Wirtschaft : Zinssenkungen: Kommentar: Psychologie, keine Panik

Carsten Brönstrup

Ein Schnellschuss? Hektik? Panik? Oder ein Schachzug, welcher der prekären Situation nach den Terroristen-Attacken in den USA angemessen war? An der Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB), die im Konzert mit der US-Notenbank Federal Reserve am Montagabend den Preis des Geldes deutlich senkte, scheiden sich die Geister. Nicht Unrecht hat, wer EZB-Chef Wim Duisenberg und sein Haus nun der Unglaubwürdigkeit zeiht. Hatte Duisenberg doch bislang stets versichert, dass die EZB vor allem die Entwicklung der Preise im Blick habe - Konjunktur und Finanzmärkte zu stimulieren sei nicht das oberste Ziel europäischer Geldpolitik, hieß es. Obendrein hatte die Notenbank noch vergangenen Donnerstag das Zinsniveau in Europa als angemessen bezeichnet und Duisenberg keine sechs Stunden vor der EZB-Aktion verlauten lassen, eine Abschätzung der ökonomischen Folgen der Anschläge sei noch nicht möglich. Und schließlich ist das Gespenst der Inflation vom Kontinent noch nicht verscheucht, trotz gebremster Geldentwertung.

Diese Argumente sind berechtigt, und unter normalen Umständen könnte man nun der EZB eine schwere Beschädigung ihrer mühsam aufgebauten Reputation anhängen. Doch das wäre zu kurz gedacht. Der Zinsschritt, so ungewöhnlich und plötzlich er war, kam zur rechten Zeit. Für die Situation, in welcher die EZB-Währungshüter steckten, gibt es keinen Präzendenzfall, sie ist nicht mit gewöhnlichen Maßstäben der Geldpolitik zu messen. Dass die Weltkonjunktur unter den Anschlägen in New York und Washington leiden wird, liegt auf der Hand - selbst wenn noch keine statistischen Daten vorliegen. Die Wirtschaftsentwicklung in Europa stand ohnehin auf der Kippe und Amerika droht als Wachstumsmotor auszufallen. Eine Panik an den Börsen hätte dies noch verstärkt. Und zu befürchten ist, dass mögliche Vergeltungsschläge der Nato gegen die Attentäter Unternehmen und Verbraucher rund um den Globus weiter verunsichern werden. Kaum etwas ist derzeit wichtiger als Psychologie. Diese haben die Fed und die EZB gestärkt und damit getan, was in ihrer Macht steht, um einen Konjunkturschock zu verhindern. Nun sind die Wirtschaftspolitiker an der Reihe.

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