Wirtschaft : Zum Wohl der Marke

Dagmar Rosenfeld

Der Winter ist hart in Russland. Es ist klirrend kalt, das Thermometer zeigt minus 15 Grad. Die schmutzige Außenfassade des Internats Nummer 30 am Rande von Moskau hat sich unter blitzendweißem Schnee versteckt. Doch drinnen ist der Dreck an den kahlen Wänden deutlich zu sehen. Auf vergitterten Bettgestellen mit zerschlissenen Matratzen schlafen Kinder. Die meisten von ihnen sind nackt. Dreimal täglich werden sie gefüttert. Den Rest des Tages liegen sie regungslos in ihren Gitterbetten und starren ins Leere. Die Kinder sind behindert. Deswegen werden sie im Internat Nummer 30 weggeschlossen und aufbewahrt - denn in Russland ist nicht nur der Winter hart.

Bunte Bilder und buntes Spielzeug, warme Betten und warme Worte, Pflege und Betreuung - für die 250 behinderten Kinder im Moskauer Heilpädagogik-Zentrum gehört das zur Therapie. Auch so kann Moskau sein und so soll es überall in Russland werden: Das ist das Ziel des Berliner Förderkreises Iwanuschka. "Wir unterstützen seit fünf Jahren das Therapiezentrum", sagt Jochen Rang. Rang ist 26 Jahre alt und studiert Betriebswirtschaft. 1996 hatte er in dem Moskauer Zentrum seinen Zivildienst geleistet und anschließend zusammen mit deutschen Kollegen den Förderkreis gegründet. "Damit das Internat Nummer 30 die Ausnahme wird und nicht die Regel bleibt", sagt er.

Wie Jochen Rang ist hier zu Lande jeder dritte über 14 Jahren gemeinnützig engagiert. Ein Drittel dieser ehrenamtlichen Wohltäter investiert laut Bundesfamilienministerium wöchentlich über fünf Stunden in soziale Tätigkeiten. Würde jede Arbeitsstunde mit 20 Mark vergütet, ergäbe das pro Woche eine Summe von 2,2 Milliarden Mark. Und dann sind da noch Millionen von Bundesbürgern, die gerne helfen möchten, wenn sie nur wüssten, wie und wo.

Bei dem Förderkreis Iwanuschka ist das "Wo" nie ein Problem gewesen, aber das "Wie" hat den jungen Helfern schon einige Schwierigkeiten bereitet. Besonders bei Anträgen auf Fördergelder fehlt es an der nötigen Professionalität. Und die geht auch anderen gemeinnützigen Vereinen ab. Chaotische Organisation, dilettantische Finanzierung oder schlechte Mitarbeiterwerbung schmälern häufig die Wirksamkeit der Wohltätigkeit. "Gerade wenn die Mittel für den guten Zweck begrenzt sind, müssen sie möglichst effizient eingesetzt werden, damit möglichst Vielen geholfen werden kann", sagt Babette Büttner von der Unternehmensberatung Mc Kinsey. Deshalb hat Mc Kinsey zusammen mit Firmen wie Daimler-Chrysler oder Gerling den Ehrenamtswettbewerb "Startsocial" ins Leben gerufen. Mitmachen konnte jeder, der Mildtätiges im Sinne hatte. So sollten mit Unterstützung von Wirtschaftsprofis neue Ideen verwirklicht und bestehende Konzepte weiterentwickelt werden.

2007 Hilfsprojekte haben an dem Wettbewerb teilgenommen und sechs von ihnen sind am 18. Dezember im Bundeskanzleramt ausgezeichnet worden - darunter der Förderkreis Iwanuschka und die Berliner Björn Schulz Stiftung. Björn Schulz war sieben Jahre alt, als er 1982 an Krebs starb. Sein Vater ist heute Vorstand der Stiftung, die Familien mit unheilbar kranken Kindern betreut. 75 Familienbegleiter hat der Verein ausgebildet: Ein Jahr lang sind sie von Psychologen, Theologen und Sozialapädagogen geschult worden, um Eltern und Geschwistern beizustehen. Die Zahl der Familienbegleiter soll bis 2003 auf 120 aufgestockt werden. Hierfür hat Startsocial der Stiftung den Geschäftsführer des Markenverbandes, Horst Prießnitz, als Coach vermittelt. "Mit Hilfe von Herrn Prießnitz haben wir einen Finanzierungsplan für unser Schulungsvorhaben erstellt", erzählt Stiftungsvorsitzender Jürgen Schulz.

Die Zusammenarbeit von Schulz und Prießnitz beweißt, dass Wirtschaft und Wohltätigkeit ein starkes Team sind. Und so engagieren sich auch immer mehr deutsche Unternehmen für soziale Zwecke: Die Mitarbeiter des Quelle-Konzerns pflanzten an einem Tag im Rahmen eines Programms zur Wiederaufforstung 30 000 Bäume, die Axa-Colonia-Versicherung hat einen Verein gegründet, der kranke und alte Menschen betreut und Ford stellt seine Mitarbeiter 16 Arbeitsstunden im Jahr für den Dienst an der Gemeinschaft frei. Diese guten Taten helfen allerdings nicht nur Bedürftigen, sondern auch den Unternehmen selbst. "Stärkere Kundenbindung, bessere Markenidentität und ein erheblicher Imagegewinn sind die Vorteile, die Firmen aus ihrem sozialem Engagement ziehen", sagt Dieter Schöffmann, Marketingberater und Autor einer Studie über ehrenamtlichen Einsatz.

Nach dem Prinzip "Tue Gutes und rede darüber" hat die Augsburger Firma Betafarm ihre gesamte Marketingstrategie ausgerichtet. Betafarm stellt preisgünstige Kopien von Originalarzneimitteln her und engagiert sich ehrenamtlich in der gesundheitlichen Nachsorge. Mehr als zwei Millionen Mark investiert Betafarm jährlich in seine sozialen Projekte. "In unserem Geschäft sind Preise und Qualität der Produkte austauschbar, deshalb brauchen wir andere Verkaufsargumente", sagt Betafarm-Sprecherin Petra Kinzl. Und so wirbt das Unternehmen mit Wohltätigkeit anstatt mit Kugelschreibern und Kalendern.

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