• Zentralbank sieht „Meer von Unsicherheiten“ Der Euro-Leitzins bleibt unverändert / Deutsche Unternehmer warten vergeblich auf Aufträge

Wirtschaft : Zentralbank sieht „Meer von Unsicherheiten“ Der Euro-Leitzins bleibt unverändert / Deutsche Unternehmer warten vergeblich auf Aufträge

-

Berlin (mot/ro/dpa). Die Vorboten des Aufschwungs im Euroraum und in Deutschland lassen auf sich warten. Im ersten Quartal 2003 werde die Wirtschaft im Euroland wohl nur um 0,3 Prozent gegenüber den drei vorangegangenen Monaten wachsen, prognostizierte die EUKommission am Donnerstag. Denkbar sei im schlechtesten Fall aber auch ein Rückgang um 0,1 Prozent. Für die deutsche Industrie bleiben die Aussichten ebenfalls trübe, weil die Aufträge fehlen. Im Dezember erhielten die Unternehmen 4,1 Prozent weniger Bestellungen als im Monat zuvor. Für das gesamte Jahr 2002 ergab sich nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ein Auftragsrückgang von 0,3 Prozent.

Die Reaktion der Notenbanken fiel am Donnerstag unterschiedlich aus: Während die britische Zentralbank mit Verweis auf die anhaltende Konjunkturflaute den Leitzins überraschend um 0,25 Punkte auf 3,75 Prozent senkte, beließ die Europäische Zentralbank den Zinssatz unverändert bei 2,75 Prozent. EZB-Präsident Wim Duisenberg lehnte eine Zinssenkung mit der Begründung ab, diese sei „zum jetzigen Zeitpunkt nur ein Tröpfchen in einem Meer von Unsicherheiten“. Es sei derzeit unmöglich, die Auswirkungen der geopolitischen Entwicklungen auf die Wirtschaft in der Eurozone abzuschätzen, sagte er auch im Hinblick auf einen möglichen Irak-Krieg. Duisenberg bekräftigte jedoch die Erwartung, dass die Konjunktur in der Eurozone im zweiten Halbjahr 2003 an Fahrt gewinnt. Als Risiken für eine Konjunkturerholung nannte er den hohen Ölpreis und den Irak-Konflikt.

Der starke Euro bremst nach Ansicht der EZB die Exportindustrie nicht. „Die Wechselkursentwicklung dürfte die wirtschaftlichen Aussichten nicht grundlegend verändern“, sagte Duisenberg. Bis zu einem gewissen Grad könne der starke Euro Ausfuhren aus der Eurozone zwar dämpfen. Andererseits bleibe die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Firmen angesichts stabiler Preise günstig. Außerdem dürfte die Exportwirtschaft von der Konjunkturerholung ab Mitte 2003 profitieren. Immer mehr deutsche Firmen klagen indes nach einer Ifo-Umfrage über den starken Euro.

Von der dürftigen Auftragslage der deutschen Industrie waren Ende 2002 vor allem die Produzenten von Investitionsgütern betroffen, die normalerweise einen hohen Anteil der Großaufträge erhalten und damit einen Frühindikator für den Aufschwung liefern. Ihr Orderrückgang betrug 0,9 Prozent.

Trotz rückläufiger Neuaufträge profitierte die deutsche Industrie vor dem Jahreswechsel von alten Bestellungen aus den Vormonaten. So stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamts im November der Export in den Euro-Währungsraum um 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In die USA wurden 9,5 Prozent mehr Waren geliefert. Insgesamt gab es 7,1 Prozent mehr Exporte als im November 2001. Zuvor hatten sich die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten und die Eurozone überwiegend negativ entwickelt.

Pleitenrekord in Deutschland

Die insgesamt schlechte Wirtschaftslage spiegelt sich auch in einer weiter wachsenden Zahl von Pleiten in Deutschland wider: In diesem Jahr wird die Gesamtzahl der Insolvenzen nach Einschätzung von Experten auf einen neuen Höchststand von bis zu 90 000 Fällen steigen. Durch Firmenzusammenbrüche gehen bundesweit schätzungsweise 600 000 Arbeitsplätze verloren, sagte der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsinformationsunternehmens Creditreform, Helmut Rödl, am Donnerstag in Düsseldorf. Deutschland führe zum zweiten Mal in Folge die Pleiten-Statistik in Europa an. Im vergangenen Jahr schnellte die Zahl der Insolvenzen in der größten Volkswirtschaft der EU um 66,4 Prozent auf 82 400 Fälle in die Höhe. Damit liege Deutschland sowohl bei der absoluten Zahl der Insolvenzen als auch bei der Steigerungsrate vor allen anderen Ländern Westeuropas, sagte Rödl.

0 Kommentare

Neuester Kommentar