Wirtschaft : Zum Schlichter statt zum Richter

Harald Olkus

Für manche ist Mediation schlicht neumodisches Zeugs. Andere verwechseln sie mit Meditation. Aber alle, denen der Begriff etwas sagt, sehen darin eine vielversprechende Möglichkeit zur außergerichtlichen Streitschlichtung. Der englische Begriff Mediation bedeutet Vermittlung, Fürsprache. Sie ist in nahezu allen gesellschaftlichen Teilbereichen anwendbar: In Schulen wird diese Form der Konfliktlösung erfolgreich angewendet; als Familienmediation beginnt sie, sich in Trennungs- und Scheidungsfällen, beim Sorgerecht und bei Erbschaftsstreitigkeiten durchzusetzen. Allmählich findet auch die Umweltmediation Anhänger. Viele Kommunen haben ehrenamtliche Streitschlichtungsinstanzen eingerichtet, um Nachbarschaftsstreitigkeiten zu lösen. Und auch die Arbeits- und Wirtschaftsmediation wird zum wirtschaftlichen Faktor.

Im vergangenen Jahr seien Mediationsverfahren mit einem Streitwert von insgesamt 500 Millionen Mark verhandelt worden, sagt Dieter W. Lüer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement e.V. (GWMK). Die Mediation werde immer bekannter, die Zahl der Verfahren steige, konkrete Zahlen gebe es allerdings nicht. Doch rund 70 Prozent der Verfahren seien erfolgreich.

Die Mediation hat gegenüber Gerichtsverfahren den Vorteil, dass sie versucht, einen echten Interessensausgleich herzustellen. Im Unterschied zu Gerichtsverfahren, bei denen sich die Fronten schnell verhärten und ein weiteres Zusammenleben oder -arbeiten nach dem Urteilsspruch oft unmöglich scheint, versucht der Mittler einen für beide Seiten tragbaren Lösungsansatz zu finden. Dazu ist eine möglichst große Offenheit beider Parteien nötig.

Auch bei Juristen findet Mediation zunehmend Anklang. Denn für sie bietet sich hier eine Alternative auf dem engen Arbeitsmarkt. "Bei uns melden sich viele Jurastudenten, die sich dafür interessieren", sagt Kerstin Grune vom Mediationsbüro Mitte. Juristen sollten die Mediation allerdings als Möglichkeit zur Weiterbildung und als zusätzliches Geschäftsfeld zum Anwaltsberuf begreifen, denn als Alternative dazu.

"Ich warne davor, die Mediation als eigenes Berufsbild zu sehen und junge Menschen Glauben zu lassen, dass sie ausschließlich davon leben können", sagt auch Dieter W. Lüer. Denn der Markt sei noch nicht entwickelt. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz: Immerhin bilden die 50 Ausbildungseinrichtungen in Deutschland jedes Jahr rund 1000 Mediatoren aus. "Der Bedarf hält damit aber noch längst nicht Schritt", sagt Lüer.

Die Mediatoren kommen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern: Darunter sind Juristen und Pädagogen ebenso wie Sozialarbeiter und Psychologen. Auch große Betriebe sind mittlerweile daran interessiert, ausgewählte Mitarbeiter zu Mediatoren fortzubilden, um Konflikte innerhalb der Firma, sei es zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft oder bei Mobbing, zu lösen.

Während die Psychologie die Mediation ganz für sich reklamiert - sie sei eine "genuin psychologische Tätigkeit", sagt der Berufsverband der Psychologen - sehen die Juristen vor allem in der Wirtschaftsmediation ihr Feld. Denn bei Unternehmenskonflikten sollte der Mediator nach Ansicht von Dieter W. Lüer die rechtliche Dimension überblicken und die Erfolgsaussichten einer Gerichtsverhandlung abschätzen können, um beide Parteien kompetent beraten und auf sie eingehen zu können.

Rechtsanwalt Jürgen Rodegra hat die Mediation in den USA kennen gelernt. "Dort wurde diese Form der Streitschlichtung in den 60er Jahren wiederentdeckt und wissenschaftlich fortentwickelt", sagt er. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die Antike. Da Gerichtsverfahren in den USA meist noch risikobehafteter sind als hier zu Lande, hat sich die Mediation dort eher durchgesetzt.

Der in Berlin und New York zugelassene Rechtsanwalt sieht in internationalen Wirtschaftbeziehungen ein vielversprechendes Arbeitsfeld. Bei Problemen mit der Vertragserfüllung von Unternehmen aus verschiedenen Ländern gebe es das Problem mit dem Gerichtsstand, Unterschiede in den Rechtsnormen und in der Verfahrensweise der Verhandlungen. "Das wird oft sehr kompliziert, langwierig und teuer", sagt Rodegra. Vielfach seien die Unternehmen auch an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert. Alles Gründe, die für Mediation sprächen. Ein attraktives Einsatzfeld seien auch Kooperationen, Zusammenschlüsse und Übernahmen von Firmen, sagt Dieter W. Lüer. Viele Hürden seien dabei ohne neutralen Mittler kaum zu überwinden.

"Mediation ist langsam im Werden", sagt auch Jutta Hohmann, Anwältin und seit 1993 auch Mediatorin. Sie hat ein Buch über Mediation geschrieben, ein Ausbildungsinstitut gegründet und hält Vorträge zum Thema. Auch sie begreift die Mediation nur als "gute Ergänzung" zu ihrer Arbeit als Anwältin. Denn ebenso breit wie das Einsatzfeld der Mediation ist auch die Bandbreite der Honorare. Die Sätze beginnen bei 100 Mark pro Stunde und gehen bis 5000 Mark und mehr am Tag - abhängig von Zeitaufwand und Streitwert sowie davon, ob es sich um einen Firmen- oder Privatkunden handelt. "Aber Leben können von der Mediation nur wenige", sagt Lüer. "Außer man bildet Mediatoren aus."

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