Zukunft der Energie : Lange Leitungen

EU-Kommissar Oettinger stellt seine Pläne für eine Energieinfrastruktur vor, die Regierung gibt dazu keinen Kommentar ab. Die Studie dreht sich um den Netzausbau in Deutschland.

von
Streitpunkt. Neue Hochspannungsleitungen stoßen überall auf Ablehnung. Foto: dapd
Streitpunkt. Neue Hochspannungsleitungen stoßen überall auf Ablehnung. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Über kein anderes Thema hat die Bundesregierung im Zusammenhang mit ihrem Energiekonzept mehr geredet als über den Ausbau der Stromnetze. Doch zu den Netzausbauplänen für die Europäische Union, die EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch in Brüssel präsentierte, wollte kein Regierungsmitglied Stellung nehmen. Auch Stefan Kohler, Chef der bundeseigenen Deutschen Energieagentur (Dena), die seit nunmehr vier Jahren an einer Netzstudie arbeitet, die den Ausbaubedarf abschätzen soll, sah sich am Mittwoch nicht in der Lage, das Oettinger-Konzept zu kommentieren.

Oettinger hält die Energieinfrastruktur – neben den Stromnetzen auch die Gas-Pipelines und ein neues Röhrennetz für den Transport von Kohlendioxid (CO2) in unterirdische Lagerstätten – für das Herzstück der neuen europäischen Energiepolitik. Ohne ein „zuverlässiges, intelligentes und nachhaltiges Energienetz“ sei keines der energiepolitischen Ziele der EU erreichbar, sagte er in Brüssel. Bis 2015 solle ein funktionierender Energiebinnenmarkt erreicht sein. Bis heute gibt es zwischen den jeweiligen nationalen Stromnetzen nur sehr schwache Verbindungen. Die Kapazität dieser sogenannten Grenzkuppelstellen reicht nicht aus, um einen Wettbewerb in Gang zu bringen, sondern allenfalls dazu, in Notfällen die Stabilität des Netzes zu sichern. Zudem weist Oettinger darauf hin, dass bis 2020 in Europa 20 Prozent des Primärenergiebedarfs eingespart, 20 Prozent erneuerbare Energien zur Versorgung beitragen und 20 Prozent Treibhausgase vermieden werden sollen.

Um den Strom aus den Windparks in der Nordsee ins europäische Stromnetz zu bringen, müssten weitere Leitungen gebaut werden. Dasselbe gelte für den Solarstrom aus Südwesteuropa, vor allem wenn in Nordafrika tatsächlich große Solarkraftwerke entstehen sollten, die irgendwann nach 2020 Strom nach Europa exportieren sollen. Oettinger erwähnte das Desertec-Projekt gestern zwar nicht direkt, doch in seinen Überlegungen spielt es durchaus eine Rolle. Nach Oettingers Einschätzung fehlen in Europa rund 45 000 Kilometer Hochspannungsleitungen. Zusammen mit den bereits geplanten neuen Gaspipelines und den noch nicht einmal gedachten CO2-Pipelines schätzt er die Kosten für die kommenden zehn Jahre auf 200 Milliarden Euro. Die Hälfte könnte aus seiner Sicht von der Privatwirtschaft aufgebracht werden, für die andere Hälfte wünscht er sich auch öffentliches Kapital.

Schon 2005 hatte die Dena in einer ersten sogenannten Netzstudie einen Neubaubedarf für Hochspannungsleitungen von 850 Kilometern nur für Deutschland ermittelt. Davon sind inzwischen etwa 100 Kilometer gebaut. Nach Angaben aus Regierungskreisen soll an diesem Donnerstag eine zweite Netzstudie veröffentlicht werden. Im Entwurf, der dem Tagesspiegel vorliegt, ist für Deutschland von einem Neubaubedarf von Überlandleitungen von 3600 Kilometern die Rede. Eigentlich sollte mit der Studie der Ausbaubedarf für die Netze abgeschätzt werden, der notwendig wird, wenn in verstärktem Maß Wind- und Solarstrom ins Stromnetz eingespeist werden sollen. Allerdings beruht die Studie auf einem Ausbauszenario für das Umweltministerium aus dem Jahr 2008. Inzwischen hat die Bundesregierung ein Energiekonzept vorgelegt, das bis 2050 einen nahezu vollständigen Umbau der Stromversorgung auf erneuerbare Energien vorsieht.

Die Netzstudie hat lediglich einen Horizont bis 2020 und schreibt zudem den aktuellen Energiemix fort, geht sogar von einem beträchtlichen Zubau an Kohlekraftwerken aus. Außerdem berücksichtigt die Studie die Laufzeitverlängerung für die deutschen AKW nicht. In Regierungskreisen hieß es am Mittwoch, diese Mängel sollten noch behoben werden. Allerdings ist zweifelhaft, dass der Wunschzettel, den die Netzbetreiber gemeinsam mit zwei Forschungsinstituten erstellt haben, tatsächlich eine plausible Grundlage für die von der Regierung angestrebte Bundesnetzplanung sein kann.

Die Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle (Grüne) hat daran jedenfalls starke Zweifel. Sie lobte Oettingers Netzkonzept und meinte: „Die Regierung hat die Notwendigkeit einer europäischen Vernetzung noch nicht erkannt.“ Für Deutschland könne sie sich vorstellen, dass bei der Bundesnetzagentur die notwendige Kompetenz aufgebaut wird, um eine Planung überhaupt erst zu ermöglichen. Dazu müssten dringen „alle Daten veröffentlicht werden“, verlangte Nestle. Bisher verfügten nur die Netzbetreiber selbst über die nötigen Informationen.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben