Wirtschaft : Zinssenkung gegen das Deflationsgespenst

Börsianer erwarten EZB-Entscheidung – Sinkende Zinsen könnten Lethargie der Investoren beenden

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Berlin (mot). Nach den kräftigen Kursverlusten an den Aktienmärkten sind die Investoren am Dienstag in Wartestellung gegangen. Zwar gab der Dax bis zum Handelsschluss kaum nach – er fiel um 0,4 Prozent auf 2839 Punkte –, die Sorge vor größeren Kursverlusten ist aber geblieben. Gründe dafür gibt es genug: Deflationsgefahr, EuroHöhenflug, Konjunkturkrise, Reformstau und Charttechnik sorgen für eine gefährliche Mischung am Aktienmarkt. Ihre Hoffnungen richten viele Investoren jetzt auf die Europäische Zentralbank (EZB), die mit einer Zinssenkung im Juni ein geldpolitisches Signal setzen – und das Deflationsgespenst vertreiben soll.

Sinkende Zinsen würden aber vor allem die Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar bremsen, der der deutschen Exportwirtschaft zu schaffen macht. Niedrigere Sätze im Euroraum würden die Zinsdifferenz zwischen den USA (1,25 Prozent) und der Euro-Zone (derzeit 2,5 Prozent) verkleinern. Dies reduziert die Attraktivität von Euro-Anleihen für ausländische Investoren und zügelt die Kapitalumschichtung von Dollar in Euro und damit den Anstieg der europäischen Gemeinschaftswährung. Am Dienstag legte der Euro zunächst eine Pause ein: Die EZB setzte einen Referenzkurs von 1,1644 (Montag: 1,1652) Dollar fest.

Die Investmentbank Morgan Stanley erwartet eine Zinssenkung im Euroraum bis auf 1,75 Prozent im dritten Quartal. Einen ersten Schritt von 0,50 Prozentpunkten werde es bei der übernächsten EZB-Sitzung am 5. Juni geben. „Die Zinssenkung kommt zu spät, aber sie kommt“, glaubt auch Robert Halver, Leiter der deutschen Niederlassung des Vermögensverwalters Vontobel Asset Management. Die Notenbank hinke der Entwicklung hinterher, weil es schon lange keinen Inflationsdruck im Euroraum mehr gebe. Dies bedeute aber nicht, dass Deutschland am Rande einer Deflation stehe. Das Preisniveau steige immer noch, ein anhaltender Preisverfall wie bei einer Deflation sei nicht zu beobachten. Eine Zinssenkung ist nach Halvers Ansicht wichtig, weil sie die „Banken an den Kredittisch zurückholt“, also die Refinanzierung von Krediten an Unternehmen und Verbraucher verbilligt und Investitionen anregt.

„Eine Senkung der Zinsen wäre eine kurzfristige Lösung, aber das größte Problem ist die Widerspenstigkeit des politischen Systems“, fürchtet dagegen der Chefökonom von Stanley Morgan, Stephen Roach, in der „New York Times“. Vor allem US-Ökonomen sehen in dem starren Arbeitsmarkt, dem ihrer Ansicht nach zu großzügigen Sozialstaat und der zähen Geldpolitik der EZB die wichtigsten Ursachen für die anhaltende Flaute in Deutschland. „Die Investoren suchen händeringend nach Sicherheit, weil die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen unsicher bleiben“, sagt Robert Halver. Am Rentenmarkt sei deshalb der Run auf langfristig festverzinsliche Papiere ungebrochen.

In der Konsumzurückhaltung der Verbraucher und der abwartenden Haltung der verunsicherten Investoren sehen Ökonomen die größte Gefahr für eine deflationäre Abwärtsspirale in Deutschland. Geriete wegen des allgemeinen Abwartens – gepaart mit einem weiter starken Euro und einer niedrigen Kapazitätsauslastung – das Preisniveau ins Rutschen, weil alle weitere Preissenkungen erwarten, brächte dies auch die Konjunktur zum Absturz. Am Ende hätte auch die Europäische Zentralbank keinen Spielraum mehr, um mit Zinssenkungen die Wirtschaft zu stimulieren. Sie müsste nämlich einen negativen Nominal-Zinssatz festlegen, um – bei fallenden Preisen – einen für die Investitionen relevanten negativen Realzins zu erreichen. Dies ist aber nicht möglich.

Damit es so weit nicht kommt, setzen Anleger und Ökonomen nun auf einen Impuls der EZB. Sinkende Zinsen, so die Erwartungen, würden das Schreckgespenst „japanischer Verhältnisse“ zunächst vertreiben.

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