Wirtschaft : Zeuge in Bedrängnis

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch wusste von der Sexaffäre womöglich mehr, als gedacht – das könnte den Prozess wenden

Carsten Brönstrup

Berlin - Was wusste Ferdinand Piëch? Und wer kann bezeugen, was Ferdinand Piëch wusste? Das sind die zentralen Fragen, die in dieser Woche den VW-Prozess um Lustreisen und die Bestechung von Betriebsräten bestimmen werden. Für den mächtigen VW-Aufsichtsratschef könnte es kurz vor Weihnachten noch eine unangenehme Überraschung geben: Sollten die Staatsanwälte des Landgerichts Braunschweig nachweisen können, dass Piëch von den Millionenzahlungen und den Sex-Parties für die VW-Arbeitnehmervertreter wusste, landet er womöglich bald selbst vor dem Richter. Und die beiden nun Angeklagten, Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert und Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, der das Schmiersystem organisiert hatte, könnten zumindest mit Strafminderung rechnen.

Für eine Mitwisserschaft Piëchs mehren sich die Indizien. So ist ein Brief eines ehemals leitenden Angestellten aus Kassel an Piëch vom April 2003 aufgetaucht, in dem von „Luxusreisen, Reisen von Betriebsräten, Aufsichtsräten, Politikern und Prominenten“ die Rede ist. In dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es zudem, es gebe „dubiose Anforderungen und Abrechnungen wie das Konto 1860 des H. Hartz“ – über diesen Posten waren auch die jahrelangen Annehmlichkeiten für die Betriebsräte abgerechnet worden. Der Absender, Holger Sprenger, fordert Piëch weiter auf, „nun endlich tätig zu werden“. Bislang hatte der stets beteuert, von der VW-Affäre nichts gewusst zu haben. Bei VW selbst heißt es, der Brief sei „kalter Kaffee“. Es gebe keinen Zusammenhang mit dem Prozess gegen Volkert und Gebauer. Vielmehr gehe es bei den Ausgaben um „Marketingmaßnahmen im Rahmen von Fahrzeugpräsentationen“. Staatsanwaltschaft und VW-Revision hätten zudem die Vorwürfe mehrfach geprüft, „ohne dass irgendwelche Straftaten festgestellt werden konnten“. Der Autor des Briefes versuche, Druck auf den Konzern auszuüben und Millionenzahlungen zu erhalten.

Für die Verwicklung Piëchs gibt es indes noch einen anderen Anhaltspunkt – ein Papier von 1998, in dem es um Volkerts Rentenbezüge geht. Sie werden in dem Schreiben, das dem „Handelsblatt“ vorliegt, von 40 auf nur für Vorstände übliche 50 Prozent der letzten Bezüge angehoben. Unterschrieben ist es von „F. Piëch“. Demnach hat Europas mächtigster Automanager Volkerts Sonderstatus gebilligt.

Wolfgang Kubicki, der Anwalt Gebauers, freut sich jedenfalls auf die nächsten Prozesstage. „Wenn der Vorstand und auch der Vorstandsvorsitzende von den besonderen Leistungen gewusst haben, dann entfällt der Vorwurf der Untreue gegen meinen Mandanten“, sagte er dieser Zeitung. Gebauer habe immer betont, dass seine Tätigkeit nur denkbar war mit ausdrücklichem Willen des Vorstands. Er werde den Brief dem Gericht vorlegen, ungeachtet der Zweifel des VW-Konzerns, kündigte der Anwalt an.

Am Dienstag, dem vierten Verhandlungstag gegen Volkert und Gebauer, soll zudem mit Ex-Finanzvorstand Bruno Adelt einer von drei neuen Zeugen aussagen, die Piëchs Mitwisserschaft belegen sollen. Es folgen Audi-Chef Rupert Stadler und ein anderer Ex-Finanzmanager. Am Donnerstag soll Ex-Personalchef Peter Hartz angehört werden, der Anfang des Jahres in seinem Prozess mit einer Bewährungsstrafe davongekommen war. Piëch muss am 9. Januar in den Zeugenstand – und bekennen, was er gewusst hat. Das Urteil gegen Volkert und Gebauer ist für den 24. Januar geplant. mit HB

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