ZUR PERSON : „BBI ist eine Schwachsinnsidee“

Ryanair-Chef Michael O’Leary über Berlins Großflughafen, Wachstumschancen und Bomben im Laderaum

Michael O’Leary. „Wir wollen die Menschen dazu erziehen, am Flughafen Toiletten aufzusuchen.“Foto: T. Rückeis
Michael O’Leary. „Wir wollen die Menschen dazu erziehen, am Flughafen Toiletten aufzusuchen.“Foto: T. Rückeis

Mister O’Leary, wann saßen Sie zum letzten Mal auf einem Ryanair-Linienflug?

Erst gestern auf dem Weg von Paris nach Dublin.

Haben Sie da auch Wodka aus dem Plastikbeutel getrunken oder eine dieser rauchfreien Zigaretten geraucht?

Nein, aber ich habe einen Tee und ein Schinken-Käse-Panino gekauft, getoastet, sehr lecker. Und das Ganze für nur sechs Euro, also günstiger als am Flughafen.

Dafür mussten sie sich aber diverse Werbespots für diese Produkte über Bordlautsprecher anhören. Das verschreckt doch Gäste. Lohnt sich das für Ryanair?

Ich denke schon. Wenn sich das nicht lohnen würde, würden unsere Leute die Kaufempfehlungen nicht abspielen. Ein Drittel des Einkommens der Kabinencrew ergibt sich aus den Verkaufserlösen an Bord. Insofern sind alle Mitarbeiter motiviert, etwas zu verkaufen: Zeitungen, Snacks, Tee und Kaffee, kleine Geschenke und Lottolose. Je mehr sie verkaufen, desto mehr verdienen sie.

Gebühren für Dicke, für den Toilettenbesuch und Stangen, bei denen man sich im Stehen anschnallt: Welche Ihrer Ideen könnte als erste Realität werden?

Ich hoffe ernsthaft, dass die Toilettengebühr schnell genehmigt wird. Denn unser Ziel ist es, zwei der drei Toiletten am Heck der Maschinen auszubauen, um Raum für sechs zusätzliche Sitzplätze zu schaffen. Mit 195 statt wie bisher 189 Sitzen auf unseren Boeings 737, die wir ausschließlich fliegen, könnten wir im Schnitt die Preise für alle Passagiere senken. Um das zu erreichen, müssen wir aber die Zahl der Personen, die die verbleibende Toilette an Bord benutzen, reduzieren. Wir wollen die Menschen dazu erziehen, noch am Flughafen die Toilette aufzusuchen. Auf die direkten Einnahmen aus der Toilettengebühr kommt es uns nicht an: Die können wir gern für wohltätige Zwecke spenden.

In der Krise stiegen Passagiere aus Kostengründen auf Billigairlines um. Doch die Krise ist vorbei. Wie können Sie da weiter wachsen?

Das muss man differenziert sehen: Ryanair ging es sehr gut im Abschwung. Andere Billigflieger haben dagegen sehr viel Geld verloren, wie man allein in den vergangenen Wochen sehen kommte: Die Airline Hamburg International ist pleite, Bremenfly stoppt den Betrieb...

…zwei Minigesellschaften. Air Berlin hat sich dagegen gut entwickelt.

Stimmt. Statt gigantischer Verluste machen die jetzt nur noch Verluste. Allerdings haben wir Air Berlin nie wirklich als Konkurrenz betrachtet. Ryanair ist die einzig wahre Billigfluggesellschaft. Wir haben in der Krise gewonnen und wachsen weiter sehr stark. Wir haben Flugzeuge bestellt, unsere Flottenstärke wird von 250 auf fast 300 steigen. Wir werden im Jahr 2012 85 Millionen Passagiere befördern, nach 66 Millionen im vergangenen Geschäftsjahr.

Damit sind dann die Grenzen des Wachstums erreicht, wie Sie es schon mal angedeutet haben?

Wenn wir 85 Millionen Passagiere pro Jahr erreicht haben, dürfte unser Wachstumstempo von derzeit rund 15 Prozent im Jahr auf vielleicht nur drei bis fünf Prozent pro Jahr sinken. Aber das wäre immer noch eine akzeptable, kontrollierte Wachstumsrate.

In Deutschland machen Sie das Gegenteil: Im neuen Flugplan streichen Sie allein an Ihrem größten Standort Frankfurt-Hahn 30 Prozent der Flüge.

Wir würden gerne auch in Deutschland weiter wachsen. Der Markt gäbe das her. Daher haben wir ja neue Standorte eröffnet: In Bremen, Düsseldorf-Weeze und Memmingen bei München zum Beispiel. Aber die neue Luftverkehrsabgabe ist einfach nur idiotisch. Die wird dazu führen, dass Verkehr und Tourismus in Deutschland zurückgehen. Die einzigen EU-Länder, die derzeit eine derartige Steuer erheben, sind Großbritannien und Irland. Und das sind Länder, die sinkende Tourismuszahlen melden, während Spanien, Italien und Deutschland wieder wachsen.

Aber die Flugplan-Kürzungen wirken so trotzig, also wollten Sie irgendwem eine Lektion erteilen.

Nein, nicht doch. Wir sind eine kleine irische Fluggesellschaft. Wir können niemandem, der so mächtig ist wie die deutschen Regierung irgendetwas diktieren. Die Passagiere werden der Regierung eine Lektion erteilen. Personenbeförderung ist ein extrem preissensibles Geschäft. Unser durchschnittlicher Ticketpreis beträgt 37 Euro, wenn die Regierung da bei einem deutschen Inlandsflug 16 Euro draufschlägt, sind das fast 50 Prozent. Die Lufthansa, die 600 Euro für ein Businessclassticket verlangt, kratzt der Aufschlag dagegen kaum.

Ryanair wird ungerecht hart getroffen?

Es trifft viel mehr alle vierköpfigen Durchschnittsfamilien, die nach der günstigsten Möglichkeit suchen, in den Urlaub zu kommen. Die werden zunehmend aufs Auto oder die Bahn umsteigen müssen. Ausländische Touristen, die bisher für ein Wochenende nach Deutschland gekommen sind, werden da doch lieber nach Spanien oder Italien fliegen, wo die Steuer nicht anfällt.

Während Sie sich aus Deutschland zurückziehen, könnten aber Wettbewerber wie Easyjet oder Germanwings die Lücke füllen.

Wie denn? Die können gar nicht konkurrieren. Bei uns kostet ein Ticket im Schnitt 37, bei Easyjet rund 70, bei Germanwings 100 Euro. Die Gefahr sehe ich nicht.

Sie streichen auch Flüge ab Berlin-Schönefeld. Welche Pläne haben Sie für den neuen Großflughafen BBI, der 2012 eröffnet wird?

Gar keine. Der neue Berliner Flughafen ist eine Schwachsinnsidee. Das wird ein sehr teurer, sehr komplizierter Flughafen. So ein Konzept ist noch nirgendwo auf der Welt aufgegangen. Berlin hatte drei funktionierende Flughäfen: Tegel, Schönefeld, Tempelhof und weitere im Umland. Die hätten sich alle entwickeln, miteinander konkurrieren können. Aber die Idee, dass Politiker einen tollen, glänzenden Riesenflughafen aufbauen, ist schädlich. London hat vier Flughäfen, Paris hat vier Flughäfen.

Die Städte sind auch deutlich größer.

Ja, aber dort funktioniert es, weil die Flughäfen im Wettbewerb zueinander stehen. Deutschlands Hauptstadt dagegen hat gar keinen Wettbewerb im Flugverkehr, was sehr schade ist.

Das heißt, Sie werden sich ganz aus Berlin zurückziehen?

Schwer zu sagen. Vermutlich werden wir BBI ansteuern und so Berlin an einige unserer Standorte anbinden, aber nur in sehr geringem Umfang. Wenn Sie fragen, ob Berlin ein größerer Standort für Ryanair werden wird, sage ich klar: Nein.

Ryanairs Zentrale liegt in Irland, wo die Krise noch lange nicht vorbei ist. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Geschäft?

Keinen großen. Das Heimatgeschäft macht gerade mal zehn Prozent unseres Verkehrsaufkommens aus. Die Krise dort hat dazu geführt, dass wir vom zehntgrößten Unternehmen des Landes auf Platz zwei aufgerückt sind, weil so viele Banken implodiert sind. Irland erlebt eine Finanzkrise – auch wegen der wirtschaftlichen Inkompetenz einiger Akteure. Aber es gibt immer noch echte Erfolgsgeschichten auf der Insel. Ryanair ist eine davon. Wir versuchen unserer Regierung immer zu erklären, dass Tourismus für Irland ein Weg aus der Krise sein kann. Aber die heben lieber irgendwelche Steuern an. Wenn man Idioten als Politiker wählt, muss man sich nicht wundern.

Könnte der irische Staat unter Druck auch Steuern für Ryanair anheben?

Wenn es etwas gibt, dass dort in Stein gemeißelt ist, dann die niedrige Umsatzsteuer für Unternehmen. Das hat viele US-Firmen auf die Insel geholt, daran wird niemand rütteln. Was steigen wird, sind alle möglichen Steuer für Privatleute.

Es gibt aber Forderungen aus Brüssel und auch aus Berlin, dass Irland die Niedrigsteuerpolitik aufgibt.

Der Druck kann noch so groß sein – das wird nie passieren. Sofort würde ausländisches Kapital aus Irland abziehen, die Folgen wären verheerend.

Noch ein Wort zu den jüngsten Sprengstofffunden in der Luftfracht.

Ryanair betrifft dieses Problem nicht direkt, da wir selbst eine der wenigen Airlines sind, die keine Fracht befördern. Aber die ganze Debatte schadet uns als Branche: TV-Berichte über Bomben in Flugzeugen? So ein Quatsch. Das waren keine Bomben, das waren zwei Druckerpatronen mit ein bisschen Schwarzpulver drin. Deshalb eine neue Runde Sicherheitsvorschriften zu erlassen, wäre unverantwortlich. Es kann nicht sein, dass ein paar Idioten aus einer Höhle im Jemen bestimmen, wie wir zu Leben haben.

Das Interview führte Kevin P. Hoffmann

DER MANAGER

Der 49-jährige Sohn eines irischen Landwirtes stieg 1988 als 25-Jähriger in die damals defizitäre Regionalfluggesellschaft Ryanair ein. 1993 wurde Michael O’Leary Chef der Gesellschaft. Er tritt in der Öffentlichkeit stets betont hemdsärmlig auf und ist bekannt für seine spektakulären PR-Angriffe auf Wettbewerber. Privat lebt er mit Frau und drei Kindern in Irland auf dem Land.

DAS UNTERNEHMEN

Das Unternehmen wurde 1985 als irische Regionalfluggesellschaft gegründet. Als O’Leary das Ruder übernahm, kopierte er das Billigflug-Konzept „Niedrigste Preise – keine Extras“ der US-Fluggesellschaft Southwest Airlines. 1999 kam Ryanair nach Deutschland zum ehemaligen Militärflughafen Hahn. Laut dem Luftfahrtverband IATA beförderte Ryanair 2008 mit etwa 57,7 Millionen Fluggästen mehr Passagiere im internationalen Luftverkehr als jede andere Fluggesellschaft.

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