Wirtschaft : Zertifikate: Der Anleger kann aus dem Vollen schöpfen

Veronica Csizi

Lust auf Sahnestückchen, fragt Goldman Sachs in ganzseitigen Anzeigen. Das US-Investmenthaus wirbt derzeit massiv für ein Investment in Zertifikaten. Auch bei den anderen deutschen wie internationalen Banken vergeht kaum ein Tag ohne ein neues Zertifikat. Kein Wunder: "Diese Anlageform boomt", sagt Philip Piltz, verantwortlich für das deutsche Zertifikate-Geschäft der Société Générale. Inzwischen sind fast 2000 verschiedene Zertifikate auf dem Markt. "Das intelligente Investment" nennt es die französische Großbank, neben der niederländischen ABN Amro eine der aktivsten im Markt. Anders als Fonds sind Zertifikate an der Börse handelbar, so dass Kauf- und Verkaufsgebühren anfallen. Dafür verzichten die meisten Emittenten auf einen Ausgabeaufschlag, viele auch auf die Managementgebühr. Anders als die meisten Fonds basieren Zertifikate grundsätzlich auf einem Index, wobei neben den real existierenden Indizes wie Dax, Nemax All Share oder Nikkei 225 auch Konstrukte nach Gusto der Emittenten zulässig sind.

Gerade so genannte Themen- und Strategiezertifikate gehören, ablesbar an den Volumina an den Börsen, momentan zu den Verkaufsschlagern. Sie setzen sich aus einem so genannten Basket zusammen, einem "Korb" von Aktien, dem ein eigens errechneter Index zugrunde liegt und die nur manchmal während der Laufzeit verändert werden. Der Einfallsreichtum der Banken bei der Entwicklung von verkaufsträchtigen Themen war da, zumal in schwierigen Börsenzeiten, beachtlich.

ABN Amro etwa hat ein Dax-Best-Seasons-Zertifikat auf den Markt gebracht: Es soll davon profitieren, dass sich der Dax, statistisch gesehen, zwischen Juli und Oktober fast immer sehr schwach entwickelt hat. Das Zertifikat legt deshalb zwischen Anfang August und Ende Oktober eine Investitionspause ein. Mit dem Papier trägt die niederländische Bank übrigens einem Trend Rechnung, der sich zunehmend durchzusetzen beginnt: Die Laufzeitbegrenzung wird aufgehoben. Auch die Deutsche Bank, die Bankgesellschaft Berlin, UBS Warburg oder die WestLB haben Open-End oder Unlimited-Zertifikate im Programm. Allerdings behalten sich die meisten Emittenten eine Kündigung nach fünf Jahren vor. "Es macht keinen Sinn, Zertifikate endlos weiterzuführen, wenn sich kein Mensch mehr für einen bestimmten Index interessiert", heißt es dazu bei der Bankgesellschaft Berlin.

Auf Kursgewinne durch die Umwandlung von Vorzugs- in Stammaktien können Investoren mit zwei Zertifikaten von Société Générale ("Transformer") und WestLB ("Conversion Select") spekulieren. Im Aktienkorb befinden sich bei der WestLB jeweils die Vorzüge von VW, Axa Colonia, MAN, Metro, Rheinmetall, RWE und Sartorius sowie die Stämme von Fresenius, womit auch der M-Dax berücksichtigt wird. Die Franzosen setzen nur auf den Dax, etwa mit SAP, Henkel oder BMW. Der Hintergrund: Von Juni 2002 an berücksichtigt die Deutsche Börse nur noch eine Aktiengattung bei der Berechnung der Indizes. Firmen mit Stämmen und Vorzügen, die bisher zur Bestimmung der Marktkapitalisierung addiert werden konnten, verlören dann an Gewicht. In beiden Fällen werden jedoch - Nachteil fast aller Zertifikate - die Dividenden einbehalten.

Gleichzeitig Bulle und Bär zu reiten soll das neue "Alternative Index Zertfikat" von BNP Paribas ermöglichen. Die Wertentwicklung sei, so verspricht die französische Bank, unabhängig von der Großwetterlage an den Börsen. Der Anleger verdiene in Hausse- wie in Baissezeiten. Möglich sein soll dies durch einen Index, der 25 ausgewählte Hedge-Fonds repräsentiert - also Fonds, die auch mit Leerverkäufen und Optionen hantieren. Am höchsten gewichtet ist die Long-Short-Equity-Strategie, bei der unterbewertete Aktien ge- und überbewertete verkauft werden. Durch die Streuung auf verschiedenen Strategien, so heißt es bei BNP Paribas, liege das Risiko trotzdem auf dem Niveau von Rentenfonds. Das Zertifikat ist jedoch nicht billig: BNP erhebt einen Ausgabeaufschlag von vier Prozent und - für die monatliche Überprüfung der Zusammensetzung - eine Managementgebühr von drei Prozent. Mit zwei Prozent ist auch der Spread, also die Differenz zwischen Kaufs- und Verkaufpreis, recht hoch.

Einen "Index, der für zwei arbeitet" hat die Hypo-Vereinsbank kreiert. Die dividendenstärksten Blue Chips aus Dax und Dow Jones Stoxx vereint das Continental Star Zertifikat, das - rückwirkend berechnet die beiden Leitindizes erheblich übertroffen hat. Im Index vertreten sind beispielsweise Daimler-Chrysler, Bayer oder UBS.

Den Kassenschlagern Biotech-Fonds die Stirn bieten will ABN Amro mit seinem Open-End-Zertifkat auf den Amex-Biotechnology-Index, der die 17 größten Biotech-Firmen enthält. Der Amex hat sich in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt hat als der marktbreitere Nasdaq-Biotech-Index. Und: kein einziger Fondsmanager war imstande, den Amex zu schlagen. Ein paar zusätzliche Prozente mehr als der Fondsmanager aus Fleisch und Blut soll künftig auch eine Maschine aus dem Markt holen: Erstmals in der Geschichte der Geldanlage managt bei der Société Générale nicht ein Mensch ein Portfolio, sondern eine künstliche Intelligenz. Biolyst heißt das Zertifikat, das in 15 US-amerikanische Biotech-Werte investiert.

Zum Teil treibt der Erfindungsreichtum skurrile Blüten. So kann man bei Lehman Brothers auf Aktien spekulieren, die von einem Wahlsieg Al Gores in den USA möglicherweise stärker profitiert hätten, darunter Sun Microsystems, Oracle und AT & T. Auch das Pendant ist natürlich zu haben: Im George-Bush-Zertifikat sind unter anderem Philip Morris, die Pharmafirmen Pfizer und Eli Lilly sowie der Ölriese Chevron vertreten. Die Strategie ist teilweise aufgegangen: Während die Bush-Werte seit der Auflage "nur" zehn Prozent einbüßten, verloren die Gore-Papiere 27 Prozent.

Dass bei weitem nicht alle Spekulationen aufgehen, zeigt etwa das Tsunami-Zertifikat (WKN 353509, ABN Amro), das, wie die gleichnamige Riesenwelle, dem Depot zu überschäumender Performance verhelfen sollte. Nach der Megahausse der US-Internets, so hieß es bei der Auflage vor eineinhalb Jahren, seien die "unterbewerteten" japanischen Internet-Werte am Zuge. Wer damals eingestiegen und noch immer investiert ist, sitzt inzwischen auf Verlusten von etwa 50 Prozent. Damit dürfte klar sein, warum man für Zertifikate - wegen der Laufzeitbegrenzung - bei vielen Banken die für Optionsscheine erforderliche Börsentermingeschäfts-Fähigkeit braucht.

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