Wirtschaft : Zum Abschied Erleichterung

Aktionärsschützer und Investoren begrüßen von Pierers Rücktritt. Siemens-Chef Kleinfeld hat nun freie Bahn

Corinna Visser

Berlin - Die Börse hat den Rücktritt Heinrich von Pierers vom Posten des Siemens-Aufsichtsratsvorsitzenden positiv aufgenommen. Mit seinem Rückzug in der Nacht zum Freitag mache er den Weg frei für einen Neuanfang bei dem krisengeschüttelten Konzerns, hieß es. „Die prekäre Situation, in die unser Unternehmen in den letzten Monaten trotz seiner hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung geraten ist, hat auch mich außerordentlich betroffen gemacht“, schrieb von Pierer in einer Mail an die weltweit mehr als 400 000 Siemens-Mitarbeiter. Zugleich kritisierte er: „Betroffen machen mich aber auch die pauschalen Vorverurteilungen in der Öffentlichkeit, die oftmals ohne Rücksicht auf die Faktenlage erfolgen, und das Vorgehen einzelner Behörden gegenüber verdienten Mitgliedern unseres Hauses.“ Die Verhältnismäßigkeit der Mittel scheine ihm dabei zuweilen fraglich.

Mit dem Rücktritt zog von Pierer die Konsequenz aus der Affäre um schwarze Kassen und mögliche Schmiergeldzahlungen an die Arbeitnehmerorganisation AUB. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in München und Nürnberg richten sich gegen Vorgänge, die in von Pierers Amtszeit als Vorstandschef (1992 bis 2005) fallen. Er teilte jedoch mit: „Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung.“ Sein Nachfolger wird Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp. Der Siemens-Gesamtbetriebsrat stärkte von Pierer den Rücken. Dieser habe wie kein anderer für die Belange der Arbeitnehmer und den Standort Deutschland gestanden, sagte der Vorsitzende Ralf Heckmann. „Seine Integrität steht für uns außer Zweifel.“

Die Siemens-Aktie legte am Freitag um mehr als vier Prozent auf 90,35 Euro zu – den höchsten Stand seit fast sechs Jahren. Das liegt auch daran, dass der Markt erwartet, dass Siemens die selbstgesteckten Margenziele erreicht hat. Am kommenden Donnerstag legt Konzernchef Klaus Kleinfeld die Halbjahresbilanz des Unternehmens vor.

Aktionärsschützer begrüßten von Pierers Entscheidung. „Das ist der richtige Schritt. Das nimmt jetzt viel Feuer aus dem Geschehen“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Zu den größten Anteilseignern bei Siemens gehören die Fondsgesellschaften DWS und Union Investment. „Wir haben grossen Respekt vor der Entscheidung von Heinrich von Pierer“, sagte Henning Gebhardt, Leiter Deutsche Aktien bei der DWS, dem Tagesspiegel. Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment sagte, der Schritt signalisiere dem Markt, dass Vorstandschef Kleinfeld den Konzernumbau nun schneller voranbringen könne als zuvor. „Kleinfeld kann freier agieren und seinem Anspruch gerecht werden, den Konzern ins neue Jahrtausend zu führen.“ Zwar habe Pierer bereits mit dem Konzernumbau begonnen, doch Kleinfeld gehe konsequenter vor. Dass die Siemens-Aktie sich jahrelang schlechter entwickelt habe als der Dax müsse ein Alarmzeichen sein. „Wenn Kleinfeld den Konzern nicht schlanker und schlagkräftiger macht, wird es der Markt tun. Dann gerät Siemens in Gefahr, zum Übernahmekandidaten zu werden.“

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