Wirtschaft : Zu wenig Arbeit für 40 Stunden

Siemens setzte in Kamp-Lintfort einen Beschäftigungspakt durch, jetzt ist das Werk nicht ausgelastet

Nicole Huss

München - Nach einer hart erkämpften Einigung zwischen Siemens und der IG Metall auf längere Arbeitszeiten in Kamp-Lintfort, haben die Mitarbeiter in dem Handy-Werk jetzt offenbar zu wenig zu tun. Das geht aus einem Brief des Betriebsrats an den neuen Strategie-Chef des Konzerns, Joe Kaeser, hervor. In dem Schreiben wird beklagt, dass die Produktionskapazität am Standort nicht ausgelastet ist. Die Auslastung liege noch unter der des Vorjahresquartals, heißt es. So hätten im September trotz des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts wegen fehlender Aufträge mehr als 800 Leiharbeiter abgebaut werden müssen.

Im Streit um die Verlängerung der Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich hatte Siemens Ende Juni in den Werken Bocholt und Kamp-Lintfort einen Durchbruch erreicht. Seitdem verhandelt der Konzern auch an anderen Standorten über einen Tarifkompromiss. Erst am Dienstag stimmten die Siemens-Beschäftigten in Bruchsal Lohnkürzungen zu. In Bocholt und Kamp-Lintfort, wo schnurlose Festnetztelefone und Handys produziert werden, hatten die Beschäftigten in einem Ergänzungs-Tarifvertrag zugestimmt, 40 statt 38,5 Stunden pro Woche zu arbeiten – ohne Lohnausgleich. Im Gegenzug hatte Siemens den 4500 Mitarbeitern eine Jobgarantie für zwei Jahre gegeben. Die IG Metall stimmte der Arbeitszeitverlängerung zu, um eine Verlagerung von 2000 Stellen nach Ungarn zu verhindern.

„Erst eine Arbeitszeitverlängerung zu erzwingen, um die erhöhten Kapazitäten dann nicht auszulasten, passt nicht zusammen“, kritisierte die IG Metall. Nur wenn der Standort ausgelastet sei, sähen die Beschäftigten ein, „dass ihr schmerzhafter Verzicht zur Sicherheit der Arbeitsplätze beigetragen hat“. Ein GewerkschaftsSprecher erklärte, dass die aktuellen Auslastungsprobleme in Kamp-Lintfort aber auch mit der Produktpanne bei den Handys der 65-er Reihe zusammenhingen. Ende August hatte Siemens die Handys wegen eines Software-Fehlers zurückgerufen. Netzbetreiber nahmen die Geräte vorübergehend aus dem Verkauf, was die Produktion in Kamp-Lintfort lähmte.

„Die Panne ist behoben und die Kunden bestellen wieder wie zuvor“, sagte ein Siemens-Sprecher in Kamp-Lintfort. Er bestritt, dass das Werk strukturelle Auslastungsprobleme habe. Die Beschäftigten beurteilen das anders. „Ich sehe momentan nicht, wie Siemens die um 15 Prozent erhöhte Kapazität auslasten will“, sagte ein Siemens-Mitarbeiter. Bisher habe der Konzern weder Arbeiten aus dem Ausland zurückgeholt noch solche, die bisher an Fremdfirmen vergeben wurden. Auch Arbeit in sich neu entwickelnden Produktfeldern habe Siemens bisher kaum nach Kamp-Lintfort vergeben. Siemens hatte angekündigt, in Kamp-Lintfort 30 Millionen Euro in Produktionsanlagen und Entwicklungsarbeiten für UMTS zu investieren.

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