Wirtschaft : Zetsche setzt sich bei Mercedes keine Grenzen

Daimler-Chrysler und VW müssen weiter sparen – auch am Personal / Kanzler Schröder will an sozialen Frieden appellieren

Alfons Frese,Moritz Döbler

Frankfurt am Main/Berlin - Die neuen Stars der deutschen Autoindustrie standen am ersten Tag der Internationalen Autoausstellung IAA im Mittelpunkt. Dieter Zetsche, der Anfang kommenden Jahres Vorstandsvorsitzender von Daimler-Chrysler wird, kündigte am Montag überraschend an, „für einen unbegrenzten Zeitraum“ auch Mercedes-Chef sein zu wollen. Er hatte den Posten vor zwölf Tagen aus der Not heraus übernommen.

VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard, der bis vor anderthalb Jahren mit Zetsche an der Spitze der Chrysler Group stand, präsentierte auf der IAA ein Cabrio mit dem Namen „Eos“ und will bis 2010 „fünf bis zehn neue VW-Modelle“ auf den Markt bringen, die keinen direkten Vorgänger haben. „Wir werden in der Zukunft noch mehr wagen, Volkswagen braucht mehr Mut“, sagte Bernhard.

Befürchtungen über einen Abbau von bis zu 30 000 Stellen bei Europas größtem Autobauer wies er als „völlig aus der Luft gegriffen“ zurück. Er blieb aber bei seiner Drohung, den Golf-Geländewagen „Marrakesch“ nach Portugal zu vergeben, wo der Bau 1000 Euro pro Fahrzeug günstiger sei als in Wolfsburg.

Offensichtlich mit Blick auf diese Auseinandersetzung will Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am Dienstag bei seiner IAA-Eröffnungsrede an die Autoindustrie appellieren, den sozialen Frieden zu bewahren. Laut Redemanuskript, das dem Tagesspiegel vorliegt, hebt er die „vorbildliche und flexible Tarifpolitik“ der Branche hervor. „Ich gehe fest davon aus, dass aktuelle Herausforderungen bei dem einen oder anderen Hersteller ebenfalls möglichst rasch im Konsens gelöst werden. Diese Fähigkeit zum sozialen Frieden müssen wir bewahren, denn er hat unsere Wirtschaft stark und wettbewerbsfähig gemacht.“ Schröder will sich ferner in der Feinstaubdebatte gegen flächendeckende Fahrverbote aussprechen.

Zetsche sagte, es sei nicht nach einem Nachfolger für den zurückgetretenen Mercedes-Chef Eckhard Cordes gesucht worden. Cordes hatte um Auflösung seines Vertrages gebeten, nachdem Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp im Juli seinen Rücktritt für Ende 2005 angekündigt hatte. Zetsche sagte nun, er habe „die Situation nicht initiiert, aber ich bin sehr froh darüber“. Es sei durchaus üblich, dass ein Konzernchef auch die wichtigste Marke im Konzern leite.

Zur aktuellen Situation der Mercedes Car Group – neben Mercedes auch Smart und Maybach – äußerte sich Zetsche zufrieden. Die Sanierung des Smart sei „im Plan“ und die Qualität von Mercedes-Fahrzeugen „nach internen Messungen besser als je zuvor“. Allerdings müssten die Autos künftig mit „weniger Aufwand“ produziert werden, bei Effizienz, Qualität und Produktivität habe Mercedes Nachholbedarf. Über einen möglichen Stellenabbau im Mercedes-Stammwerk Sindelfingen, wo ein Stellenüberhang von bis zu 5000 im Gespräch ist, werde „mit dem Betriebsrat diskutiert“.

Während Mercedes und VW unter Überkapazitäten leiden, geht es BMW und Audi glänzend. BMW-Chef Helmut Panke sagte, seit der letzten IAA im Herbst 2003 habe die BMW Group – BMW, Mini und Rolls-Royce – ihren Absatz um 20 Prozent erhöht. Am Montag stellte er ein Konzept-Auto mit Hybrid-Antrieb vor. Es kombiniert Verbrennungs- und Elektromotor und verbraucht im innerstädtischen Verkehr bis zu 30 Prozent weniger Kraftstoff.

Auf der weltgrößten Automesse sind in diesem Jahr gut 1000 Aussteller vertreten. In den ersten Tagen ist die Messe der Presse und Fachbesuchern vorbehalten, bevor sie am Wochenende (bis 25. September) für das breite Publikum geöffnet wird. Kommenden Montag, einen Tag nach der Bundestagswahl, wird Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) zum „Abend der Autoindustrie“ erwartet.

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