Zunehmende Belastungen : Die Digitalisierung ist ein falsches Versprechen

Die Digitalisierung sollte die Arbeitswelt eigentlich verbessern. Das tut sie bislang aber nicht. Arbeitnehmer klagen eher über mehr Belastung.

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Die Mehrheit arbeitet mittlerweile digital.
Die Mehrheit arbeitet mittlerweile digital.Foto: epd

Sie könnte dem Menschen einen Jahrtausende alten Traum erfüllen, den von der Befreiung von der Erwerbsarbeit. Von diesem notwendigen Übel, das schon nach Meinung von Aristoteles vom vollkommenen Leben ablenkte, vom Glücklichsein und Weisewerden. Optimisten sagen: Noch nie waren wir so nah dran an der Erfüllung dieses Traums wie jetzt, wo die Digitalisierung alles verändert.

Sieht man sie als etwas Gutes an, dann werden Roboter in Zukunft körperlich anstrengende und eintönige Arbeiten übernehmen, und mobiles Arbeiten macht es immer mehr Menschen möglich, statt im tristen Büro an einem Sandstrand zu arbeiten. Oder zu Hause, wo der Laptop auf dem Wohnzimmertisch steht und das Kleinkind in Sichtweite vergnügt über den Teppich krabbelt. Durch die Digitalisierung, so das Versprechen, können Frauen und Männer beides haben: arbeiten und sich um die Familie kümmern. Was immer mehr Menschen möchten.

Die Arbeit macht den Menschen anders krank

Fakt ist aber offenbar eher das Gegenteil: Die Arbeitsbelastung in der modernen Zeit schrumpft nicht, sie wird größer. Weil der Zeitdruck zunimmt und manche Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern die permanente Erreichbarkeit erwarten, wird die Arbeit durch die Digitalisierung auch nicht gesünder, sie macht den Menschen heute nur anders krank als in den Fabrikhallen des 19. Jahrhunderts. Zwar gehört die 80-Stunden-Fließband-Woche der fernen Vergangenheit an, aber nicht die Überlastungsgefahr. Entsprechend nehmen seit einigen Jahren die psychischen Erkrankungen stetig zu.

Eine aktuelle Sonderbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt: Je intensiver Arbeitnehmer mit digitalen Mitteln arbeiten, desto mehr müssen sie in der gleichen Zeit schaffen. Sie klagen über mehr Hetze und würden durch technische Probleme oder E-Mails häufiger in den Arbeitsabläufen gestört und unterbrochen werden.

Niedrigqualifizierte sind besonders gefährdet

Es wurde durch die Digitalisierung also bisher nicht alles leichter und besser, wie es versprochen war. Waren die Verheißungen zu naiv? Zu euphorisch? Wenn ja, was muss das jetzt für die Zukunft bedeuten? Und noch eine große Frage ist ungeklärt: Zwar sollte die Maschine Arbeit übernehmen, aber wovon der Mensch leben soll, wenn er dadurch seinen Job verliert, weiß offenbar noch niemand. Auch wenn immer mehr Manager und Politiker ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten. Und selbst wenn es in Deutschland nicht zu einer Massenarbeitslosigkeit kommt, wie manche meinen, wird es wahrscheinlich zuerst die Niedrigqualifizierten mit einfachen Tätigkeiten treffen. Was die soziale Ungerechtigkeit weiter verschärfen würde.

Lange galt die Lohnarbeit als Garant für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Wenn das für immer mehr Menschen aber nicht mehr gelten sollte, muss diskutiert werden: Was soll dann die Alternative sein? Roboter und Digitalisierungsprogramme stehen nicht plötzlich da und verlangen Gehorsam. Der Mensch muss die Digitalisierung zügig formen, wie er sie haben will. Wie er seinen Traum ausleben will.

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