Wirtschaft : Zinspolitik: Japans Notenbank steht unter Druck

bfr

An der japanischen Börse steht an diesem Freitag eine Frage im Mittelpunkt: Beendet die Notenbank nach mittlerweile rund eineinhalb Jahren ihre Nullzinspolitik oder nicht? Im Vorfeld hat der Tokioter Aktienmarkt am Donnerstag schwächer tendiert, das führende Börsenbarometer Nikkei-225 sank um 0,4 Prozent unter die wichtige Marke von 16 000 Punkten auf 15 975 Zähler. Dagegen konnte der Yen in den vergangenen Tagen von den Zinsspekulationen profitieren. Am Donnerstag gab er allerdings leicht nach und pendelte um 108,20 Yen je Dollar.

In der Zinsfrage stehen sich die Zentralbank und die Regierung mit unterschiedlichen Interessen gegenüber. Während Zentralbank-Chef Masaru Hayami aus konjunkturellen Gründen für eine leichte Anhebung der seit Februar 1999 nahe Null liegenden kurzfristigen Zinsen plädiert, will Finanzminister Kiichi Miyazawa die Nullzinspolitik beibehalten. Diese Woche wurde der Konflikt offen ausgetragen. Hayami versuchte zwar, die Differenzen herunterzuspielen, trat aber unmissverständlich den Forderungen nach einer unveränderten Zinspolitik entgegen. Dies sei nach der kräftigen Erholung der Wirtschaft nicht mehr angebracht, sagte er im Parlament. Die Wirtschaft sei reif für die erste Zinserhöhung nach zehn Jahren. Die Kritiker aus der Politik befürchten dagegen, dass die Konjunktur erneut abgewürgt werden könnte, auch weil dies die Kreditverfügbarkeit für den Mittelstand beeinträchtige und die Zahl der Insolvenzen stark steigen könnte.

Dabei ist die Konjunkturlage in Japan tatsächlich zwiespältig. Nach der schweren Krise 1998/99 mit Deflationssorgen befindet sich die Wirtschaft zwar auf Erholungskurs, für das zweite Quartal lautet die Schätzung des Wirtschaftsplanungsamtes auf 1,6 Prozent Wachstum nach nur 0,1 Prozent im ersten Vierteljahr. Zugleich hat Japan aber immer noch mit einer schwachen Verbrauchernachfrage und einer hohen Zahl von Firmenpleiten im Mittelstand zu kämpfen. Experten sind der Auffassung, der Aufschwung habe nur einen Teil der Wirtschaft erfasst, vornehmlich die von der guten Weltkonjunktur profitierende Großindustrie. Schwierig ist dagegen die Lage im Immobiliensektor, wo die Verschuldung der Unternehmen ein Problem darstellt, sowie im Einzelhandel. Einer Reuters-Umfrage zufolge rechnen 17 von 29 befragten Volkswirten damit, dass die Bank of Japan die Zinsen noch nicht anheben wird. "Sie wird die wirtschaftliche Erholung des Landes nicht durch einen voreiligen Zinsschritt gefährden", sagte ein Währungsexperte.

Dennoch hätten Händler in Fernost Dollar-Positionen aufgelöst, um im Fall eines Zinsschrittes problemlos in Yen-Anlagen wechseln zu können, hieß es am Devisenmarkt. Der Yen profitiert sowohl zum Dollar als auch zum Euro von den Spekulationen. Marktbeobachter halten es für möglich, dass eine Zinserhöhung den ohnehin schwachen Euro noch mehr belasten könnte. Beim Dollar spielt eine Rolle, dass der jüngste Konjunkturbericht der US-Notenbank auf eine Abkühling der US-Wirtschaft hindeutet und damit dort eine Zinserhöhung am 22. August unwahrscheinlicher geworden ist. Ob sich der Tokioter Aktienmarkt bei anhaltender Nullzinspolitik wieder erholen kann, bleibt abzuwarten; er hat seit dem Nikkei-Hoch vom April von 20 800 Punkten immerhin schon fast ein Viertel eingebüßt.

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