Wirtschaft : Zu viele Schleier

Andrew Higgins

Als die Soldaten der Taliban vor fünf Jahren Kabul einnahmen, verkaufte Muhammed Ibrahim Islamadin sein verbeultes Taxi. Dafür eröffnete er in einem Container am Straßenrand einen Laden für Burkhas - jene zeltartigen Gewänder, die alle Frauen nach der drakonischen Kleiderordnung des neuen Regimes tragen muss-ten. Nur noch die Hände durften in der Öffentlichkeit sichtbar sein. "Es war ein wunderbares Geschäft", erinnert sich Islamadin. Das Marketing erledigte die Religionspolizei der Taliban für ihn. "Frauen, die nicht kauften, wurden mit Kabeln geschlagen", sagt Islamadin. In dieser Mischung aus mittelalterlichen Moralvorstellungen und moderner Marktwirtschaft machte nicht nur Islamadin gutes Geld; auch südkoreanische und chinesische Stoffhersteller, pakistanische Händler und Bazarverkäufer in Kabul griffen sich einen Zipfel des Burkha-Geschäfts.

Einige Dutzend Meter von Islamadins Burkha-Bude entfernt liegt eine Grundschule, der ehemalige Arbeitsplatz von Rahima Nasir. Als die Taliban die Macht übernahmen, verlor sie ihre Stelle als Lehrerin - genau wie Ärztinnen, Telefonistinnen und Tausende anderer Afghaninnen. Frau Nasir war so in Eile, eine Burkha zu kaufen, dass sie die falsche Größe nahm. "Ich hatte solche Angst", sagt sie. Weil sie sich mit dem ungewohnten Gewand nicht zurechtfand, stolperte sie danach auf die Fahrbahn und wurde fast überfahren.

Nach dem Machtwechsel ist noch nicht sicher, was mit den Burkhas in Zukunft geschehen wird. Die Taliban sind weg, vertrieben von der Nordallianz und ebenso die Kleiderwächter des Ministeriums für die Förderung der Tugend und die Verhütung des Lasters. In der Übergangsregierung sitzen zwei Frauen. Auch im kürzlich wiederbelebten staatlichen Fernsehen sind Nachrichtensprecherinnen ohne Burkha zu sehen, und die Befreiung der Frauen hat auf der Straße immerhin ein paar Knöchel zum Vorschein gebracht. Aber die Afghaninnen bleiben vorsichtig. "Wir sind immer noch nicht sicher, was geschehen wird", sagt Samira Rahima, eine 24-jährige Fernsehmoderatorin, die bei der Arbeit ein schickes Seidenkopftuch trägt. Sie hat vorsichtshalber immer eine Plastiktasche mit einer schäbigen blauen Burkha dabei.

Für diejenigen, die von den brutalen Exzessen der Taliban profitierten, ist die Botschaft des Marktes jedoch klar: Höchste Zeit, aus dem Geschäft mit Burkhas auszusteigen. An den Seiten von Islamadins Container hängen die unverkauften Hüllen wie schlaffe Geister. Seit die Taliban geflohen sind, sagt er, sei der Umsatz um 50 Prozent gesunken. Weder mit einem neuen Separée zum Anmessen von Burkhas noch mit Preissenkungen um 20 Prozent konnte er Kun-dinnen locken. Nach einer langen Diskussion mit seinem Vater und seinem Bruder, entschied er sich, die Branche zu wechseln, von islamischer Frauenkleidung auf Glaswaren umzusteigen. Dafür sollte es auch in Zukunft Kunden geben. Seine Näherinnen hat er schon entlassen und sein Bruder, ebenfalls Burkha-Händler, wird die Restbestände übernehmen. Dessen Geschäft ist weiter weg von Kabul, wo sich die jüngsten Umwälzungen nicht so bemerkbar machen. Auf dem Land ist jene von Kopf bis Fuß reichende Umhüllung mit einem bestickten Netz über den Augen seit Jahrhunderten Tradition.

Die Besorgnis hat die gesamte Branche ergriffen. Beim Stoff-Großhändler Sadar Nuri im zentralen Bazar Kabuls stauben die Ballen mit Burkha-Stoff in der Ladenecke vor sich hin: Baby-blauer Polyester, Marke "Mercedes 2001". Früher ließ er sich alle vier Monate 8000 Meter Stoff aus Südkorea kommen, das letzte Mal drei Monate vor der Flucht der Taliban. Mehr als zwei Drittel der Lieferung hat er auch schon verkauft. Seit aber die Machthaber gewechselt haben, ist er keinen einzigen Meter mehr losgeworden. Nuri legt sich jetzt mehr von einem vielseitigeren braunen Stoff aus China auf Lager. Der sollte sehr gut gehen, wenn die Frauen langsam wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Der Händler hofft, dass sie dann die Fernsehsprecherinnen nachahmen, die dunkle Kopftücher und Blazer tragen. Blauer Polyester, sagt er, sei passé.

Am anderen Ende des Burkha-Geschäfts stehen asiatische Tuchhersteller wie Park Kyung Hyun, Manager bei Myunhwa Industries in Seoul. Er berichtet ebenfalls, dass die Nachfrage abgeflaut ist. Aber das Ausmaß und die genaue Ursache kann er nur schwer angeben, weil die Firma nicht direkt nach Afghanistan verkauft. Der südkoreanischer Stoff, den Nuri und andere in Kabul verkaufen, kommt über Pakistan ins Land. Park schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Exporte seiner Firma nach Pakistan schließlich in Afghanistan landen.

Hyun ist jedoch zuversichtlich, dass die Nachfrage in anderen, viel reicheren islamischen Ländern jede Flaute in Kabul mehr als wett macht. Er verbringt sehr viel Zeit damit, diese Länder zu bereisen, nicht nur angesichts der wachsenden Konkurrenz vor allem aus China. "Burkhas und andere Arten islamischer Tracht für Frauen sind ein Segen für Stoffverkäufer", sagt er. "Man braucht Unmengen von Material dafür."

Vergangene Woche suchte Rahima Nasir mit einer Gruppe Kolleginnen ihre ehemalige Schule auf, um den Arbeitsplatz zurückzufordern. Der Rektor der Schule, der aus der Taliban-Ära übrig geblieben ist, starrte auf den Boden, als sie mit unverhüllten Köpfen in sein Büro marschierten. Auf den Straßen tragen auch sie noch immer Burkhas - aus Gewohnheit, aus Angst vor Übergriffen, und weil sie sich für ihre abgetragene Kleidung darunter schämen. Doch Frau Nasir ist zuversichtlich: "Wenn wir unsere Arbeit wieder haben, können wir die Burkhas hoffentlich wieder ablegen."

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