ZUR PERSON : „Das Spiel hat sich geändert“

Hartwig Masuch, Chef der Bertelsmann-Musikrechtefirma BMG, über Krisen, Künstler und Konkurrenten „Mit viel Geld gepushte Designprodukte geben vielfach den Ton an.“ „Es ist einfacher, neue Leute von London nach Berlin zu holen, als umgekehrt.“

Hartwig Masuch findet, dass man Musiker auch einfach mal machen lassen muss.
Hartwig Masuch findet, dass man Musiker auch einfach mal machen lassen muss.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Masuch, wo wird in der Musikindustrie derzeit am meisten Geld verdient?

Die größten Wachstumsraten gibt es momentan bei der Vermarktung von Musik in Radio, Film und TV. Früher haben diese Bereiche für die traditionellen Plattenfirmen kaum eine Rolle gespielt. Das ist heute aber nicht mehr der Fall. Für uns als Verlag waren die Einnahmen aus den sogenannten Nebenrechten dagegen immer interessant. Sie spielen heute auch für den Künstler eine wichtigere Rolle, da er weniger Platten verkauft als früher.

Das Musikgeschäft von Bertelsmann hat heute die Größe eines Mittelständlers. Lässt sich damit ein großes Rad drehen?

Wer unsere Gesellschafter Bertelsmann und KKR kennt, weiß, dass das Wachstum weitergehen soll. Wir wollen als Dienstleister für die Verwaltung von Musikrechten unter die ersten vier der Musikindustrie kommen. Dabei wird es ein sehr auskömmliches Geschäft sein – zumal BMG keine Tonträger mehr produziert und nicht mehr den Kostenapparat der klassischen Musikkonzerne hat.

Erst hat Bertelsmann seinen Rechtekatalog an Universal verkauft, dann wurde das Joint Venture mit Sony beendet. Als BMG im Oktober 2008 zunächst eigenständig neu startete, hörten sich ihre Ziele noch bescheidener an.

Bereits kurz nach Gründung zeigte sich, dass sich das Ziel, ein europäischer Dienstleister im Musikbereich zu werden, als realistisch erwies. Wir konnten sehr etablierte wichtige nationale Künstler wie Sasha, Nena, Peter Fox und Zweiraumwohnung für unser Geschäftsmodell gewinnen. Unsere Ambitionen haben sich geändert, weil sich der Markt geändert hat. Als die Idee für BMG geboren wurde, waren insbesondere Finanzinvestoren bereit, hohe Summen für Musikrechte an jeden zu bezahlen, der seinen Katalog verkaufen wollte. Und dann kam der Kollaps von Lehman Brothers.

Was hat das Musikgeschäft damit zu tun?

Lehman war ein sehr großer Finanzierer im Geschäft mit Musikrechten. Viele Private-Equity-Finanzierungen liefen über Lehman – mit den üblichen hohen Anteilen von Fremdkapital. Mit der Pleite der Bank brach das Preisgefüge auf dem Musikrechtemarkt über Nacht zusammen.

Die Preise für Aktien oder Immobilien haben sich erholt. Die für Musikrechte auch?

Nein. Die Preise für geistiges Eigentum sind noch immer nicht angestiegen. Das Spiel hat sich geändert. Auf der einen Seite machen die Banken nicht mehr mit. Auf der anderen Seite geht das Kalkül der Investoren nicht mehr auf – es fehlt die Nachfrage der vier großen Musikkonzerne, die heute nicht mehr automatisch am Ende der Nahrungskette stehen.

BMG hat mit KKR auch einen Finanzinvestor im Rücken. Geht es dem so viel besser?

Das Kooperationsmodell ist absolut überzeugend. Bertelsmann und KKR haben sich zusammengeschlossen, weil Bertelsmann bestimmte einmalig verfügbare Projekte zu diesem Zeitpunkt nicht hätte finanzieren wollen. Wir haben mit KKR einen starken Partner, der unsere Einschätzung hinsichtlich unserer Strategie sowie künftiger Geschäftsmodelle für die Musikindustrie teilt.

Anfang des Jahres hieß es, BMG prüfe rund 40 Projekte und könne 500 bis 600 Millionen Euro bei den Banken mobilisieren. Einen Teil haben Sie ausgegeben, wie viel ist noch übrig?

Man kann sagen, dass sich das Bankenkonsortium unter Führung von JP Morgan, Citi und Deutsche Bank fast jeden Tag erweitert. Aber Fremdkapital ist das eine, wichtiger ist Eigenkapital, das von den Gesellschaftern kommt und uns extrem flexibel macht.

Planen Sie größere Übernahmen?

Wir prüfen insgesamt rund 40 Projekte und arbeiten konkret an zwei signifikant großen Übernahmen. Beide haben ein Volumen in der Größenordnung von 50 bis 80 Millionen Dollar.

Ist der Katalog von EMI, für den sich BMG-KKR interessiert haben, außer Reichweite, nachdem die EMI-Eigentümer den Konzern umschulden konnten?

EMI hat jetzt ein paar Monate Zeit gewonnen, weil der Finanzinvestor Terra Firma frisches Geld bereitgestellt hat, bleibt aber nach wie vor interessant. Oder besser: EMI-Künstler bleiben für uns interessant. Wir haben immer gesagt, an einzelnen Rechten oder Rechtekatalogen interessiert zu sein, nicht aber an dem gesamten Unternehmen. Wir sind grundsätzlich der Meinung, dass Übernahmen großer und komplexer Strukturen für uns keinen Sinn machen, weil wir auch nicht indirekt die längst überfälligen Restrukturierungskosten übernehmen wollen.

Die BMG-Zentrale liegt zwar in Berlin, die Geschäfte machen Sie aber woanders.

Wir machen überall gerne Geschäfte. Auch in Berlin, wo wir die weltweit erworbenen Musikrechte zentral verwalten und auswerten. Außerdem entstehen jedes Mal, wenn wir in anderen Ländern aktiv werden, Arbeitsplätze in Berlin. Die Musikindustrie ist in Berlin weniger konzentriert als in London oder New York. Das sorgt automatisch für weniger Egos, weniger unnötige Ablenkung und Aufregung. Dennoch kommen fast alle interessanten Musiker hierher. Aufgrund der attraktiven Lebensbedingungen in Berlin ist es einfacher, neue Mitarbeiter bei gleichem Gehalt von London nach Berlin zu holen, als umgekehrt. Unser Wachstum gibt uns Recht: Wir haben mit drei Mitarbeitern begonnen, wir sind jetzt knapp 60 und werden bald 80 sein.

Was meinen Sie mit Egos?

Es gibt einfach – gerade in den USA – immer noch Manager, die eine Firma oder einen Konzernbereich mit 500 Millionen Euro Umsatz leiten, dabei weit mehr verdienen als ein Mercedes- oder RWE-Vorstand, der einen zehnmal höheren Umsatz verantwortet, und dabei Ausgaben tätigen, die einer darbenden Industrie einfach nicht mehr angemessen sind.

Haben die etablierten Konzerne inzwischen verstanden, wie sie die Umsatzeinbrüche im CD-Verkauf auffangen?

Ich denke, die Strukturen der Industrie werden sich noch dramatisch verändern. Es kommt einiges zusammen: Die hohen Kosten, um mit einem Riesenapparat zwei oder mehr Milliarden Euro Umsatz mit Musik zu erzielen. Die sinkenden CD-Erlöse. Vor allem aber die Unfähigkeit, aus der Digitalisierung Effizienz- und Profitabilitätsvorteile zu ziehen. Die digitale Produktion von Musik und der Online-Vertrieb sind ungleich preiswerter geworden. Dennoch sind die Kosten für die Vermarktung von CDs höher als vor zehn Jahren, weil man mit Gewalt Zielgruppen erobern will. Solange so gearbeitet wird, wird sich am Leidensdruck der Musikindustrie nichts ändern.

Aber die Kunden bezahlen doch dafür.

Die Menschen haben es immer geliebt, vorgefertigte Popstars zu bejubeln. Das im Konferenzraum erdachte und mit viel Geld gepushte Designprodukt gibt vielfach den Ton an. Es redet aber kein Mensch darüber, wie viele dieser Versuche scheitern, bevor es einen Erfolg gibt. Gut aussehende Interpreten mit passablen Stimmen, die für einen Augenblick des Ruhms bereit sind, auf alle Forderungen einzugehen, existieren zuhauf. Aber sind das die, deren Musik man auch noch in zehn oder zwanzig Jahren hören will?

Was will man denn hören?

Es geht um künstlerische Integrität und Authentizität. Das liefert nachhaltig die höhere Wertschöpfung. Und die, die Musik hören, honorieren es. Die Kataloge von Police, Pink Floyd, von den Beatles oder Sade, Clash oder Ideal, Nena und den Scorpions machen seit Jahrzehnten wirtschaftlich Sinn. Wir sollten es uns als Industrie immer auch erlauben, gute Künstler einfach mal machen zu lassen und ihre kreativen Instinkte zu unterstützen statt zu blockieren.

Konzertveranstalter drängen in das etablierte Musikgeschäft, bieten Künstlern die Rundumversorgung an – von der Produktion über die Tournee, die CD bis hin zum Merchandising. Macht Sie das nervös?

Man sollte jeden Wettbewerber ernst nehmen. Aber wer bestimmt am Ende das Spiel in der digitalisierten Welt? Diejenigen, die die kreativen Inhalte schaffen – die Künstler. Sie können heute viel befreiter Musik machen, weil sie sich nicht mehr von irgendeinem Wichtigtuer sagen lassen müssen: Jetzt darfst du ins Studio, jetzt darfst du deine Songs aufnehmen, und wenn es mir gefällt, dann pressen wir dir später vielleicht ein paar CDs. Der moderne Künstler produziert und vermarktet sich einfach selbst und erreicht selbstständig auf neuen Wegen sein Publikum.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

DER MANAGER

Hartwig Masuch (56) ist Chef der BMG Rights Management GmbH, der Musikrechtetochter von Bertelsmann. Der Medienkonzern gründete 2009 mit dem Finanzinvestor KKR das Gemeinschaftsunternehmen. KKR hält 51 Prozent. Zuvor war Masuch für den Musikverlag von Bertelsmann tätig, der 2007 an Vivendi verkauft wurde. 2008 gab Bertelsmann auch die Hälfte des Joint-Ventures Sony-BMG an Sony ab. Ein Katalog mit den Werken von 200 Künstlern blieb bei BMG.

DER MUSIKER

Masuch, geboren in Hagen, studierte Wirtschaftswissenschaften, brach das Studium aber ab, um eine Karriere in der Rockband „The Ramblers“ zu starten. Als Produzent und Verleger produzierte er später ein Platin-Album der Gruppe Extrabreit. Tsp

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