Zukunft der Supermarktkette : Kaiser's Tengelmann - Unternehmen vor dem Scherbenhaufen

Es soll der letzte Versuch sein, eine Lösung für die Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann zu finden. Was steht bei dem Treffen am Abend auf dem Spiel?

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Allein in Berlin arbeiten rund 5500 Personen für Kaiser’s, darunter etwa 2000 Aushilfen
Allein in Berlin arbeiten rund 5500 Personen für Kaiser’s, darunter etwa 2000 AushilfenFoto: dpa

Frank Bsirske stand vor einer anspruchsvollen Nacht. Der Verdi-Chef hat selbstverständlich eigene Interessen, doch am Donnerstagabend war er auch als Moderator und sogar Mediator gefordert. Gegen 20 Uhr traf in Frankfurt am Main eine Gesprächsrunde zusammen, die es in dieser Zusammensetzung noch nie gegeben hat. Neben Bsirske waren die Chefs von Kaiser’s Tengelmann, Rewe und Edeka zugegen, von denen sich zwei in herzlicher Abneigung zugetan sind. Am Tisch fehlten nur der Bundeswirtschaftsminister, der Präsident des Bundeskartellamts und ein Vertreter des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf – mit dieser großen Besetzung wäre dann die ganze Verworrenheit der Lage deutlich geworden.

Wer verhandelt mit wem?

Arbeit und Einkommen von vielen tausend Beschäftigten hängen von drei Männern ab: Karl-Erivan Haub, 1960 in den USA geboren, gelernter Kaufmann und Eigentümer von Kaiser’s Tengelmann; Alain Caparros, 1956 in Algerien geboren, Betriebswirt und Vorstandsvorsitzender der Rewe Group; Markus Mosa, Jahrgang 1967, Rheinländer und Betriebswirt, Chef von Edeka – ein nüchterner Typ, der die Interessen der Edeka-Genossenschaft zumeist sachlich vertritt. Mosa ist weniger das Problem als Haub und Caparros. Haub traut dem Rewe-Chef nicht über den Weg, angeblich gibt es schlechte Erfahrungen im Zusammenhang mit den Plus-Filialen. 2008 hatte Haub Plus an Edeka und nicht an Rewe verkauft.

Karl-Erivan Haub, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppeposiert Tengelmann.
Karl-Erivan Haub, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppeposiert Tengelmann.Foto: picture alliance / dpa

Haub hat (gemeinsam mit seinem Bruder Christian, der sich um die US-Tochter A&P kümmert) von seinem Vater Erivan einen Konzern mit heute 27 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 210.000 Beschäftigten geerbt, zu dem auch Obi und Kik gehören. Das Familienvermögen wird von „Forbes“ auf rund vier Milliarden Euro geschätzt. Caparros und Mosa sind angestellte Manager, die in Handel Karriere gemacht haben.

Schließlich Frank Bsirske. Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft hat eine Menge Mitglieder in den Kaiser’s-Filialen, und Bsirske hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) in dessen Auffassung bestärkt, dass eine Ministererlaubnis für die Übernahme von Kaiser’s Tengelmann im Interesse des Gemeinwohls ist, womit Bsirske die Arbeitsplätze meinte.

Warum ist die Situation so verfahren?

Auf die Frage gibt es mehrere Antworten. Haub geht die Geduld aus; er will die Kaiser’s-Filialen endlich loswerden und damit die monatlichen Verluste, die bei knapp zehn Millionen Euro liegen. Caparros wiederum fühlt sich von dem Trio Haub/Mosa/Gabriel über den Tisch gezogen und wirft denen ein „abgekartetes Spiel“ vor. Gabriel hatte sich über die Bedenken des Kartellamts hinweggesetzt und die Übernahme von Kaiser’s Tengelmann per Ministererlaubnis gestattet.

Dagegen klagt unter anderem Rewe/Caparros, weil sie die Filialen nicht bekommen haben und auf keinen Fall möchten, dass Marktführer Edeka die Filialen kriegt und dadurch noch stärker wird. Caparros hat den Bieterwettstreit um die Filialen gegen Edeka verloren – aber auch Mosa und Gabriel gehören zu den Verlierern. Das OLG Düsseldorf setzte die Ministererlaubnis vorläufig aus und ließ sogar die Beschwerde dagegen nicht zu. Dagegen wehrt sich Gabriel vor dem Bundesgerichtshof, der jedoch erst Mitte November entscheiden will, ob er das Verfahren an sich zieht. Das alles dauert Haub zu lange, sodass nun eine Art Vergleich gesucht wird.

Welche Bedeutung hat Kaiser’s?

Rund 85 Prozent des Lebensmittelhandels decken hierzulande vier Konzerne ab: Edeka, Rewe, Aldi, und Lidl/Kaufland. Die gut 400 Kaiser’s-Filialen mit knapp 15.000 Beschäftigten fallen da nicht groß ins Gewicht. In einigen Regionen aber schon. In Berlin gibt es 124 Filialen, in München/Oberbayern ähnlich viele und ebenso in Nordrhein. Allein in Berlin arbeiten rund 5500 Personen für Kaiser’s, darunter etwa 2000 Aushilfen. Dieser hohe Anteil erklärt sich mit einer Berliner Besonderheit: Rund die Hälfte der Kaiser’s-Filialen ist rund um die Uhr geöffnet, und so ein Fulltimeprogramm ist nur mit Aushilfen finanzierbar, die nicht mehr als den gesetzlichen Mindestlohn bekommen. Die Größe von Kaiser’s ist ein Problem, dessen Dimension mit rund zehn Prozent beziffert wird: Da Kaiser’s viel weniger in der Lebensmittelindustrie einkauft als die großen Vier, muss die Kette mit der Kaffeekanne rund zehn Prozent höhere Preise zahlen. Diesen Wettbewerbsnachteil bekommt das Unternehmen auf dem von Discountern geprägten, extrem preissensiblen Markt nicht aufgeholt, weshalb Haub die Kette unter das Dach des Marktführers Edeka geben wollte.

Was kommt auf die Beschäftigten zu?

Haub wollte komplett verkaufen, um die Strukturen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Das unterstellen ihm jedenfalls die Gewerkschaften Verdi und NGG, die bei Kaiser’s und in den dazugehörenden Fleischwerken von Birkenhof Mitglieder haben. Würde nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ verfahren, wäre das Aus für viele Filialen programmiert. Ginge das Kalkül von Haub/Bsirske/Gabriel auf, wären die Arbeitsplätze aller Beschäftigten in den nächsten fünf Jahren sicher. Darauf haben sich die Gewerkschaften mit Edeka in Tarifverträgen verständigt und damit eine Vorgabe von Gabriels Ministererlaubnis umgesetzt. Allein: Das monatelange Verhandeln um die Tarifverträge war für die Katz. Auf ein Ende der juristischen Auseinandersetzungen um die Ministererlaubnis will Haub nicht warten.

Was ist jetzt wahrscheinlich?

Am Freitagvormittag um 10 Uhr tritt in Mülheim an der Ruhr der Aufsichtsrat von Kaiser’s Tengelmann zusammen. Dieser Termin hat erst zu dem Treffen am Donnerstagabend geführt, denn mit Blick auf die Aufsichtsratssitzung wurde in den vergangenen Wochen über eine Zerschlagung von Kaiser’s Tengelmann und den Verlust von tausenden Arbeitsplätzen spekuliert.

Vor Beginn der Aufsichtsratssitzung, so war jedenfalls die Hoffnung in der Kaiser’s-Belegschaft, sollten die Ergebnisse des Frankfurter Treffens vorliegen. Die Zerschlagung „ist die einzige vernünftige und kurzfristig realisierbare Lösung“, meint Tomaso Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Tatsächlich bekommt man nur das Kartellamt ins Boot, wenn die Kaiser’s-Tengelmann-Filialen bei möglichst vielen unterschiedlichen Unternehmen landen. Also bei Edeka und Rewe, aber vielleicht auch bei Markant, Migros und Norma. In jedem Fall werden am Ende bei Kaiser’s weniger Arbeitsplätze übrig bleiben, als wenn die Ministererlaubnis und die Tarifverträge zum Tragen gekommen wären.

Was bleibt bei Gabriel hängen?

Ob die Ministererlaubnis am Ende einer langen juristischen Strecke überlebt hätte, weiß kein Mensch. Die Argumentation des OLG Düsseldorf, das Sigmar Gabriel die Gemeinwohlorientierung absprach, ist jedenfalls nicht überzeugend. Gabriel hat zuletzt an alle Beteiligten appelliert, sich um eine konsensuale Lösung zu bemühen. Ob das bei Rewe-Chef Caparros ankommt, der dem Minister „Missbrauch“ der Ministererlaubnis vorgeworfen hatte? Offenbar ja. Kurz vor dem Treffen in Frankfurt ließ Caparros mitteilen, er wolle einen Kompromiss und werde in den Lebensmittelmärkten, „die wir übernehmen“, die Arbeitsplätze für die kommenden fünf Jahre garantieren.

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