Zugverkehr : Brüssel träumt von Eisenbahn ohne Grenzen

EU-Kommission will die Rolle der Schiene stärken – die Berliner Politik hofft, dass die Hauptstadtregion davon profitieren wird.

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Mehr Züge sollen durch die Hauptstadt fahren.
Mehr Züge sollen durch die Hauptstadt fahren.Foto: dpa

Berlin - Niedrige Preise, komfortable, pünktliche und sichere Züge, guter Service für die Fahrgäste – das alles soll die Eisenbahn in Europa möglichst bald bieten und die Bürger so davon abbringen, in ihr Auto zu steigen. Davon träumt zumindest EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. Sein Ideal sei ein einheitlicher europäischer Schienenverkehrsmarkt bis zum Jahre 2050, sagte er am Dienstag bei der Eröffnung der Bahn-Messe Innotrans in Berlin. Dazu müsse der Einfluss der Politik auf die Staatsbahnen reduziert werden, die Zusammenarbeit der Gleisbetreiber verbessert und verstärkt privates Kapital in die Schiene fließen.

Die Macht der Politik sei nicht gut für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, kritisierte der Behördenchef. „Wir brauchen starke, unabhängige Eisenbahnen“, sagte der Este. Nötig seien paneuropäische Bahn-Konzerne statt der heute bestehenden nationalen Gesellschaften. Nur so könne sich die Schiene gegen die Straße behaupten. Auch müsse es mehr Konkurrenz geben, etwa im vom Staat subventionierten Regionalverkehr.

Die Zukunft der Schiene ist das beherrschende Thema der weltgrößten Branchenmesse Innotrans, die bis Sonntag auf dem Berliner Messegelände stattfindet. In Europa ist die Marktöffnung gerade erst in Gang gekommen. Zwar ist grenzüberschreitender Güter- und Personenverkehr mittlerweile möglich, oft bremsen aber unterschiedliche technische Standards und Gesetze den Verkehr. Die nationalen Eigenheiten sind historisch begründet: Früher galt die Eisenbahn als wichtiges Mittel in der Kriegsführung. Heute hinkt die Schienenbranche daher Lastwagen und Flugzeug hinterher, die längst Grenzen überwinden.

EU-Verkehrskommissar Kallas verlangt nun mehr Geld für die Eisenbahn, um dieses Problem zu lösen. „Europa braucht nennenswerte Beträge für die Schienen-Infrastruktur – für Gleise, Signalsysteme und die Beseitigung von Engpässen.“ Dafür sollten auch private Kapitalgeber gewonnen werden – damit sprach sich der Kommissar indirekt für Privatisierungen der zumeist staatseigenen Bahngesellschaften aus. Dies ist derzeit allerdings in keinem Land ein Thema. Kallas sagte, ideal wäre es, wenn in Zukunft für Reisen bis zu 1000 Kilometern die meisten Passagiere die Bahn nutzen würden. Im Güterverkehr solle bei Entfernungen über 300 Kilometer die Schiene dominieren. Dieses Ziel liegt heute noch in weiter Ferne: Derzeit werden die Hälfte der Güter in Europa auch über Strecken von mehr als 350 Kilometern mit dem Lkw transportiert.

Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, griff die Anregung der EU-Kommission für ein besseres europäisches Eisenbahnsystem auf und schlug vor, elektronische Bezahlverfahren einzuführen. Sein Konzern erprobt seit einiger Zeit ein System, mit dem Kunden per Handy ihren Start- und Zielbahnhof angeben und der Fahrpreis dann über die Telefonrechnung erhoben wird.

Auch die Bundesregierung bekannte sich zum Ausbau der Schiene. „Ich werde keinen Bahnhof schließen und keine Strecken stilllegen“, versprach Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Die starke Zunahme vor allem des Güterverkehrs in den kommenden Jahren müsse im Wesentlichen auf die Schiene gelenkt werden. Gelinge das nicht, „haben wir versagt“, bekannte er. Bei den Investitionen müsse es für jeden eingesetzten Euro allerdings eine höhere Effizienz geben. Die Regierung hatte nach dem Auslaufen der Konjunkturpakete die Ausgaben für die Schiene von zuletzt fünf Milliarden Euro wieder zurückgeschraubt, im Etat 2011 sind 3,8 Milliarden Euro vorgesehen.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) begrüßte die Vorstöße zu einer Renaissance der Eisenbahn. „Die Bahn-Branche ist einer der wichtigsten Wachstumstreiber in der Stadt“, urteilte er. Mit mehr als 100 Unternehmen und gut 20 000 Beschäftigten sei die Hauptstadt einer der bedeutendsten Standorte der Branche in Europa. Die Hersteller müssten allerdings weiter an der Effizienz der Züge arbeiten, zumal die Autoindustrie viel in das Thema Elektromobilität investiere.

In ganz Deutschland steht die Industrie samt Zulieferern und Betreibern für 580 000 Arbeitsplätze und 50 Milliarden Euro Umsatz. In Berlin zeigen die Firmen 52 Weltpremieren, darunter der ICE-3-Nachfolger Velaro für die Deutsche Bahn oder der 380 Stundenkilometer schnelle Zefiro von Bombardier. Mehr als 2200 Aussteller aus 45 Ländern, so viele wie noch nie, präsentieren Produkte aus den Bereichen Schienenfahrzeuge, Infrastruktur und Signaltechnik. Die Messe rechnet bis Freitag mit 100 000 Fachbesuchern, am Wochenende ist die Schau für das Publikum geöffnet.

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