Wirtschaft : Zukunftsvertrag für Opel unterzeichnet

Die Existenz der Opel-Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern ist mindestens bis 2010 gesichert. General Motors verpflichtet sich, die defizitären deutschen Werke besser auszulasten. Die Belegschaft muss für die Beschäftigungssicherung allerdings Einbußen in Kauf nehmen.

Rüsselsheim (04.03.2005, 15:42 Uhr) - Der Autobauer Opel soll mit den schärfsten Einschnitten der Nachkriegsgeschichte, einem massiven Stellenabbau und einer besseren Auslastung wieder in die schwarzen Zahlen fahren. Nach einem fünf Monate dauernden Verhandlungspoker mit der US-Mutter General Motors (GM) stellte die Adam Opel AG am Freitag in Rüsselsheim als vorerst letzten Schritt des Sanierungspakets einen «Zukunftsvertrag» vor. Er sichert die Existenz der Opel-Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010. Das Opel-Stammwerk in Rüsselsheim baut laut Vertrag von 2007 an die Mittelklasse von Opel (Vectra) und Saab (9-3). GM hält aber auch an seiner schwedischen Tochter Saab mit dem Werk in Trollhättan fest.

GM, der weltgrößte Autohersteller, verpflichtet sich, seine drei westdeutschen Standorte besser auszulasten und rentabler zu machen. Betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen sind europaweit bis Ende 2010 ausgeschlossen. Dafür nehmen die Opel-Mitarbeiter Nullrunden und Lohneinbußen hin und akzeptieren flexible Arbeitszeiten bis 40 Stunden pro Woche inklusive Samstage. Insgesamt baut Opel bis 2007 mit 9000 Stellen jeden dritten Arbeitsplatz ab. Die von GM angedrohten Massenentlassungen, gegen die das Bochumer Werk im Oktober sieben Tage lang gestreikt hatte, sind vom Tisch.

«Wir haben unser Ziel erreicht, die deutschen Standorte wettbewerbsfähig und damit fit für die Zukunft zu machen», sagte der Opel-Vorstandsvorsitzende Hans Demant. Wann die Traditionsmarke nach fünf Jahren hohen Verlusten wieder rentabel wird, wollte Demant nicht sagen. «Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir uns aus dieser Situation befreit haben.» Das Einsparziel von 500 Millionen Euro jährlich werde mit der Sanierung erreicht, sagte ein Opel-Sprecher.

Für Saab kündigte GM eine Erweiterung der Modellpalette an. «Wir stehen bedingungslos hinter der Marke Saab», sagte der europäische GM-Chef Fritz Henderson in Trollhättan. Mit Saab könne GM die eigenen «dramatischen Defizite» auf dem Weltmarkt für Luxusautos beheben. GM Europe schreibt seit 1999 rote Zahlen. Allein 2004 summierte sich der Verlust bei Opel nach Medienberichten auf bis zu 600 Millionen Euro.

Mit jährlich rund 293 000 Fahrzeugen ist Rüsselsheim als modernstes Werk gut ausgelastet. «Das Geschäftsmodell für Rüsselsheim war über die Laufzeit rund 200 Millionen Euro kosteneffektiver als das von Trollhättan», sagte Henderson. Die notwendigen Investitionen seien sehr viel niedriger, auch die Logistik sei besser.

Das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim wird eine zentrale Rolle spielen. Vorstand und Gesamtbetriebsrat gehen davon aus, dass Rüsselsheim die Entwicklung für die neue Kompaktklasse (Astra) erhalten wird. Diese Entscheidung soll erst bis Jahresende fallen. Opel werde sich an der Entwicklung eines Oberklasse-Autos beteiligen.

Für Bochum sagte das Management Investitionen zu, damit dort neben dem Zafira und dem Astra Caravan künftig als drittes Modell der fünftürige Astra von Ende 2006 an produziert werden kann. Damit soll die Verlagerung von zwei Dritteln der Zafira-Produktion nach Polen ausgeglichen werden. Das Werk ist laut Betriebsrat für 2006 bereits ausgelastet. Der Achsen- und Auspuffbau in Bochum bleibt erhalten. Der Standort Kaiserslautern wird mit Komponenten für die nächste Mittelklasse besser ausgelastet.

Die Opel-Mitarbeiter nehmen hin, dass Tariferhöhungen bis 2005 nicht weitergegeben, danach bis 2010 um ein Prozent reduziert werden. Entgegen der Forderung des Managements bleiben übertarifliche Zuschläge zunächst bestehen. Opel-Mitarbeiter verdienen bis zu 20 Prozent über Tarif. Diese Zulagen sollen nach Opel-Angaben in den kommenden Jahren abgeschmolzen werden. Das Weihnachtsgeld wird von 2006 auf 70 Prozent gekürzt. Die Arbeitszeiten werden flexibel gestaltet und können zwischen 30 und 40 Stunden pro Woche betragen bei einer Bezahlung von durchschnittlich 35 Stunden die Woche. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz zeigte sich «zufrieden, dass wir ein Fundament für die Zukunft gelegt haben», bezeichnete die Sanierung aber auch als «schmerzlichen Einschnitt, der weh tut».

Unterdessen ist das freiwillige Abfindungsprogramm zum radikalen Abbau von 6000 Stellen bis 2007 größtenteils umgesetzt. Die Zahl wurde im Lauf der Verhandlungen um 500 Arbeitsplätze reduziert. Bis zum Ende der Frist am vergangenen Freitag hatten 4500 Mitarbeiter Verträge unterzeichnet, bis 2007 werden in Bochum weitere 1500 dazu kommen. Vor der Sanierung beschäftigte der Autobauer knapp 32 000 Menschen. Für das Abfindungsprogramm stellt GM etwa 750 Millionen Euro bereit.

Das unterlegene Werk in Trollhättan soll künftig den neuen Cadillac BLS, der gerade auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert wird, von 2006 an bauen. Auch ein neues Cross-Over-Modell zwischen Jeeps und Luxuswagen sagten die Manager zu. «Es geht nicht um Schweden oder Deutschland. Es geht um Westeuropa oder Asien», sagte der Saab-Vorstandsvorsitzende Peter Augustsson zur GM-internen Konkurrenz mit Opel in Rüsselsheim. Das Trollhättan-Werk von Saab mit derzeit 5 300 Beschäftigten war im letzten Jahr mit 100 000 gebauten Wagen nur knapp zur Hälfte ausgelastet. (tso)

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