Zerstörte Geldscheine : Kaum noch "Brösel-Euros"

Auch ein Jahr nach den ersten Fällen zerbröseln bundesweit noch Geldscheine - allerdings ist die Menge verschwindend gering. Die Ursache ist nach wie vor ungeklärt.

Marion Trimborn[dpa]
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Geldfraß: In Europa einmaliges Phänomen. -Foto: ddp

Frankfurt/MainDas Rätsel bleibt ungelöst: Auch ein Jahr nach dem ersten Auftauchen der "Brösel-Euros" tappen Ermittler und Bundesbank im Dunkeln. Niemand weiß, wer oder was die Banknoten mit Schwefelsäure beträufelt hat, so dass die Scheine bei Berührung zerfallen. 4480 Banknoten mit Geldfraß hat die Notenbank bundesweit seit Juni 2006 registriert. Wie in einem Kriminalfall haben die Landeskriminalämter Dutzende Spuren verfolgt - ohne Ergebnis. Jetzt kommt die Zeit den Beamten zu Hilfe: Inzwischen tauchen nur noch wenige kontaminierte Scheine auf. Das Problem löst sich also von selbst - und die Ursache der geheimnisvollen Banknoten-Krankheit könnte für ewig ungeklärt bleiben.

"Das Phänomen ist absolut einmalig in Europa", sagt der Sprecher der Europäischen Zentralbank (EZB), Nils Bünemann. Nirgendwo anders als in Deutschland seien selbstzerstörende Scheine gemeldet worden. Auch sonst sind der Notenbank keine vergleichbaren Fälle aus der ganzen Welt bekannt. Auch wegen dieser Einmaligkeit sei die Ursache so schwer zu finden: "Es wird wohl ein Mysterium bleiben."

Aufregung, aber auch Spott

Vor einem Jahr schreckten Meldungen über "Säure-Attacken auf unser Bargeld" die Bürger auf. Das sorgte für Aufregung, aber auch Spott. Rund um Berlin und Potsdam tauchten pro Woche bis zu 150 Scheine im Wert zwischen fünf und 100 Euro auf, die in den Händen ihrer Besitzer zerfielen. Laboruntersuchungen bei zwei Landeskriminalämtern bestätigten, dass Schwefelsäure in unterschiedlicher Stärke das Grundmaterial Baumwolle zersetzte. Die Säure reagierte mit Handschweiß, wenn der Besitzer den Schein zum Beispiel aus dem Geldautomaten nahm. Diese Säure kommt in Reinigungsmitteln, aber auch in Batterien vor. "Geldscheine sind hochstabil und haben eine Lebensdauer von vielen Jahren im täglichen Gebrauch", sagt Paul Rizzi, Vorstandsvorsitzender der Papiertechnischen Stiftung (PTS). Doch jede Säure könne einen Geldschein zerstören.

"Manchmal sah es aus wie draufgestrichen oder draufgeträufelt", erinnert sich der Leiter der Abteilung Banknotenentwicklung der Deutschen Bundesbank, Winfried Lampe. "Sowohl eine Manipulation als auch eine technische Ursache ist möglich." Zunächst hatte die Europäische Zentralbank vermutet, dass Kriminelle gekennzeichnete Banknoten - wie etwa aus einem Bankraub - mit Chemikalien behandelt hatten, um sie wieder nutzen zu können. Das gilt inzwischen aber als ausgeschlossen - ebenso wie ein anderes Verbrechen. "Es hat kein Erpresserschreiben gegeben", sagt ein Sprecher des federführenden Landeskriminalamtes (LKA) in Berlin. Für einen "Dumme-Jungen-Streich" sei die Zahl der aufgetauchten Scheine zu groß - und für eine Säure- Attacke auf das Bargeld zu klein.

Eher ein Lottogewinn als ein "Brösel-Euro" im Portemonnaie

Der Normalbürger hat von der Geldfraß-Welle sowieso nichts gemerkt: von 82 Millionen Deutschen fanden gerade mal 325 Privatleute einen "Brösel-Euro" im Portemonnaie - die anderen wurden bei Banken oder Geldtransportunternehmen entdeckt. Zudem ist die Zahl von 4480 Brösel-Scheinen bei fünf Milliarden Banknoten im Umlauf minimal: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bürger einen Schein in die Hand bekommt, liegt bei eins zu 20 Millionen. Dieses Risiko ist geringer als die Chance, einen Sechser im Lotto zu haben", sagte Bundesbank-Präsident Axel Weber im Februar. Eine Gesundheitsgefahr sei von den Scheinen nicht ausgegangen.

Alle Spuren endeten in einer Sackgasse. Die Beamten untersuchten Geldausgabeautomaten und Gabelstapler, mit denen Geldpakete transportiert werden, auf lecke Batterien - ohne Erfolg. Dabei handelte es sich bei den meisten Scheinen um Banknoten im Wert zwischen 10 und 50 Euro, die der typischen Geldautomaten-Stückelung entsprechen. Ein Produktionsfehler in einer Papierfabrik oder der Bundesdruckerei wurde ausgeschlossen. Fehlanzeige auch bei der vermeintlich heißen Spur, dass Drogenkonsumenten die Geldscheine zur Einnahme von Crystal Speed genutzt hatten - die Tests bewiesen das Gegenteil. Auch ein Künstler-Trio in Berlin, das Geldscheine mit Schwefelsäure behandelt und als "ästhetisch veränderte Objekte" ausstellt, hatte mit dem Fall laut Polizei nichts zu tun.

Wer zerfressene Geldscheine findet, kann sie bei der Bundesbank umtauschen. Voraussetzung ist, dass noch mehr als die Hälfte des Scheins vorhanden ist. Bei der Notenbank werden immer wieder Scheine vorgelegt, die im Ofen angeschmort sind, mit der Wäsche gewaschen oder von Mäusen angefressen wurden. Im vergangenen Jahr ersetzte die Bank rund 428.000 kaputte Scheine im Wert von 17,2 Millionen Euro.

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