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Zu Besuch im Entwicklungsbüro : Die Googler

18.12.2010 22:13 Uhrvon
Lockere Atmosphäre. Im Münchner Büro arbeiten vor allem Softwareentwickler.Bild vergrößern
Lockere Atmosphäre. Im Münchner Büro arbeiten vor allem Softwareentwickler. - Foto: IMAGO

Wie der Internetkonzern Google in München neue Anwendungen für Nutzer in der ganzen Welt entwickelt.

Intern werden sie die „Google seven“ genannt. Das sind die sieben Kilo, die ein Noogler, also ein neuer Mitarbeiter bei Google, im Schnitt zunimmt, wenn er anfängt, für den Internetkonzern zu arbeiten. Der Gemüsespieß, den es an diesem Tag in der Kantine im Münchner Entwicklungsbüro gibt, trägt wohl nicht dazu bei. Eher vielleicht die Säfte und Leckereien aus den mannshohen Selbstbedienungskühlschränken oder die Chips und Schokoriegel aus der Snackbox im Gang. Die Mitarbeiter werden hier gut versorgt: Speisen, Getränke und Snacks sind kostenlos. Im Massagesessel um die Ecke kann man dann ein Mittagsschläfchen halten oder am Kicker ein paar Kalorien wieder abtrainieren.

In den Büroräumen mit den rot-gelb- grün-blauen Teppichböden und den individuell geschmückten Arbeitsplätzen spürt man keine Anspannung wegen der zuletzt teilweise sehr hitzigen öffentlichen Debatten über Google. Politiker, Datenschützer und andere Kritiker kritisierten das Unternehmen wegen seiner Datensammelwut und dem Panoramadienst Street View. In den zwei Büroetagen werden vielmehr Erinnerungen an die Boomzeiten der New Economy wach.

„Wir haben ein tolles Arbeitsumfeld“, sagt der Leiter des Entwicklungsbüros Wieland Holfelder. Der Chef ist wie die Mitarbeiter leger gekleidet, trägt Jeans und ein blau-weiß kariertes Hemd. „Bei all dem Bunten und Lockeren darf man aber nicht vergessen, dass hier hart gearbeitet wird.“ Das jedoch in exquisitem Umfeld: in der Dienerstraße im Zentrum der Stadt, neben dem berühmten Feinkosthändler Dallmayr, mit Blick über den Marienhof auf die Türme der Frauenkirche. Das Münchner Büro ist eines von weltweit mehr als 25 Entwicklungsbüros des Internetkonzerns. „Kalifornien ist schön“, sagt Holfelder, der dort selbst zehn Jahre gelebt hat. „Aber nicht jeder ist bereit, dort zu arbeiten.“ Viel mehr gebe es überall auf der Welt Leute mit speziellen Fähigkeiten und brillante Entwickler. „Diese Talente wollen wir für uns gewinnen“, sagt Holfelder. Und München sei nun mal das Silicon Valley Europas, auch wenn das in Berlin niemand gern hört. „Hier spielt die Musik wenn es um das Thema Internet geht – über die Grenzen Deutschlands hinaus. Und es ist ein Ort, an dem es sich gut leben lässt“, fügt er lächelnd hinzu.

Jedes Büro hat spezielle Aufgaben. Die Münchner steuern bei, was man wohl weltweit für deutsche Stärken hält – zum Beispiel die Themen Datenschutz oder Internet im Auto. Sie arbeiten auch an neuen Funktionen für den Internetbrowser Chrome oder an Online-Anwendungen für Firmen. Das in Deutschland so heftig umstrittene Produkt Street View, das Panoramabilder von Häusern und Straßen zeigt, wurde dagegen in den USA und Zürich entwickelt.

Angefangen haben die Mitarbeiter in München im Jahr 2007 mit der Entwicklung interner Softwarewerkzeuge für die Programmentwickler weltweit. „Das sind zu hundert Prozent Ingenieursleistungen“, betont Holfelder, der sich selbst einen begeisterten Technik-Freak nennt. Wer sonst besitzt schon einen Whirlpool, den man per E-Mail vorheizen kann? Holfelder hatte so einen, als er in Kalifornien lebte. Dort hat er auch die Entwicklung von Google von Anfang an mitverfolgt. „Google ist eine von der Technik getriebene Firma“, erklärt er. „Und es ist eine der wenigen, in der man als Softwareentwickler Karriere machen kann.“ Das Unternehmen achte darauf, dass die Zahl der Mitarbeiter im Vertrieb nicht größer ist, als die der Ingenieure. Dabei verdient Google sein Geld zum größten Teil mit dem Verkauf von Werbung im Internet. 2009 setzte der Konzern 23,7 Milliarden Dollar um, 2010 werden es wohl mehr als 26 Milliarden sein. Weltweit arbeiten heute 23 000 Menschen für das Unternehmen. „Die Hälfte davon sind Ingenieure“, sagt Holfelder.

In Deutschland hat Google um die 300 Mitarbeiter, verteilt auf den Firmensitz in Hamburg, Büros in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin sowie das Entwicklungsbüro in München. Hier arbeiten etwa 60 Softwareentwickler und rund 35 Leute in den Vertriebsteams. Gerade ist unter dem Dach eine neue Etage hinzugekommen. Zur Hälfte sind die neuen Büros schon fertig und besetzt. „Wir haben versucht, hier ein bisschen Alpenatmosphäre hineinzubringen“, erklärt Holfelder und zeigt auf der Empore eine nachgebildete Felswand aus Styropor. „Es gibt sogar ein Edelweiß – auch nachgebildet.“ Und es gibt noch viele ungenutzte Schreibtische und leeren Raum. Holfelder öffnet eine Tür, hinter der sich eine Baustelle befindet. „Wir haben knapp hundert Leute, Platz gibt es für 150“, sagt der Leiter des Entwicklungsbüros. „Wir stellen ein – in fast allen Bereichen.“ Mehr als 3000 Bewerbungen bekommt Google weltweit an jedem Tag. Wer eingestellt wird, entscheiden die, die später mit dem Noogler im Team arbeiten sollen. Fünf bis acht Interviews muss ein Kandidat absolvieren. „Wir wollen sehen, dass jemand wirklich programmieren kann und dass er zu uns passt“, sagt Holfelder. Bei der Auswahl lässt man sich Zeit. „Wichtig ist, dass wir die richtigen Leute bekommen.“

So verbringt auch der 33-jährige Stephan Micklitz viel Zeit mit Interviews. Er sucht nach Querdenkern, das sei ein wesentliches Einstellungskriterium. Als Leiter des Datenschutz-Teams ist sein Hauptjob jedoch die Entwicklung des Google- Dashboards. Mit dieser Anwendung können Nutzer überprüfen, welche Daten Google über sie gespeichert hat. „Unser Ziel ist es, die Transparenz zu erhöhen und den Nutzern die Möglichkeit zu geben, die über sie gespeicherten Daten zu kontrollieren“, sagt Micklitz. Das Produkt sei in Deutschland entwickelt worden, weil das Thema Datenschutz hier extrem wichtig sei. „Hier finden wir Leute mit Passion für das Thema“, sagt Micklitz. Er selbst gehört zweifellos dazu. Die meisten Nutzer dagegen beschäftigten sich nicht gern mit dem Thema und klickten alle Warnungen einfach weg. Manchmal lasse einem das System auch keine Wahl, als der Übertragung von Informationen zuzustimmen. „Wir finden, es muss eine bessere Lösung geben als das“, sagt der Münchner. „Wir wollen ein Produkt entwickeln, das Spaß macht.“ Natürlich führe er mit seinen Bekannten immer wieder Diskussionen über das Thema Datenschutz. „Aber in meinem Bekanntenkreis sind halt viele Informatiker, die haben ein anderes Verständnis dafür.“

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