Wirtschaft : Ziemlich direkt

Schering beruft eine Frau in den Vorstand – und löst eine Revolution aus

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Berlin Die letzte Revolution hat Schering mit der Einführung der Anti-Baby-Pille ausgelöst. Das war 1961. 40 Jahre später ist dem Berliner Pharmakonzern wieder ein revolutionärer Akt gelungen, dessen Tragweite das Unternehmen selbst am meisten überrascht hat: Schering hat in der vergangenen Woche Karin Dorrepaal in den Vorstand berufen. Sie ist nach vielen Jahren die erste Frau, die in die Führungsriege eines Dax-30-Unternehmens einzieht. Von September an ist die Holländerin für den Geschäftsbereich Diagnostika verantwortlich, der ein Drittel zum Konzernumsatz beisteuert.

Dass bei dem Berliner Unternehmen nach der Bekanntgabe die Drähte heiß liefen wie sonst höchstens nach einer Gewinnwarnung, liegt daran, dass die promovierte Ärztin und Ökonomin nicht nur hervorragend qualifiziert und gerade 43 Jahre alt ist, sondern auch noch attraktiv und sportlich. Und damit insgesamt ein vollkommen neues Profil in ein Unternehmen hineinträgt, das bisher als ausgesprochen konservativ bekannt war. Das ist so viel auf einmal, dass ein Schering-Sprecher sich beeilt darauf hinzuweisen, dass bei der Auswahl von Kandidaten für solche Top-Jobs „das Geschlecht keine Rolle spielt, nur die Qualifikation“.

Bei der Berufung dürfte auch wichtig gewesen sein, dass Dorrepaal das Unternehmen gut kennt. Im Auftrag der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, für die sie zuvor zehn Jahre lang in Amsterdam gearbeitet hat, beriet sie Schering rund drei Jahre bei der Neuausrichtung von Marketing und Vertrieb.

Die Finanzmärkte halten die Berufung von Dorrepaal für die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. „Sie ist eine geeignete Kandidatin, um das zu erreichen, was Schering jetzt braucht: die Einsparziele durchzusetzen und die Profitabilität weiter zu steigern“, sagt Pharmaanalyst Marcus Konstanti vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Schering hatte nach einem Gewinnrückgang im vergangenen Jahr das Sparprogramm „Focus“ aufgelegt. Bis 2006 will das Unternehmen weltweit 2000 der 26 500 Arbeitsplätze abbauen, Produktionsstandorte schließen und den Geschäftsbereich Dermatologie (Hautpflege) ausgliedern, um profitabler zu werden. Dass das Sparprogramm unter Dorrepaal noch einmal neu aufgelegt wird, erwarten Marktbeobachter nicht: „Erst einmal muss das bestehende Programm umgesetzt werden“, sagt Pharmaanalyst Konstanti. „Erst, wenn es sich nicht planmäßig entwickelt, müsste noch einmal nachgelegt werden.“

Dorrepaals letzter Arbeitgeber Booz Allen Hamilton zweifelt nicht daran, dass die Holländerin auch ihren neuen Job gut machen wird. „Sie weiß genau, welche Richtung eingeschlagen werden muss, und setzt sich klare und erreichbare Ziele“, sagt Klaus-Peter Gushurst, der Deutschlandchef der Unternehmensberatung, der sie seit 15 Jahren kennt. Der Unternehmensberater beschreibt Dorrepaal, die vorerst keine Interviews gibt, als sehr offen, international und erfolgreich in der Motivation von Mitarbeitern. Umgekehrt dürften Mitarbeiter sich allerdings auf ein sehr direktes Feedback einstellen, sollte etwas nicht zu ihrer Zufriedenheit verlaufen. „Sie ist keine Politikerin“, sagt Gushurst. Das lässt auch der entschlossene Gesichtsausdruck der Seglerin vermuten, die mit ihrem langjährigen Lebensgefährten gerade den Umzug nach Berlin vorbereitet.

Sollte Dorrepaal sich nach weiblichen Vorbildern für ihren neuen Job umsehen, muss sie lange suchen. Als einziges Dax-30-Unternehmen hat bislang nur die Deutsche Bank einer Frau einen Vorstandsposten anvertraut. Nach dem Tod von Ruth Ellen Schneider-Lenné 1996 wurde der Job mit einem Mann besetzt.

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