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Zum Tod des Bundesbankpräsidenten : Hans Tietmeyer - Der Apologet der Stabilität

Der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer im Alter von 85 Jahren gestorben. Er war ein Mann, der einen Kanzler stürzte und der RAF entkam. Ein Nachruf

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Der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer (1931 - 2016)
Der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer (1931 - 2016)Foto: dpa/Klaus Franke

„Westfälische Eichen wachsen langsam, aber sie halten dann meistens auch den Stürmen stand, aus welcher Richtung sie auch immer kommen“, sagte Hans Tietmeyer einmal über sich selbst. Daran erinnerte die Bundesbank am Mittwoch in ihrem Nachruf auf den Mann, der dieser Institution von 1993 bis 1999 als Präsident vorstand – bis zu dem Jahr, in dem der Euro als Buchwährung eingeführt wurde und die Bundesbank damit ihre wichtigsten Kompetenzen an die Europäische Zentralbank (EZB) abgab. Und ihren Präsidenten gleich mit: Tietmeyer wechselte  in den Rat der Notenbanker der EZB.

Hans Tietmeyer war am Dienstag im Alter von 85 Jahren verstorben. Jens Weidmann, sein amtierender Nachfolger bei der Bank würdigte ihn einen „herausragenden Präsidenten“. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nannte ihn „einen der wichtigsten Architekten des Euro“. „Mit ihm verlieren Europa, der Euro und ich persönlich einen wichtigen Weggefährten“.

Zum Euro befragte er 1998 das Orakel

Wer nocheinmal durch die vielen Würdigungen blättert, die noch zu seinen Lebzeiten veröffentlich worden sind, findet phantasievollere Titel. Nicht alle sind schmeichelhaft, aber alle lassen  ein  Maß an Respekt und Ehrfurcht erkennen. Er wurde als „Ikone der Geldpolitik“ bezeichnet, als „Greenspan Europas“ in Anlehnung an den  legendären US-Notenbank-Präsidenten Alan Greenspan, den „Tietmeyer Amerikas“, wie man  sagen könnte.

Der französische Soziologie Pierre Bourdieu beschrieb Europas einst mächtigsten Notenbanker als „Hohepriester“, den „grand prêtre du deutschmark“. Denn Tietmeyer war zwar maßgeblich an der Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beteiligt. Für seinen Geschmack  aber steckte in dem Konstrukt zu wenig Wirtschaftsunion. Die Geldwertstabilität galt es - auch gegen die Politik der "Südländer" - zu verteidigen. Tietmeyer war ein unverbesserlicher Apologet der Stabilität.

Gern schilderte der Mann, der in bescheidenen dörflichen aufgewachsen war, seine Gedanken sachlich und trocken. So gab er die Anekdote zum Besten, er habe 1998 im Jahr der Euro-Einführung das Orakel von Delphi gefragt, welche Währung auf Dauer stabiler sein werde: die Mark oder der Euro. Zur Antwort habe er erhalten: „Die Mark nicht der Euro.“ Offen ließ Tietmeyer, welche Währung es denn nun sei - an welcher Stelle das Orakel das Komma setzte, ob vor oder nach dem „nicht“, klärte er bewusst nicht auf.

Brüder im Geiste. Hans Tietmeyer, Präsident der Deutschen Bundesbank und Bundeskanzler Helmut Kohl, 1988.
Brüder im Geiste. Hans Tietmeyer, Präsident der Deutschen Bundesbank und Bundeskanzler Helmut Kohl, 1988.Foto: imago stock&people

Mit seinem Papier zerbrach 1982 die Koalition

Persönliche Bekannte beschrieben den streng katholisch sozialisierten Sohn eines Amtsinspektors, eines von elf Kindern, als als loyal, prinzipientreu, ordnungsliebend,  streng. Der leidenschaftliche Tischtennisspieler und promovierte Volkswirt glaubte zwar an Gott, sah den Menschen aber nie als Herdentier, er betone regelmäßig dessen Eigenverantwortung.

In seiner Diplomarbeit ("Der Ordo-Begriff") brachte Tietmeyer 1958 die Ordnungsvorstellungen der Neoliberalen mit der katholischen Soziallehre zusammen. Ein Kunststückchen! Wenig später kam mit seinem Mentor, dem Kölner Professor Alfred Müller-Armack, ins Bundeswirtschaftsministerium, ins Referat für Grundsatzfragen. 1982 wurde der CDU-Mann Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Für den Minister Otto Graf Lambsdorff (FDP) ein ordoliberales Plädoyer, das als „Lambsdorff-Papier“ Karriere machte – und ein Anlass für den Bruch der sozialliberalen Koalition und Helmut Schmidt (SPD) war.

So ging Tietmeyers Karriere unter dem neuen Kanzler Helmut Kohl weiter, wäre aber im September 1988 beinahe durch Terroristen der RAF beendet worden. Ein Maschinengewehr klemmte, Tietmeyers Fahrer brauste auf zerschossenen Reifen davon. „Er setzte sein Tagespensum ohne Unterbrechung fort“, schreibt die Bundesbank über jenen Tag.

Letzte Grüße von Clement und Schäuble

Mit dem Jahrtausendwechsel hatte Tietmeyer  das Rentenalter erreicht, engagierte sich jedoch bis 2012 unter anderem als Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die in der Öffentlichkeit für wirtschaftsliberale Reformen wirbt. „Wirklich soziale Politik ist immer auch Politik, die zur Eigeninitiative anregt“, zitierte die INSM Tietmeyer von der Vorstellung der Initiative im Jahr 2000. Sein Nachfolger Wolfgang Clement erklärte: „Sein Engagement für die Soziale Marktwirtschaft war ein Glücksfall und seine Konsistenz, Kontinuität und Integrität bleiben der INSM ein Vorbild“

Persönliche Worte kamen auch aus dem Bundesfinanzministerium, von Wolfgang Schäuble (CDU). Tietmeyer sei im Bundesfinanzministerium und als Präsident der Bundesbank stets ein bedeutender Garant für Stabilität und Marktwirtschaft gewesen. „Persönlich beeindruckt hat er mich mit seiner Kompetenz in den Verhandlungen zum Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, an denen wir beide beteiligt waren. Seine kluge, mahnende Stimme wird uns fehlen.“

 

 

 

 

 



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