Wirtschaft : Zukunftsmarkt Osteuropa

In zwei Jahren will die EU zehn neue Staaten aufnehmen, die viel ärmer sind als die jetzigen Mitglieder – der gemeinsame Markt lockt die Wirtschaft

Flora Wisdorff

Litauen hat noch einen langen Weg vor sich, bis seine Bürger auf ähnlichem Niveau wie die Deutschen oder die Franzosen leben. Ein Litauer erwirtschaftet gerade mal 31 Prozent des EU-Bruttoinlandsproduktes. Auch andere strukturelle Unterschiede lassen die Kluft zwischen den EU-Mitgliedstaaten und den zehn Beitrittskandidaten aus Ost- und Mitteleuropa zur Europäischen Union (EU) groß erscheinen. „Es wird im Durchschnitt mindestens 20 Jahre dauern, bis die zehn Beitrittskandidaten das Wohlstandsniveau der alten EU erreicht haben“, sagte der EU-Währungskommissar Pedro Solbes erst kürzlich, um die hohen Erwartungen zu dämpfen. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls verspricht sich schon bald Vorteile, wenn die EU-Mitglieder auf dem EU-Erweiterungsgipfel, der am Donnerstag in Kopenhagen startet, den zehn Nachbarn ein Beitrittsangebot machen.

Die deutsche Wirtschaftslobby unterstützt die Osterweiterung – schließlich liefert sie den Unternehmern neue Märkte, auf denen sie ihre Waren absetzen können. „Ohne Osterweiterung würden bereits bestehende Geschäftsbeziehungen gefährdet und das Wachstum gedämpft“, argumentiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Denn schon seit Jahren sind deutsche Unternehmer in den Beitrittsländern präsent. Die Investitionen der deutschen Unternehmen in den Kandidatenländern seien 2001 stärker gewachsen als die weltweiten Engagements insgesamt, heißt es beim DIHK, auf 3,6 Milliarden Euro. Die Beitrittskandidaten im Osten machten im vergangenen Jahr knapp zehn Prozent am deutschen Außenhandel aus, und über Deutschland werden rund 40 Prozent des Handels der gesamten EU mit den Neuen abgewickelt. Viele Unternehmen lagern ihre Produktion in die ost- und mitteleuropäischen Staaten aus, um von den billigeren Löhnen zu profitieren. Um die Märkte zu erschließen, gründen sie Töchter vor Ort und kooperieren mit Partnern. Der Abschluss der Beitrittsverhandlungen der EU-Mitglieder in Kopenhagen wird die Kandidaten für Investoren noch interessanter machen, sagt Christian Weise, EU-Experte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Das ist eine zusätzliche Risikominderung.“

Schließlich wird dann in Polen, Tschechien oder Lettland auch bald EU-Recht gelten, auf das sich die Unternehmen berufen können. „Das ist ein zusätzliches Signal für die Firmen, die sich bisher noch zurückhaltend gezeigt haben“, sagt Weise. Obwohl offiziell so gut wie das gesamte EU-Recht übernommen wurde, hakt es vielerorts noch bei der Umsetzung.

Nimmt man wie die Deutsche Bank Research die Integration von Spanien und Portugal in die EU zum Vergleich, dann kann man relativ optimistisch sein, dass die Osterweiterung wirtschaftlich machbar ist. Zumindest Slowenien, Tschechien und Ungarn könne man mit dem Konvergenzgrad der Länder von der iberischen Halbinsel vergleichen, als sie 1986 in die EU aufgenommen wurden, schreibt das Institut.

Die strukturellen Unterschiede bei Wachstum, Wohlstand oder der Bedeutung der Landwirtschaft zwischen den jetzigen EU-Mitgliedern und den Kandidaten bergen jedoch vor allem politisches Konfliktpotenzial. Die Beitrittskandidaten werden um Subventionen aus dem EU-Haushalt feilschen, für ihre Landwirte und die Regionen, denen es besonders schlecht geht. Die meisten Experten gehen jedoch davon aus, dass die EU-Erweiterung unter dem Strich für beide Seiten profitabel ausfällt. „Die Kosten sind tragbar“, sagt Christian Weise. Außerdem würden die EU-Subventionen in den Beitrittsländern die Nachfrage stärken. „Und davon wird dann auch die Wirtschaft der jetzigen Mitglieder profitieren“, sagt Weise vom DIW. „Polnische Unternehmer werden mit der EU-Unterstützung auch deutsche Maschinen kaufen.“

Die Herausforderung liege weniger in der wirtschaftlichen Dimension, sagt Christian Weise, sondern in der politischen. „Die EU muss ihre Institutionen reformieren, damit sie auch mit 25 Mitgliedern entscheidungsfähig bleibt.“

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