Wirtschaft : Zu teure Pillen, zu viele Betten

Warum es so schwierig ist, Gesundheitsausgaben zu deckeln

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Wenn es ein Gesetz gibt in der Gesundheitsbranche, dann dieses: Die Ausgaben steigen, immer. In Deutschland werden jährlich 220 Milliarden Euro für die Versorgung von Rückenkranken, Fußlahmen, Verschnupften und Vergrippten ausgegeben. Durch ein Notgesetz will Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) die Ausgaben 2003 um mehr als drei Milliarden Euro eindämmen. Aber das reicht nicht aus, um das Überleben des Systems langfristig zu sichern. Eine Übersicht über die wichtigsten Kostentreiber und die Reformvorschläge.

ARZNEIMITTEL: Sie machen nur etwas mehr als 16 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus, sind aber der am stärksten wachsende Ausgabenposten im Gesundheitswesen. Im vergangenen Jahr stiegen die Arzneimittelausgaben um mehr als zehn Prozent auf 21,3 Milliarden Euro. Noch immer werden zu viele teure Arzneimittel verschrieben, die zudem in ihrer Wirkung häufig umstritten sind.

SPARVORSCHLAG:

Mehr Generika: Um die Medikamentenkosten zu senken, sollen Ärzte statt teurer Originalarzneien noch mehr preisgünstige Nachahmermedikamente (Generika) verschreiben. Einsparvolumen: bis zu 4,2 Milliarden Euro.

Positivliste: In Deutschland sind rund 45 000 verschiedene Medikamente auf dem Markt. Um Ärzten eine Orientierungshilfe zu bieten, soll die Positivliste Arzneien auflisten, die therapeutisch zweckmäßig sind. Pillen, die nicht auf der Liste stehen, sollen künftig nicht von den Kassen erstattet werden. Einsparvolumen: bis zu 1,2 Milliarden Euro.

Versandapotheken: Versandhandel ist in Deutschland verboten, in einigen europäischen Nachbarländern nicht. Ausländische Versandapotheken wie der holländische Anbieter Doc Morris profitieren: Deutsche Patienten können Pillen in Holland bestellen, die Medikamente werden zu den billigeren holländischen Preisen zugesandt. Die Koalition will den Versandhandel bald auch in Deutschland erlauben. Geschätztes Einsparvolumen: bis zu einer Milliarde Euro.

KLINIKEN:

Für Krankenhäuser haben die gesetzlichen Krankenkassen 2001 insgesamt 32,4 Milliarden Euro ausgegeben. Allein in den ersten neun Monaten 2002 stiegen die Ausgaben um 3,4 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet die Gesundheitsministerin ein Ausgabenplus von einer Milliarde Euro.

SPARVORSCHLAG:

Nullrunde: Als Sofortrezept hat die Bundesgesundheitsministerin Krankenhäusern für 2003 eine Nullrunde bei den Kosten verordnet. Ausnahmen gibt es für Kliniken, die 2003 so genannte Fallpauschalen einführen.

Fallpauschalen: Mit Fallpauschalen werden die gesamten Krankenhausleistungen für einen Patienten mit einem einheitlichen Betrag abgegolten – unabhängig vom konkreten Behandlungsaufwand und der Länge des Klinikaufenthalts. Mit der konsequenten Einführung von Fallpauschalen soll ein festes Preissystem in Kliniken etabliert werden.

Weniger Betten, kürze rer Klinikaufenthalt: Deutschland hat – gemessen an der Einwohnerzahl – nach der Schweiz die meisten Krankenhausbetten. Deutsche Patienten bleiben so lange im Krankenhaus wie in kaum einem anderen Land: 9,8 Tage. Bei weniger Betten und kürzerer Verweildauer sinken die Kosten.

VERWALTUNGSKOSTEN DER KASSEN:

Mit 4,6 Prozent sind die Verwaltungskosten der Kassen 2001 stärker gestiegen als die Ausgaben für Behandlung. Seit 1989 stiegen sie sogar um 52 Prozent. Insgesamt gaben die Kassen mehr als sieben Milliarden Euro für Sachbearbeiter, Repräsentation, Werbung und Vorstandsgehälter aus.

SPARVORSCHLAG:

Controlling: Allein durch besseres Kostenbewusstsein ließen sich Schätzungen zufolge zwei bis drei Milliarden Euro sparen.

Weniger Kassen: Die Gesundheitsministerin will die Zahl der Kassen von jetzt 360 auf 50 reduzieren. Die Rechnung: je weniger Kassen, desto weniger Aufwand.pet

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