Wirtschaft : Zum Golde drängt schon längst nicht mehr alles - was sich im spürbaren Kursverfall bemerkbar macht

Hermannus Pfeiffer

Staaten und Banken vertrauen auf andere Werte als auf Dagobert Ducks Lieblingsmetall. Analysten befürchten einen Preissturz auf 100 Dollar die UnzeHermannus Pfeiffer

Am Golde hängt, zum Golde drängt nicht mehr alles. Einer, der das wissen muss, ist Bernhard Gräf, Rohstoffexperte der Deutschen Bank. Einen Goldkurs oberhalb der 300 Dollar werde es auf lange Sicht nicht mehr geben, die im Sommer bekannt gewordenen Verkaufspläne mehrerer Regierungen und Notenbanken würden eine Wiederbelebung des Preises verhindern, verriet der Goldexperte dem Fachblatt "Bank Magazin". Das war im August. Dann kletterte der Goldkurs allerdings wieder auf über 320 Dollar in die Höhe. Die Fachleute schienen kläglich blamiert. Doch seit Ende November, seit der dritten Verkaufsauktion der Bank von England, geht es wieder bergab. Gold notiert bereits wieder unter 280 Dollar je Unze.

Das edle Metall hat einen bereits zwei Jahrzehnte andauernden Preisverfall hinter sich. 1980 lag der Kurs sogar einmal über 850 Dollar pro Feinunze. Seit Mitte der siebziger Jahre hatten Inflationsängste, gepaart mit wilden Spekulationsblasen den alten Kurs von 100 Dollar rasant nach oben getrieben, bis eben auf diese magischen 850 Dollar. Doch seitdem verliert Gold an Glanz, sein Kurs ist fast kontinuierlich gesunken. Ökonomisch steht hinter dem Wertverfall vor allem der Bedeutungsverlust des Goldes für die meisten Währungen.

Um die Jahrhundertwende war Gold gleich Geld. Keine Währung, die etwas auf sich hielt, konnte es sich leisten, auf eine vollständige Golddeckung zu verzichten. Selbst Münzen waren teilweise aus Gold geprägt, und für jede Papiernote hielt die Zentralbank einen entsprechenden Gegenwert in Gold auf Lager. So baute 1871 auch das junge Deutsche Reich auf eine schillernde Goldwährung. Die allerersten Markstücke waren noch aus Silber. Die Mark galt daher international zunächst als "hinkende Goldwährung". Trotzdem dominierte das Gold, und die rechnerische Formel lautete: 1 Mark = 1/2790 kg Feingold. Aber schon 1909 ließ sich eine Volldeckung durch Gold nicht mehr aufrecht erhalten. Der langsame Abstieg des Goldes begann. Nun genügte es, wenn ein Teil des Geldumlaufs durch Gold abgedeckt war. Im Kaiserreich reichte eine 40-prozentige Reservehaltung aus. Diese sogenannte Goldumlaufwährung bestand weltweit bis zum Ersten Weltkrieg. Dann endete aber auch dieses Währungssystem. Die kriegführenden Staaten konnten ihren gestiegenen Finanzbedarf nicht mehr unter dem strengen Regime einer Goldwährung decken. Drei Tage nach der deutschen Kriegserklärung an Russland hob das Kaiserreich per Gesetz die Golddeckung auf.

In der Zwischenkriegsära kamen Goldkernwährungen in Mode - eine weitere Aufweichung der Goldbindung. Für die Reichsmark bestand so nur noch eine gewisse Mindestgolddeckung. Diese Mindestdeckung war zudem teilweise auch in Devisen möglich, etwa in US-Dollar. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde der Goldgehalt der meisten Währungen weiter heruntergefahren. Eine Deckungspflicht bestand nicht mehr. Stattdessen hielt man nur noch einen formalen Bezug zum Gold aufrecht, indem eine bestimmte Goldparität benannt wurde: Ein Dollar oder eine Mark entsprachen damit wertmäßig noch einer entsprechenden Goldmenge.

Die westliche Währungsordnung basierte dann nach 1945 auch nicht mehr auf Gold, sondern auf festen, aber durchaus anpassungsfähigen Wechselkursen. Gold galt den Zentralbanken und Regierungen lediglich als metallene Reserve für schlechte Zeiten. Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems in den siebziger Jahren begann dann der Ausverkauf der Goldreserven.

Im Jahre 1975 veranstaltete das Finanzministerium der USA eine erste Auktion, auf der Gold "öffentlich" verkauft wurde. Diesem Schauspiel folgten bis heute Dutzende weitere durch Regierungen und Zentralbanken in aller Welt. Mit dem gleichen Erfolg hätte das Gold auf dem normalen Markt still und leise verkauft werden können, ist sich der renommierte russische Goldforscher Andrej Anikin sicher. Aber, "den Verkauf über Auktionen hatte man gewählt, um zu demonstrieren, dass das Gold zu einer gewöhnlichen Ware geworden war". Immerhin das ist es bis heute geblieben.

Den vorletzten Preisverfall löste die Bank von England im Juli 1999 aus, als sie 25 Tonnen Gold verkaufte. Ziemlich zeitgleich wurden Absichten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und einiger Zentralbanken publik, wonach diese Kasse machen und sich weitgehend von ihren Goldreserven trennen wollen. Als Sicherheitsanlage für Staaten und Banken hat Gold mittlerweile ausgedient. Eine Investition, deren Kurs seit 1980 von 850 auf 250 Dollar absackt, kann auch kaum als "sicher" bewertet werden. Moderne Finanzinstrumente, etwa sogenannte Derivate, erfüllen den selben Zweck zu scheinbar günstigeren Konditionen.

Widerstand der globalen Goldlobby, organisiert vom World Gold Council, und ein gesundes Eigeninteresse brachten die Zentralbanken nun zur Raison. Hätten die führenden Industriestaaten weiterhin im Eiltempo ihre Goldlager geräumt, wäre der Kurs bald tief unter die schon zwischenzeitlich erreichten 250 Dollar gefallen. Das hätte den Erlös kräftig geschmälert. "Dann lieber Gold in der Kasse", sagten sich wohl Bundesbank und andere, und so verständigten sich kürzlich 15 europäische Zentralbanken darauf, künftig pro Jahr nur maximal 400 Tonnen des edlen Metalls zu verscherbeln. Immerhin wäre auch dies in normalen Jahren ein Sechstel des Weltumsatzes. Bei soviel Überangebot sollte der Goldpreis in den kommenden Jahren weiter abrutschen.

Nur noch wenige Finanzberater empfehlen daher Gold als Anlageobjekt. Als sichere Investition kann es für Privatanleger ohnehin nicht mehr gelten. Die weltweite Nachfrage nach dem Edelmetall steigt trotzdem. Insbesondere in Indien und Mexiko wird immer mehr Gold verarbeitet - zu Schmuck und Devotionalien aller Art. Gold ist heute nur noch "billiger" Rohstoff. Diese spezielle Nachfrage wird auf Dauer nicht ausreichen, um den Goldkurs oberhalb der 200-Dollar-Marke zu halten. Manche Experten erwarten sogar einen Absturz auf 100 Dollar pro Feinunze. Der Tanz um das Goldene Kalb ist vorbei.

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