Wirtschaft : Zinspolitik: Europäische Zentralbank steckt in der Stabilitätsfalle

Martina Ohm

Die steigenden Inflationsraten im Euro-Raum haben die Diskussion über die künftige Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) neu entfacht. Mit 2,4 Prozent war die Teuerung im Juni so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr. Vor allem aber übersteigt der Wert die Toleranzschwelle der europäischen Währungshüter. Auch die neuen Daten für Juli, die am Freitag veröffentlicht werden, dürften an dieser Situation nichts ändern. Die Notenbanker hatten sich in der EZB-Gründungsphase vor zwei Jahren zum Ziel gesetzt, die Inflationsrate dauerhaft unter zwei Prozent zu halten. Erst Raten, die diesen selbst gesteckten Grenzwert überschreiten, bergen - per Definition - inflationäre Gefahren und veranlassen die Notenbank zum zinspolitischen Gegensteuern.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Währungshüter sich womöglich ein zu ehrgeiziges Ziel gesetzt haben und zu einer Korrektur ihrer Umschreibung von Geldwertstabilität gezwungen sein könnten. Die Frage lautet, ob sich der Euro-Raum auf Dauer - die EZB sagt mittelfristig - als Stabilitätsinsel behaupten kann. Dynamischere Wachstumsraten, steigende Energiepreise und die Auswirkungen eines relativ schwachen Euros wirken schließlich nach wie vor tendenziell preistreibend. Insofern bleiben die Währungshüter gefordert. Seit vergangenem November hat die EZB den Leitzins in fünf Schritten von 2,5 Prozent auf 4,25 Prozent nach oben gesetzt. Zuletzt erhöhte sie im Juni die Zinsen überraschend deutlich um 0,5 Prozentpunkte. Damit dürfte das Ende der Fahnenstange aber noch nicht erreicht sein. Bereits die neue Feinsteuerung der Märkte macht deutlich, dass die kurzfristigen Zinsen im Euro-Raum langsam, aber sicher steigen. Seit Ende Juni versorgt die EZB die Geschäftsbanken durch Zinstender. Dabei bestimmen die Institute durch Gebote den Zuteilungssatz, zu dem den Banken im Rahmen so genannter Wertpapierpensionsgeschäfte Mittel zur Verfügung gestellt werden. Seit Anfang des Jahres sind diese Zinssätze kontinuierlich gestiegen. Schon auf der nächsten Ratssitzung der EZB am 31. August, spätestens aber auf der darauf folgenden Zusammenkunft am 14. September, rechnen EZB-Beobachter mit einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen um 0,25 beziehungsweise 0,5 Prozentpunkte. Die Zentralbank selber schürte in ihrem letzten Monatsbericht entsprechende Erwartungen.

Würde man nur die Situation in Deutschland zum Maßstab machen, wäre die Lage nicht weiter Besorgnis erregend. Hier zu Lande liegt die Teuerung noch bei moderaten zwei Prozent. Doch alle anderen Staaten, außer Frankreich, verzeichnen inzwischen höhere Preissteigerungsraten - Folgen hoher Zuwachsraten bei Konsumentenkrediten, boomender Immobilienmärkte und zunehmender Beschäftigung (siehe Tabelle).

Insgesamt ist der Preisanstieg im Euro-Raum vorwiegend auf exogene Faktoren zurückzuführen. Allen voran schlägt die Verteuerung im Energiesektor zu Buche, aber auch die Abwertung des Euro, der seit seiner Einführung gegenüber dem US-Dollar um 15 Prozent nachgegeben hat. Allein die Ölpreise haben sich seit Anfang 1999 von unter zehn auf über 30 Dollar pro Barrel verdreifacht. Summa summarum fällt rund die Hälfte des Verbraucherpreisanstiegs im Euro-Raum auf die höheren Energiepreise.

Dieser Effekt wird in Zukunft nachlassen. Doch dafür werden andere Warengruppen und Dienstleistungen, die als Vorprodukte Öl benötigen, deutlich teurer werden. Vor allem aber hängt die weitere Entwicklung von der konjunkturellen Situation außerhalb des Euro-Raumes ab. Die erwartete Dynamik der Weltwirtschaft, für die ein Wachstum von 4,5 Prozent in diesem Jahr erwartet wird, lässt - wechselkursbedingt - höhere Importpreise für den europäischen Währungsraum erwarten. Hinzu kommt, dass auch die Konjunktur in Europa an Fahrt gewinnt. Die OECD-Volkswirte rechnen damit, dass bereits 2001 ein gesamtwirtschaftlicher Nachfrageüberhang entsteht. Der Spielraum für Unternehmer, Preissteigerungen an Dritte weiterzugeben, steigt also.

Hinzu kommt die reichliche Liquiditätsversorgung, die sich erfahrungsgemäß mit einer zeitlichen Verzögerung von einem Jahr in den Preisen niederschlägt. Das Geldmengenwachstum überschreitet seit geraumer Zeit mit über fünf Prozent deutlich den von der EZB selbst festgelegten Referenzwert von 4,5 Prozent. Und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Das Interesse an kurzfristigen Anlagen ist tendenziell ungebrochen. Die so genannten Kurzläufer werfen zurzeit mehr ab als Langfrist-Anlagen. Der Trend verstärkt sich sogar noch. Denn die Bundesregierung muss durch die zusätzlichen Einnahmen aus der UMTS-Auktion weniger Mittel am Markt aufnehmen. Für die Anleihen, die sie jedoch noch auflegt, zahlt sie weniger: Die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen sinken. Für den Markt ist das ein falsches Signal. Denn diese Entwicklung fördert nicht nur das Interesse an kurzfristigen Anlagen, sondern erhöht indirekt den Druck auf die EZB, mit noch höheren Leitzinsen den Inflationsgefahren zu begegnen. Eine Entlastung für Europas Währungshüter ist jedenfalls nicht in Sicht.

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