Zu Besuch in Taipeh : Berliner Gründer reisen nach Taiwan

Berliner Gründer sind nach Taipeh gereist, um sich dort mit Start-ups und Konzernen aus Taiwan zu vernetzen. Sie hoffen, in ihnen neue Geschäftspartner zu finden.

Sören Kittel
In Taipeh treffen Berliner Start-ups auf Gründer aus Taiwan.
In Taipeh treffen Berliner Start-ups auf Gründer aus Taiwan.Foto: 75tiks Fotolia

Es ist ein gutes Zeichen. Stan Shih sitzt im Hotel „Quote“ in Taipeh und lächelt. Um sich versammelt der Gründer des Computerkonzerns Acer Start-up-Unternehmer aus Berlin, Technikexperten aus Taipeh und Risikofinanzierer aus beiden Städten. Die Einrichtung ist asiatisch-opulent, aus den Lautsprechern klingt Marlene Dietrichs Stimme. Shih gehört zu den wichtigsten Gründern der Insel Taiwan. Der Berliner Armin Schmidt lernte Shih vor mehreren Monaten kennen. Zusammen mit ihm und Kathleen Olstedt von der „WangDao Alliance“ in Berlin arbeitete das Team seit Mitte 2014 an der europäisch-asiatischen Netzwerkveranstaltung. Die zweite Ausgabe des ExA-Summits ist gerade zu Ende gegangen. Bereits im April hatte man sich in Berlin getroffen.

„Armin Schmidt kannte Taiwan und ich das Start-up-Ökosystem in Berlin“, sagt Olstedt „Taiwan kann vom Berliner Start-up-Geist genauso profitieren wie Berlin von Taiwans Know-how bei IT und der Hardware-Industrie.“ In Taipeh sitzen große Hersteller wie Foxconn und AUO, die Fernseher und Smartphones für Apple und Samsung herstellen. Acer ist zudem einer der weltweit wichtigsten Computerhersteller. „Diese großen Firmen waren bisher Aufträge mit hohen Stückzahlen gewöhnt, aber lassen jetzt auch kleinere Innovationen zu.“ Das neue Netzwerk soll Großkonzerne und Gründer zusammenbringen.

Es ist bereits das zweite Mal, dass sich die Gründer austauschen

Im April fand die erste Begegnung in Berlin statt. Shih war auch dabei und erzählte schon damals mit Begeisterung von der Zukunftsfähigkeit des „Internet of Things“ (IoT). Für Shih ist das „Internet der Dinge“ längst Alltag. Es geht um die Vernetzung von Objekten des täglichen Gebrauchs, also Toaster und Autos, Waschmaschinen und Spielzeug – sie alle werden irgendwann mit dem Internet verbunden sein. Bis 2020 sollen bis zu 20 Milliarden Geräte vernetzt sein, erwarten Experten von Goldman Sachs. In Berlin gibt es bereits viele Start-ups, die sich mit dem Internet of Things (IoT) befassen – in Taiwan entwickelt sich die Szene gerade. Es gebe an dieser Stelle viele Berührungspunkte zwischen Berlin und Taipeh, sagt Shih. „Lassen wir uns diese Chance nicht entgehen.“

Auf dem ExA-Summit lernen Gründer aus Taiwan Start-ups aus Berlin kennen.
Auf dem ExA-Summit lernen Gründer aus Taiwan Start-ups aus Berlin kennen.Foto: promo

Drei Tage lang hatte die rund 30-köpfige Berliner Delegation am vergangenen Wochenende Gelegenheit zum Austausch mit den Kollegen in Taipeh. Hände schütteln, Visitenkarten austauschen, Vorträge hören – und vor allem: einander kennenlernen. Die Taiwaner von einem gegenseitigen Austausch wie dem ExA-Summit zu überzeugen, sei „sehr leicht“ gewesen, erzählt Kathleen Olstedt. „Der Ruf von Berlin als Innovationshauptstadt in Europa ist hier schon längst angekommen.“ Gleichzeitig gebe es in Berlin viele junge Start-ups, die nach dem ersten Kickstarter-Glück stecken bleiben. „Die Erkenntnis ist für viele, die zum ersten Mal in Taiwan sind, dass trotz der Entfernung an beiden Orten an ähnlichen Dingen gearbeitet wird.“

Berliner Start-ups präsentieren in Taiwan ihre Ideen

Smart Lumies ist eines von zehn jungen Unternehmen, das von der ExA-Summit ausgewählt wurde und diese Synergien vielleicht bald nutzen kann. „Wir waren doch alle mal Kinder!“, ruft Martina Grgic in den Saal. Sie steht direkt vor Stan Shih. Dann stellt sie den Prototyp von Smart Lumies vor: einen faustgroßen Kunststoffwürfel, der verschiedene Farben annehmen kann. Das Spielzeug ist mit dem Internet verbunden – und kann somit noch viel mehr. „Wir hatten erst überlegt, den Würfel in China herstellen zu lassen“, sagt die 25-Jährige. „Aber dann haben wir gehört, dass dort die Produkte häufig kopiert werden.“ Taiwaner wiederum gelten als zuverlässig. Die dort hergestellten Produkte seien zwar etwas teurer, hätten aber eine höhere Qualität. Fünf Minuten haben die Berliner Jungunternehmer jeweils Zeit, zu „pitchen“, also den Taiwanern als möglichen Investoren ihre Geschäftsideen vorzustellen. Auch das Berliner Hörgerät-Start-up Mimi und die Entwickler des App-gesteuerten Fahrradschlosses „Lock8“ werben um asiatische Partner.

Gründer aus Taiwan und Deutschland wollen sich besser vernetzen.
Gründer aus Taiwan und Deutschland wollen sich besser vernetzen.Foto: promo

Mischa Wetzel, Finanzexperte der Berliner Förderbank IBB, betont die Gemeinsamkeiten. Hier wie dort hätten Unternehmer mit ihren Geschäftsideen „den Willen, etablierte Mächte“ infrage zu stellen. Der ehemalige Nokia-Manager Michael Halbherr erzählt begeistert, dass sämtliche Autohersteller sich gerade umstellen und über neue Kartenmaterialien ihren Autos das Fahren beibringen. „Mercedes und BMW verkaufen bald keine Autos mehr“, sagt er, „sondern Mobilität.“ Als früherer Chef von Here muss er das wissen. Die Geodatensparte von Nokia versorgt von Berlin aus Autoindustrie und Techkonzerne wie Apple mit digitalen Karten. Beim Auto wird das Internet der Dinge aber nicht haltmachen. Der Taiwaner Jamie Lin betont, bei fast jedem Gerät werde es künftig Internetkomponenten geben.

„Hardware aus Taipeh, Software aus Berlin“ – das dürfte sich in vielen Köpfen festgesetzt haben. Zum Abschluss bemüht sich Stan Shih persönlich, sie alle auf einem einzigen Foto unterzubringen. 100 Menschen auf einem Bild, das ist in Taiwan so üblich. Lächelnd schiebt der 70-Jährige die Menschen auf der Bühne hin und her. Die Unternehmerin Martina Grgic nimmt er mit nach vorn in die erste Reihe – vielleicht auch weil sie und Kathleen Olstedt zu den wenigen Frauen auf dem Foto gehören werden.

Techunternehmen – das ist in Taipeh nicht anders als in Berlin – gründen noch immer vor allem Männer. Doch Grgic weiß schon jetzt: Sie will auf jeden Fall wiederkommen. „Wir wollten den Würfel in Ostasien produzieren, warum nicht hier?“ Das Interesse ist nicht einseitig. „Ab einer Stückzahl von 100 Stück können wir darüber reden“, sagt ein Sprecher von AUO.

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