“, sagt Stolz.

Das sehen die Gewerkschaften anders. Dort fürchtet man einen so genannten Drehtüreffekt – Firmen bauen Personal ab und ersetzen die Kräfte durch weitaus billigere und flexiblere Zeitarbeiter. „Zumindest dort, wo 20 bis 30 Prozent der Beschäftigten Zeitarbeiter sind, hat das mit Auftragsspitzen und Flexibilität nichts mehr zu tun“, kritisiert Reinhard Dombre vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). So sind beim Flugzeughersteller Airbus von den 14 000 Beschäftigten rund 7000 Zeitarbeiter. Auch andere Großkonzerne wie Siemens oder Daimler-Chrysler setzen sie im großen Stil ein.

Beim Autohersteller BMW in Leipzig gibt es etwa 2300 Stammmitarbeiter, die nach dem örtlichen Tariflohn der Autoindustrie bezahlt werden – und etwa ein Drittel Zeitarbeiter. „Was gern übersehen wird: Neben den 5000 im Werk Beschäftigten sind in der Region rund 10 000 Arbeitsplätze bei mittelständischen Zulieferern entstanden“, betont BMW-Sprecherin Heike Stegert.

Im Schnitt bleiben die Zeitarbeiter drei bis fünf Monate in einem Unternehmen. Mittlerweile haben die drei großen Arbeitgeberverbände in der Zeitarbeit mit den Gewerkschaften auch Tarifverträge abgeschlossen. Der Stundenlohn für einen Zeitarbeiter liegt demnach zwischen knapp sechs und gut sieben Euro. Allerdings: Regulär beschäftigte Facharbeiter verdienen nicht selten doppelt so viel. Die Zeitarbeiter gelten aber auch als Beschäftigte zweiter Klasse, monieren die Gewerkschaften. Ihr Unfallrisiko sei höher und die Arbeitszeiten ungeregelter, zudem hätten Leiharbeiter bei der Urlaubsplanung oft das Nachsehen gegenüber der Stammbelegschaft, berichtet Jörg Köther von der IG Metall. „Fest steht: Nicht die Akademiker machen bei der Leiharbeit die Musik, sondern die geringfügig Qualifizierten.“

Allerdings ist Zeitarbeit auch für die Arbeitgeber selbst bei Auftragsspitzen nicht immer die erste Wahl, wie das Beispiel des Einzelhandels zeigt. So haben die beiden größten deutschen Warenhausketten Karstadt und Kaufhof im Weihnachtsgeschäft kaum Zeitarbeiter eingesetzt – trotz verlängerter Ladenöffnungszeiten. In den Berliner Filialen wurde die Mehrarbeit über das Schichtsystem und Arbeitskonten abgefedert. Der Grund: Die Stammmitarbeiter sind qualifiziert und müssen nicht kurzfristig angelernt werden.

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