ZUR PERSON : "Zuerst werden die Reisen gestrichen“

John Wallis, Marketingchef des Luxushotels Hyatt, über sparsame Unternehmen in der Krise und ruinöse Rabattschlachten.

Herr Wallis, wie geht es einem Luxushotel wie dem Hyatt, wenn Banken weltweit Milliarden abschreiben, Konzerne um Staatshilfe betteln und Manager geächtet werden, wenn sie trotzdem noch in Fünfsterneherbergen einkehren?



Unser Leben brach am 15. September 2008 plötzlich zusammen – dem Tag, an dem Lehman Brothers Insolvenz angemeldet hat. Das war der Weckruf für die Unternehmen, um zu sagen: Schaut her, wir haben alle mächtige Probleme. Die Öffentlichkeit hat damals aber noch gar nicht geahnt, welche Ausmaße die Krise annehmen wird.

Sie denn?

Das Besondere an der Hotelindustrie ist, dass sehr kurzfristig gebucht wird. Wir bekommen Bewegungen also sehr schnell mit. Aber selbst wir hatten keine Idee, wie schnell die Märkte drehen würden, und zwar weltweit. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Im vergangenen Jahr haben allein die fünf Top-Finanzfirmen der Welt bei uns gebucht. Die meisten dieser Firmen gibt es heute nicht mehr.

Was zu dramatischen Buchungseinbrüchen geführt hat?

Wenn Unternehmen sparen wollen, streichen sie als Erstes die Reisen und das Marketingbudget. Und das haben sie gemacht. Schon seit Oktober, November und Dezember 2008. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Viele Unternehmen ziehen Buchungen zurück, weil die Manager nicht in einem Luxushotel gesehen werden wollen, obwohl sie vielleicht Tausende von Leuten entlassen oder Staatshilfe in Anspruch nehmen. Das kommt in der Öffentlichkeit gar nicht gut an, wie der Fall AIG gezeigt hat.

…der weltgrößte Versicherungskonzern hatte seine Manager noch zum Luxusbetriebsausflug gebeten, nachdem die US-Regierung 85 Milliarden Dollar Krisenhilfe zugesagt hatte. Das klang nach einer großen Triumphfeier.

Es war nur ein ganz normales, lange vorher arrangiertes Geschäftsessen. Pech war nur, dass Journalisten davon Wind bekommen haben. Im Moment drehen alle komplett durch. Die US-Regierung bereitet sogar ein Gesetz vor, um exzessive oder luxuriöse Reiseausgaben für Unternehmen zu verbieten, die mit Staatsgeld gerettet worden sind. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie damit durchkommen, US-Präsident Obama macht sich die Unternehmen zu Feinden.

Angeblich ist die Belegungsquote der Luxushotels schon im Januar in Europa um 20 Prozent gesunken, und in den USA um 30 Prozent. Kommt Ihnen das bekannt vor oder ist es noch viel schlimmer?

Als nicht börsennotiertes Unternehmen behalten wir die Zahlen lieber für uns. Aber sie sind nicht so anders als die der Konkurrenten. Allerdings hängt es sehr vom Standort ab.

Wie sieht es in Berlin aus, wo Sie ein Hotel am Potsdamer Platz betreiben?

95 Prozent unserer Berliner Kunden sind Geschäftsreisende, die Stadt ist als Konferenzort sehr beliebt. Da schmerzt es natürlich besonders, wenn einige Firmen die Reisekosten um 90 Prozent zusammenstreichen, und das haben sie gemacht. Unsere Bettenbelegung ist im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent zurückgegangen. Für das Gesamtjahr könnte das auf ein Umsatzminus von zehn Prozent hinauslaufen.

In schwierigen Zeiten locken Unternehmen gerne mit Rabatten. Sie auch?

Rabatte zu geben ist ein gefährliches Spiel. Man kann damit zwar leicht einen Monat lang Marktanteile gewinnen, kann die Marke damit aber auf ewige Zeit ruinieren. Denn wenn die Preise erst einmal kaputt sind, dauert es Jahre, um das alte Niveau wieder zu erreichen. Der Kunde hat ja gelernt, dass er das gleiche Zimmer auch viel billiger haben kann.

Trotzdem gibt es heftige Preisschlachten. Sind die in Berlin vielleicht sogar besonders hart, weil es in so einer armen Stadt schon jetzt viel zu viele Luxushotels gibt?

Allerdings, und das wird durch die Krise noch verstärkt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Mitbewerber hat die Preise gerade fürchterlich heruntergesetzt. Die geben ihre Fünfsternezimmer jetzt schon für 100 Euro weg, bei uns kosten Sie mindestens doppelt so viel. Und selbst das ist im Vergleich zu anderen Städten noch sehr, sehr günstig. Aber die Nachfrage bestimmt nunmal den Preis.

In Berlin wird Ende 2011 noch ein weiteres Fünfsternehaus eröffnet. Verkraftet die Stadt das?

Berlin hat auch ohne das neue Waldorf Astoria mehr Hotelbetten als Manhattan – was dazu führt, dass die Auslastung in der gehobenen Hotellerie schon jetzt mit rund 60 Prozent weit unter dem Durchschnitt liegt. Das wird sicher nicht besser.

Im Moment jagt eine düstere Prognose die andere. Ist ein Ende der Krise absehbar?

Wir müssen alle überzeugt sein, die Talsohle erreicht zu haben, erst dann können wir uns vorsichtig darauf konzentrieren, dass es wieder bergauf geht. Wir beobachten die Airlines sehr genau: Wenn die Buchungen dort anziehen, dann wissen wir, dass es auch bei uns bald wieder aufwärts geht. Gute Hinweise geben normalerweise auch die Berichte der börsennotierten Unternehmen, aber selbst die wagen im Moment nicht, eine Prognose abzugeben.

Wie ist Ihre eigene Prognose?

Wenn ich versuche, optimistisch zu sein, denke ich, dass die Unternehmen beim Sparen an die Grenze gekommen sind. Man kann im Geschäftsleben zwar für drei, vier Monate alle persönlichen Kontakte streichen und stattdessen Videokonferenzen schalten oder telefonieren. Aber am Ende des Tages braucht man persönliche Kontakte. Mich würde daher nicht überraschen, wenn wir nach dem Ende der Sommerferien, ab September, schon wieder eine leichte Stabilisierung bei den Buchungen sehen würden. Dann ist auch wieder Bilanzsaison.

Und 2010 geht es dann wieder bergauf?

Ich glaube nicht, dass wir das alte Niveau so schnell wieder erreichen werden. Wir werden 2010 auf relativ niedrigem Niveau bleiben. Erst 2011 wird es langsam wieder aufwärts gehen.

Die Hyatt-Kette hatte ehrgeizige Expansionspläne. Sind die auf Eis gelegt?

Nein, die Arbeiten laufen ja bereits. Es wäre für die Investoren viel teurer, den Bau abzubrechen, als die Häuser fertigzustellen. In diesem Jahr haben wir bereits fünf Hotels eröffnet, in Duschanbe in Tadschikistan, Seattle, Doha, Toronto und Los Angeles. Bis Ende 2010 werden wir weltweit rund 25 weitere Full-Service-Hotels dazubekommen.

Sie haben 2008 mit dem Hyatt Place zum ersten Mal ein Viersternehotel eröffnet. Haben Sie keine Angst um den Glanz Ihrer Luxusmarke?

Hyatt und Hyatt Place machen sich keine direkte Konkurrenz. Sie sind in unterschiedlichen Lagen, sie besetzen unterschiedliche Nischen. Hyatt Place würden Sie niemals im Stadtzentrum von Berlin oder einer anderen Stadt finden, eher in den Außengebieten, den B-Lagen.

Fünfsternekonkurrenten wie Accor betreiben inzwischen sogar Zweisternehotels. Könnte es bald auch Budget-Hyatts für Rucksackreisende geben?

Sicher nicht. Die Marke muss klar definiert sein. Außerdem müssen wir selbst intern verstehen, was wir tun. Und ich glaube nicht, dass wir den Markt für Zwei- oder Dreisternehäuser verstehen. Davon sollten wir besser die Finger lassen.


DER MANAGER

John Wallis ist bei der Luxushotelkette Hyatt seit November 2008 weltweit für Marketing und Markenstrategie verantwortlich. Der Brite ist seit 27 Jahren im Unternehmen. Er hat viele Jahre als Hotelmanager in Kuweit, Fidji, Sydney und Dubai gearbeitet.

DAS HOTEL

Die 1957 gegründete Global Hyatt Corporation mit Sitz in Chicago ist eine der weltweit größten Hotelketten in Privatbesitz mit 735 Hotels und Resorts (über 136 000 Zimmer) in 44 Ländern. In Deutschland gibt es vier Hyatts, eins davon in Berlin.

Das Gespräch führte Maren Peters


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