ZUR PERSON : „Überschriften haben wir schon genug“

Um Industriearbeitsplätze zu schaffen, müssen den Worten Taten folgen: Was der Wissenschaftsmanager Günter Stock dem neuen Berliner Senat empfiehlt

Günter Stock lobt den Wissenschaftsstandort Berlin. Aber beim Übergang zur Wirtschaft hapere es. Foto: Imago
Günter Stock lobt den Wissenschaftsstandort Berlin. Aber beim Übergang zur Wirtschaft hapere es. Foto: ImagoFoto: IMAGO

Herr Stock, in welcher Verfassung ist die Berliner Wirtschaft kurz vor dem Start der rot-schwarzen Koalition?

Der Stadt geht es ziemlich gut. Wir sind ordentlich durch die Krise gekommen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir – wirtschaftlich gesehen – nicht der Hotspot in der Bundesrepublik sind. Auf relativ niedrigem Niveau haben wir uns gut geschlagen.

Woran liegt das?

Wir haben sehr viel wissensbasierte Aktivitäten, in der Industrie und auch in Dienstleistungsbereichen.

Obwohl die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft eher unterentwickelt ist?

Berlin unterscheidet sich nicht sonderlich von anderen Regionen. Wissenstransfer ist kompliziert und langwierig und geht immer über die Köpfe der Menschen. Insgesamt sind wir in Deutschland institutionell noch sehr träge, was dieses Thema anbelangt.

Wie macht sich das bemerkbar?

Wir haben in Berlin keine ausgeprägte Entrepreneursmentalität. Viele haben eher Angst vor dem Scheitern, als dass sie die Chancen sehen, die unternehmerische Freiheit und Unabhängigkeit. Es ist auch nicht genügend Kapital vorhanden, um den Gründern unter die Arme zu greifen. Beispielsweise gibt es nicht ausreichend Risikokapital für Firmen in der Biotechnologie.

Ist das in München anders?

Dort beschäftigt man sich institutionell schon länger mit diesen Themen. Wir haben ja erst Mitte der 90er Jahre im Zusammenhang mit dem bundesweiten Biotechnologiewettbewerb begonnen, das Feld professionell zu bearbeiten. Die Zahl der Firmengründungen, die seitdem realisiert werden konnten, ist durchaus beachtlich und braucht sich nicht zu verstecken hinter München. Was nicht gelungen ist: Wir haben aus kleinen Firmen zu wenig größere machen können.

Auch in der Gesundheitswirtschaft?

In der Medizintechnik haben wir manches auf die Beine gestellt, die eine oder andere Firma ist mit ihrem Deutschlandsitz nach Berlin gekommen. Und bei den Medizinern sind wir beliebt, das zeigt sich bei den Gesundheitskongressen. Es gibt also positive Entwicklungen, die wir aber verstärken müssen.

Woran hakt es noch?

In vielen Bereichen haben wir etwas zu bieten. Aber wir sind in Berlin zu groß, damit der Zwang, sich zusammenzuschließen, unmittelbar und offensichtlich ist. Wir sind aber zu klein, um uns viele kleine Herzogtümer erlauben zu können. Deshalb ist es ganz wichtig, dass es Mediatoren und Integratoren gibt, die Akteure und Institutionen zusammenführen. Das ist eine wichtige Rolle, die vor allem von der Politik noch stärker wahrgenommen werden sollte. Und wir müssen uns auf die etablierten Wirtschaftscluster konzentrieren und dort mit großem Engagement Kraft investieren. Die Clusterstrategie ist die einzige Lösung. Wir haben wenige Mittel, und diese müssen wir, ähnlich wie die menschlichen Ressourcen, auf wenige Felder konzentrieren.

Auch durch das Zusammenlegen der Senatsressorts Wirtschaft und Wissenschaft?

Wenn wir Arbeitsplätze schaffen können, dann in Bereichen, die etwas mit Wissen und Wissenschaft zu tun haben. Der besondere Berliner Charme besteht in folgendem Element der Wertschöpfungskette: Eine hervorragende Ausbildungs- und Bildungssituation für junge Leute, ergänzt um exzellente wissenschaftliche Institutionen auch in der Grundlagenforschung. Was uns fehlt ist der Anschluss, der Übergang in wirtschaftliche Produkte. Um Berlin zu entwickeln, sollten Wirtschaft und Wissenschaft stärker miteinander abgestimmt werden. Und grundsätzlich wäre es schön, wenn die Senatsressorts nach Notwendigkeiten und nicht nach persönlichen Präferenzen zugeschnitten würden.

Sollten die Wirtschaftsförderer von Berlin Partner und Technologiestiftung fusionieren?

Wir brauchen jedenfalls mehr Industriearbeitsplätze. Und dabei könnte es hilfreich sein, wenn wichtige Spieler enger kooperieren. Also Politik, Kammern, Berlin Partner, Investitionsbank Berlin und Technologiestiftung. Da gibt es noch Integrationsbedarf. Wahrscheinlich gibt es viele Bedenken, auch weil die Institutionen unterschiedliche rechtliche Grundlagen haben. Die Frage ist, wie man ein echtes, verzahntes Miteinander organisiert. Wir haben hier noch zu viel Nebeneinander.

Im Gesundheitscluster funktioniert dies besser?

Wir haben uns mühsam geeinigt und sind einen großen Schritt vorangekommen. Aber wir sind noch nicht fertig. Es gibt ja auch Brandenburg. Wenn die Berliner schwereloser zusammenarbeiten würden, könnten wir uns mit viel mehr Kraft der Integration Brandenburgs widmen. Biotop ist ein gemeinsames Abenteuer von Berlin und Brandenburg und TSB Medici auch. Insgesamt haben wir im Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg inzwischen 350 000 Arbeitnehmer, die ihren Lebensunterhalt hier verdienen und Steuern und Sozialbeiträge bezahlen.

Die Leuchttürme in diesem Cluster sind die Charité und Schering. Haben die noch die alte Strahlkraft?

Sie haben sich sehr schön versprochen, aber Schering ist inzwischen Bayer. Ich hoffe sehr, dass Bayer Wort hält und der Pharmacampus an der Heidestraße gebaut wird. Meine Sorge um die Charité ist gering. Wenn die Kooperation mit dem bundeseigenen Max-Delbrück-Centrum gelingt, dann hätten wir einen Biostandort, der seinesgleichen in Europa sucht.

Und wie steht es um die Kooperation mit Vivantes?

Da gibt es noch Bedarf. Zum Beispiel wäre ein Strategieboard hilfreich, damit wir zu Absprachen kommen, etwa über Investitionen. Damit die Synergien des größten kommunalen Krankenhauskonzerns, also Vivantes, mit dem größten universitären Komplex in Europa, der Charité, stärker sichtbar werden. Wenn das nicht gelingt, und wir die Charité zwischen Baum und Borke hängen lassen, etwa bei Investitionen, dann kann die starke Marke beschädigt werden. Die größte Strahlkraft haben immer noch Humboldt und die Charité. Das sind zwei ganz große Namen, die nicht beschädigt werden sollten.

Wie stark wird die Marke Tegel? Soll auf das Gelände des Flughafens auch Gesundheitsinfrastruktur?

Nein, wir haben mit Buch, Adlershof, Mitte und der Heidestraße gute Standorte für Medizin und Biotechnologie. Die Humboldt-Universität spielt eine große Rolle für Adlershof und die Charité für Buch. Eine solche Rolle würde ich mir für die TU und den Entwicklungsstandort Tegel wünschen, vielleicht in die Richtung Physik und Energie.

Von Green Economy oder Clean City ist gelegentlich die Rede.

Überschriften haben wir schon genug in Berlin. Projekte müssen sie durchdeklinieren können über die gesamte Wertschöpfungskette, von der Grundlagenforschung bis zum Produkt und dessen Vermarktung. Wie wir das in der Gesundheit machen.

Wir bekommen nun eine große Koalition, die Grünen bleiben draußen. Ist das gut für Wirtschaft und Wissenschaft?

Die Grünen wollten die Einstein-Stiftung auflösen, das hätte ich nicht sinnvoll gefunden. Denn die Stiftung ist genau der Ort, an dem wir Gelder für Kooperationen vergeben können, die bislang kaum zu fördern waren. Daneben ist mir nicht klar geworden, ob die Grünen auch so nachdrücklich wie andere Parteien Industriearbeitsplätze wollen oder nur Arbeitsplätze.

Wo gibt es in den kommenden fünf Jahren zusätzliche Arbeitsplätze?

Bleiben wir beim Gesundheitsbereich. Hier haben wir heute einen Anteil an der Wertschöpfung und Beschäftigung auf der staatlichen Seite von rund 70 Prozent. Ich hoffe, dass die private Seite auf 35 bis 40 Prozent steigt. Dann bekommen wir mehr Arbeitsplätze, vor allem auch industrielle Arbeitsplätze.

Das Interview führte Alfons Frese

KARRIERE

Günter Stock, 1944 in Kroatien geboren,

studierte in Heidelberg

Medizin. Nach Promotion und Habilitation wurde er Professor für vegetative Physiologie

in Heidelberg. 1983 kam Stock zur Berliner Schering AG als Leiter des Bereichs Herz-Kreislauf-Pharmakologie. Von 1989 bis 2005 war er Vorstandsmitglied und unter anderem zuständig für den Bereich Forschung und Entwicklung. 2006 wurde der einzige Berliner Dax-Konzern von Bayer übernommen und firmiert heute unter Bayer HealthCare Pharmaceuticals.

ÄMTER

Es gibt wohl kaum ein Wissenschaftsgremium in Deutschland, in dem Stock nicht vertreten gewesen wäre. Seit fünf Jahren ist er Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, er saß oder sitzt in diversen Kuratorien und Aufsichtsräten, darunter der Charité, der Max-Planck-Gesellschaft und der Humboldt-Universität. Ferner ist er Sprecher der Initiative Health Capital Berlin-Brandenburg. alf

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