Wirtschaft : Zu hoch gepokert

Wie der frühere Vivendi-Chef Messier erst den Konzern in die Krise steuerte und ihn dann auf Abfindung verklagte

John Carreyrou

Niemals würde er sich seinen Abgang als Chef von Vivendi Universal durch eine Abfindung vergolden lassen, versprach der später geschasste Firmenchef Jean-Marie Messier in seiner im Jahr 2000 veröffentlichten Autobiografie. „In meinem Vertrag gibt es keine Abfindungsklausel“, schrieb er seinerzeit. „Aktienoptionen für die guten Zeiten und ein goldener Fallschirm für den Notfall? Beides zusammen geht nicht.“

Drei Jahre später und 18 Monate nach seinem Rücktritt als Vivendi-Chef ist sein Versprechen in weite Ferne gerückt. In einem juristischen Großangriff, der Gerichte und Anwälte auf beiden Seiten des Atlantik beschäftigt, hat der inzwischen nahezu verarmte Messier mit dem französischen Unternehmen lange um eine 25-Millionen-Dollar-(20,1 Millionen Euro-)Abfindung gerungen. Aber daraus wird nun nichts: Kurz vor Weihnachten haben sich Vivendi und die amerikanische Börsenaufsicht SEC auf einen Vergleich geeinigt. Messier verzichtet darin auf seine vorgesehene Abfindung, dafür erklärt sich das Unternehmen aber bereit, 50 Millionen Dollar Schadenersatz an die Aktionäre des Konzerns zu zahlen, die zwischen 2000 und 2002 von Konzernchef Messier über die rasante Talfahrt Vivendis getäuscht worden waren.

Messier, der jetzt in New York lebt, hatte damit offenbar kein Problem. Er hatte gesagt, er brauche das Geld. Er schulde einer französischen Bank 6,5 Millionen Dollar, die er 2001 für die Ausübung von Aktienoptionen benötigt habe. Um die Gerichts- und Anwaltskosten aufzubringen, habe er sein Haus in Paris beliehen. Peinlich ist ihm der Feldzug nicht. In einer Anhörung vor dem französischen Parlament im Oktober hatte er seine Ansprüche als rechtmäßig bezeichnet. Den Einwurf eines Abgeordneten, ob er das Ganze noch moralisch fände, konterte Messier knapp: „Ich habe keine Probleme, wenn ich morgens in den Spiegel schaue.“

In einer gerichtlichen Anhörung im August bezifferte Vivendi die mit der Abwehr der Ansprüche verbundenen Kosten auf bisher drei Millionen Dollar. „Das Geld der Aktionäre wird zum Fenster rausgeworfen“, beschuldigte Messier die Vivendi-Führung vor den französischen Parlamentariern. In einem Brief an das Parlament bezeichnete die Vivendi-Führung vieles in Messiers Ausführungen als „Unwahrheiten“. Auch machte sie deutlich, dass der Vivendi-Konzern, den Messier von einem französischen Wasserversorger in ein weltweiten Unterhaltungskonzern umwandeln wollte, in den letzten 18 Monaten seiner Amtszeit mehr als 31 Milliarden Dollar Schulden angehäuft hatte. Während der letzten sechs Monate vor Messiers Rücktritt war die Vivendi-Aktie dramatisch eingebrochen.

Vivendi sagt, Hunderte von Aktionären hätten das Unternehmen aufgefordert, an Messier keinen Cent zu zahlen. „Messier wollte der Herrscher der Welt sein, ist aber nur ein paranoider Mann“, schrieb Henriette Angelier, die beim Absturz der Vivendi-Papiere Ersparnisse aus 15 Jahren verlor. Das neue Vivendi-Management sieht sich durch solche Äußerungen bestätigt. Nach dem Abgang von Messier manövrierte das Unternehmen für einige Wochen am Rand der Insolvenz. „Man kann eine solche Abfindung nicht an jemanden zahlen, der das Unternehmen in einen so verheerenden Zustand versetzt hat“, sagt Vivendi-Kommunikationschef Michel Bourgeois.

Einmal mehr zeigt der Fall Vivendi, dass die Entlohnungs-Pakete für die europäischen Wirtschaftsbosse zunehmenden Widerstand ausgesetzt sind. Anders als in den USA hatten die europäischen Aktionäre mit großzügigen Vorstandslöhnen schon immer ihre Probleme. Auch Pierre Bilger, der ehemalige Vorstandschef des französischen Unternehmens Alstom SA, gab seine Abfindung von fünf Millionen Dollar in diesem Jahr unter öffentlichem Druck wieder zurück. Die Schlacht zwischen Vivendi und Messier macht auch deutlich, welche gewaltigen Lücken zwischen den Rechtssystemen der USA und Europas klaffen. Jede Seite hatte versucht, den Rechtsstreit vor die Gerichte des Landes zu bringen, in dem ihre Erfolgsaussichten am größten sind.

Ausgangspunkt des Disputs ist eine Auflösungsvereinbarung, die Vivendis Anwälte auf Wunsch von Messier entworfen hatten, als dieser am 1. Juli 2002 seinen Posten auf Drängen des Vorstands räumen musste. Für Vivendi unterschrieb der damalige geschäftsführende Vorstand Eric Licoys, Messiers langjähriger Vertrauter. Kurz darauf sorgte die Verlautbarung der 25-Millionen-Abfindung für Aufruhr in der französischen Öffentlichkeit. Vivendi behauptete, der Vertrag sei unwirksam, weil die im französischen Recht vorgesehene Zustimmung der Aktionäre fehlte. In einer Pressekonferenz erklärte der Nachfolger-CEO Jean-René Fourtou, dass Messier nichts bekommen werde.

Doch die Dinge lagen komplizierter: In der Vereinbarung war geregelt, dass ein Streit über die Abfindung vor den Gerichten des US-Bundesstaates New York ausgetragen werden soll. Messier drohte mit einer Klage in New York, wo Abfindungsvereinbarungen mit Firmenchefs auch ohne die Zustimmung von Vorstand oder Aktionären gültig sind. Um einem Rechtstreit vor den staatlichen US-Gerichten zu entgehen, erklärte sich Vivendi damit einverstanden, die Entscheidung des Falls einem New Yorker Schiedsgericht zu übertragen. Im Juni sprachen die drei Schiedsrichter Messier einstimmig die volle Abfindung zu. Vivendi holte darauf zum Gegenschlag aus: Das Unternehmen verklagte Messier und seinen Vertrauten Licoys in Frankreich auf die Zahlung von 25 Millionen Dollar. Dadurch hoffte Vivendi auf Ersatz der Summe, die es Messier auf Grund des US-Schiedsspruchs zahlen muss. Auch Licoys verklagte fünf Vorstandsmitglieder vor einem französischen Gericht. Zuletzt warf sich noch die Aktionärsvereinigung Appac in das Handgemenge und verklagte Messier und den Vivendi-Vorstand auf 73 Millionen Dollar Schadenersatz.

Auch die US-Börsenaufsicht SEC und ihr französisches Gegenstück hatten sich in die Verfahren eingeschaltet. Nach dem jetzt erzielten Vergleich erklärte sich die SEC aber bereit, ihre Ermittlungen wegen möglicher Verstöße des Konzerns gegen das Börsengesetz einzustellen.

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