ZUR PERSON : „Die Unternehmen sind krisenfester als früher“

Der Mittelstand ist der Finanzkrise gewachsen, meint Commerzbank-Vorstand Markus Beumer. Die Kreditnachfrage ist mäßig

Markus Beumer. „Die Banken sind nicht für die Staatsschuldenkrise verantwortlich“. Foto: laif
Markus Beumer. „Die Banken sind nicht für die Staatsschuldenkrise verantwortlich“. Foto: laifFoto: Katrin Denkewitz/laif

Herr Beumer, noch scheint es dem Mittelstand gut zu gehen. Die Auftragsbücher und die Kassen sind voll. Wann kommt die Finanz- und Schuldenkrise bei den Unternehmen an?

Die Zahlen bei den Unternehmen sehen weiter gut aus, die Auftragsbücher sind voll. Aber die Stimmung ändert sich: Viele Mittelständler gewinnen nach und nach die Überzeugung, dass es so wie bisher nicht weitergehen dürfte, das heißt aber eher Normalisierung.

Was denken die Mittelständler über die Schuldenkrise?

Das spielte bisher auch bei vielen Unternehmern eher auf der persönlichen Ebene eine Rolle, aus ihrer Sicht als Steuerzahler. Aber mit der Talfahrt an der Börse im August hat sich das verändert. Die Sorgen auch der Mittelständler sind größer geworden etwa bei Automobilzulieferern oder Maschinenbauern. Die Entwicklung an der Börse wird als schlechtes Signal auch für die eigenen Geschäfte gewertet. Die Unternehmen werden vorsichtiger, stellen Investitionen zurück.

Wie sehen die Firmen den Euro?

Den Mittelständlern ist klar, dass ihre gute Geschäftslage zu einem guten Teil vom stabilen Euro abhängt. Sie wissen, dass sie in den vergangenen Jahren vom Euro profitiert haben. Und sie wissen auch, dass es mit der D-Mark erheblich holpriger laufen würde, schließlich würde sie stark aufwerten und damit das Exportgeschäft belasten. Der Mittelstand steht voll hinter dem Euro.

Wie betrachten die Mittelständler die aktuelle politische Debatte und die Krisenpolitik der Regierung?

Das Euro-Thema wird zwar der Politik angelastet, aber die Kritik hält sich in Grenzen, weil auch die Mittelständler kein Patentrezept zur Lösung der Probleme haben. Auch sie sind ein Stück ratlos. Es gibt auch keinen Ruf etwa nach dem Ausschluss von Griechenland aus dem Euro-Verbund.

Die Krise wird uns noch einige Zeit begleiten, möglicherweise auch in Form eines deutlichen Abschwungs oder gar einer Rezession. Ist der Mittelstand vorbereitet?

Uneingeschränkt ja. Die Unternehmen sind krisenfester als in früheren Zeiten. Die Kapitalstruktur ist heute deutlich besser als noch 2007, die Eigenkapitalbasis ist breiter. Die Effizienz ist heute höher, die Unternehmen haben die Kosten im Griff, und die Strukturen sind schlank. Zugleich sind die Kassen voll. Die Firmen sind heute deutlich weniger auf Finanzierungen also auch auf Kredite angewiesen. Das spüren wir in unserem Geschäft. Viele Kreditlinien werden derzeit nicht gezogen.

Die Kreditnachfrage ist also moderat.

Wir sehen allenfalls leichtes Wachstum. Investitionen, ob im In- oder Ausland werden nicht selten mit eigenen Mitteln finanziert. Generell schauen viele Zulieferer derzeit auf den asiatischen und auch den lateinamerikanischen Markt. Dort wird weiter investiert, da besteht Nachholbedarf.

Welche Fragen beschäftigen die Unternehmen derzeit? Wo erwarten sie von ihrer Bank Unterstützung?

Sicherheit und Absicherung ist ein großes Thema. Das gilt weniger für Zinsen, Währungen und Inflation, aber mehr für die seit einiger Zeit stark schwankenden Rohstoffpreise. Da gibt es Lücken. Da müssen wir Lösungen als Bank anbieten, und das tun wir.

Arbeiten die Unternehmen wieder offener mit den Banken zusammen, ist das Vertrauen wieder gewachsen, das Image der Banken wieder besser?

Im Vergleich zu 2008 hat sich das Verhältnis deutlich verbessert. Den Unternehmern ist klar, dass die Banken nicht für die Staatsschuldenkrise verantwortlich sind. Die Commerzbank hatte eigentlich nie besondere Probleme mit ihren Kunden, weil wir immer viel Wert auf ein gutes Verhältnis nicht nur mit den mittelständischen Kunden gelegt haben. Wir sprechen einfach von Mensch zu Mensch. Das Vertrauen ist da. Aber die Mittelständler treten auch anders auf als früher.

Inwiefern?

Sie sind einfach selbstbewusster geworden, auch aufgrund ihrer wirtschaftlichen Erfolge. Und weil ihre Kassen voll sind. Das mag oberflächlich betrachtet das Geschäft für eine Bank bremsen. Aber am Ende ist es für die Volkswirtschaft und auch für die Banken gut, wenn der Mittelstand floriert. Wenn es einem Unternehmen gut geht, hat eine Bank geringere Risiken, was wiederum gut ist für das Ergebnis.

Gewinnt die Commerzbank neue Kunden im Mittelstand?

Ja. Wir kommen gut voran, besonders bei kleineren Mittelständlern. Und dies gilt für Firmen, die mit ihrem Geschäft jetzt auch auf das Ausland schauen und dabei auf unsere Partnerschaft zählen, weil die örtliche Sparkasse oder Volksbank die Begleitung ins Ausland möglicherweise nur bedingt leisten kann.

Sie sind also trotz möglicher Konjunkturabschwächung mit dem Mittelstandsgeschäft zufrieden?

Wir sind zufrieden, auch wenn das Kreditgeschäft derzeit natürlich nicht so deutlich wächst, weil die Unternehmen gut finanziert sind und sich zugleich eine gewisse Zurückhaltung bemerkbar macht. Nächstes Jahr wird es vermutlich noch etwas ruhiger werden.

Wo liegen die Zukunftsfelder des deutschen Mittelstandes unabhängig von einer möglichen Eintrübung der Geschäftslage im nächsten Jahr?

Ein Stichwort sind erneuerbare Energie und die energieeffiziente Produktion. Das ist wichtig, denn generell wird die hohe Volatilität bei den Rohstoffpreisen den Trend in diese Richtung verstärken. Und das spielt den deutschen Firmen in die Karten, schließlich haben sie auf diesem Gebiet schon heute eine führende Stellung. Auch Elektromobilität ist ein wichtiges Feld. Da haben die deutschen Firmen noch einen Rückstand, den sie aber schnell aufholen werden. Generell gilt: Das große Know-how eröffnet dem deutschen Mittelstand gute Perspektiven. Und das bei hoher finanzieller Solidität. Dem Mittelstand muss also nicht bange sein.

Das Interview führte Rolf Obertreis.

DER MANAGER

Markus Beumer (47) ist seit knapp vier Jahren Mitglied des Vorstands der Commerzbank und dort zuständig für den Mittelstand. Der gebürtige Krefelder hat in Münster Volkswirtschaft studiert und danach ein Traineeprogramm bei der Deutschen Bank absolviert. Es folgten Stationen bei Dresdner Bank und Hypovereinsbank, bevor er 2005 zur Commerzbank kam. Beumer ist verheiratet und hat vier Kinder.

DIE BANK

Die Commerzbank ist mit einer Bilanzsumme von rund 700 Milliarden Euro und knapp 60 000 Mitarbeitern die zweitgrößte deutsche Bank. 2008 kaufte sie die angeschlagene Dresdner Bank. Im Zuge der Finanzkrise musste sie selbst gerettet werden. Der Bund übernahm vor zwei Jahren 25 Prozent der Aktien. Tsp

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