ZUR PERSON : „Bei uns geht es nicht um Aktienkurse“

Aglaia Wieland, Strategiechefin der Wüstenstrom-Initiative Desertec, über Atomausstieg, Managementchaos und die Sonne in Griechenland

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Foto: p-a/SZ PhotoFoto: picture alliance / Sueddeutsche

Frau Wieland, wohin hat Sie Ihre letzte Auslandsdienstreise geführt?

Nicht in die Wüste, wie Sie vielleicht denken. Aber immerhin ins sonnige Rom – zur Versammlung unserer Dii-Gesellschafter, die etwa alle vier Monate zusammenkommen. Allerdings ging es dort weniger darum, wie man Sonnenenergie einfängt, als um administrative Dinge. Den Aufwand darf man nicht unterschätzen, wenn man über 20 Gesellschafter hat.

Darunter Konzerne wie Eon und RWE, die seit dem Atomausstieg ganz andere Sorgen haben.

Das hat sich auf unsere Zusammenarbeit keinesfalls negativ ausgewirkt. Das hätte mich auch überrascht. Schließlich erhöht sich der Druck auf Energieversorger, noch stärker auf Erneuerbare zu setzen – und wir haben auch schon vorher sehr konstruktiv zusammengearbeitet.

Ein anderer Dii-Unterstützer, Solar Millennium, der Hersteller solarthermischer Anlagen, reibt sich in internen Streitigkeiten auf, muss Großprojekte abbrechen.

Auch das macht sich in der inhaltlichen Arbeit nicht bemerkbar. Gerade bei dieser Technologie beraten wir mit einer großen Gruppe unterschiedlichster Experten. Wir sind nicht abhängig von einem oder zwei Unternehmen. Das wollen wir auch gar nicht, schließlich geht es uns um die Betrachtung des ganzen Marktes.

Aber Managementchaos, wie wir es bei einigen Unternehmen erleben, diskreditiert doch das Image der Sonnenenergie insgesamt.

Bei uns geht es nicht um Aktienkurse, die psychologisch geprägt sind und enttäuschte Erwartungen spiegeln. Imageprobleme sind temporär. Wenn man das über eine längere Zeit betrachtet, ist das relativ. Teil unserer Arbeit ist es zu bewerten, wie erfolgversprechend eine Technologie langfristig ist. Und die Solarthermie an sich hat zwar noch einen geringen Anteil weltweit, hat sich aber über die Jahrzehnte bewährt.

Alle Unterstützer sind vor einem Jahr in Barcelona zusammengekommen. Viele schöne Worte gab es da. Aber was hat sich seither konkret getan?

Glücklicherweise eine ganze Menge. Wir haben einen recht guten Blick auf das Gesamtbild gewonnen, wie sich unsere Vision bis 2050 erfüllen kann. Ich sage bewusst: kann, nicht muss. Fest steht aber, dass sie nur zu erfüllen ist, wenn viele einzelne, durchaus ganz unterschiedlich dimensionierte Projekte in unterschiedlichen Rahmen umgesetzt werden. Wir können dabei die Richtung vorgeben.

Das klingt noch sehr abstrakt.

Aber es wird konkreter. Wir spüren, dass Zuspruch und Unterstützung für die Wüstenstromidee gestiegen sind – in der allgemeinen Öffentlichkeit wie auch im politischen Raum. Das gilt besonders für die nordafrikanischen Länder, wo jetzt viel intensiver als noch vor einem Jahr über erneuerbare Energien diskutiert wird. Und wir haben beim Anschieben von Referenzprojekten einen großen Sprung nach vorn gemacht.

In Marokko soll jetzt ein erstes solarthermischen Kraftwerk entstehen. Aber brauchte es dazu ihre Initiative?

Vorhaben dieser Art würden sicher über kurz oder lang in jedem Fall realisiert werden – auch ohne die Dii. Unsere Rolle ist die eines Katalysators oder Impulsgebers, der Entwicklungen beschleunigen kann, etwa indem er Öffentlichkeit auf derartige Projekte lenkt.

Auf welchen Ebenen arbeiten Sie derzeit?

Zum einen schauen wir uns die Kostenparameter an und wie die sich über die Zeit entwickeln könnten. Dann betrachten wir das aus der zu erzielenden Umsatzerlösperspektive. Wir betrachten zudem mögliche Risiken – finanzieller Art, operativer Art, auch technologische Risiken. Dann betrachten wir die sozioökonomischen Effekte. Das ist nötig, damit das Ganze auch in der Mena-Region akzeptiert wird. Arbeitsplätze und Entwicklungsmöglichkeiten vor Ort sind ein wichtiges Thema.

Wo sehen Sie die größten Hürden?

Am offensichtlichsten ist es bei den Kosten: Techniken der Erneuerbaren sind heute noch nicht auf einem wettbewerbsfähigen Niveau angekommen. Aber auch bei den sozioökonomischen Effekten haben wir noch viel zu tun. Man kann Rechnungen über Jobeffekte und das BIP eines Landes anstellen. Das bleibt aber theoretisch, so lange wir nicht wissen, wie einzelne Vorschläge umgesetzt werden.

Wie manifestieren sich diese Probleme?

Zunächst bei den Finanzierungsbedingungen. Sobald irgendwo Risiken auftauchen, muss ein Investor entweder höhere Zinsen zahlen oder mehr Eigenkapital hinterlegen. Von daher brauchen wir Export- oder Kreditbürgschaften oder ganz neue innovative Finanzierungsformen, an die bisher vielleicht gar nicht gedacht worden ist. Es geht darum, Zeit zu überbrücken ...

… bis sich das Ganze selbst trägt.

Ja, aber wenn wir nicht glauben würden, dass das irgendwann geht, würden wir uns nicht dafür einsetzen.

In diesem Jahr haben wir Revolutionen in drei Ländern Nordafrikas erlebt. Inwiefern ändert das Ihre Arbeitsbedingungen?

Für unsere Alltagsarbeit hat sich auch da nichts geändert. Aber die Notwendigkeit, aktiv zu werden, ist gestiegen. Die Fragen aus der Region, was Desertec gesamtwirtschaftlich bedeuten könnte, häufen sich. Der arabische Frühling hat dafür einen Schub gebracht. Und das hilft uns.

Desertec-Kritiker haben schon früh gesagt, man sollte sich eh lieber um die Erzeugung in Europa kümmern.

Die Erzeugung in Europa ist ein wichtiger Bestandteil. Langfristig kann es auch kein Entweder-Oder geben. Beides muss sein – je nachdem, wo es gerade ökonomisch Sinn macht. Das gilt auch vor dem Hintergrund der Schuldenkrise.

Womit wir bei Griechenland wären. Dort will man – auch mithilfe deutscher Firmen – auf Solarenergie setzen. Ist das Desertec?

Natürlich sollte auch Griechenland so weit wie möglich auf erneuerbare Energien umsteigen, keine Frage. Fotovoltaik kann man sich gut für Eigenverbrauch und Export vorstellen. Aber ich glaube nicht, dass es Sinn macht, auf Stromerzeugung an Orten zu beharren, wo die Bedingungen nicht die günstigsten sind. Wenn man sich zum Beispiel die Sonnenstrahlung und geeignete Flächen für solarthermische Kraftwerke anschaut, stellen wir fest, dass es dort deutlich weniger gute Standorte als etwa in Spanien oder gar in Nordafrika gibt.

Heute liegt der Anteil der Erneuerbaren am Strommix in Deutschland bei 20 Prozent. Wie sieht es in 40 Jahren aus?

Ich bin sicher, bei 80 Prozent. Wie man dahin kommt, ist jetzt die Frage.

Mit Großkraftwerken, nicht mit kleinen privaten Solardächern, wenn man erste Desertec-Papiere liest.

Heute würde ich eher sagen, durch ein Zusammenspiel verschiedener Erzeugungsformen. Wir brauchen dezentrale Anlagen, also einzelne Windräder und Fotovoltaikanlagen auf Privatdächern, aber auch zentrale: Große Windparks, Biomasseanlagen und solarthermische Kraftwerke.

Und so kommen 2050 rund 15 Prozent des Stroms aus der Wüste?

So war es in dem ursprünglichen Konzept formuliert. Bis zum Jahr 2050 sollen 15 Prozent des in Europa verbrauchten Stroms in Afrika erzeugt werden. Von dieser Zahl lösen wir uns aber jetzt. Genauso wenig wie es Sinn macht, zu diktieren, dass Griechenland fünf Solarkraftwerke braucht, macht es Sinn, sich auf die berühmten 15 Prozent zu versteifen. Ob 2050 rund zehn oder 50 Prozent Wüstenstrom exportiert werden, ist nicht entscheidend. Wüstenstrom muss sich langfristig auf dem Markt bewähren – und da bin ich optimistisch.

Das Interview führte Kevin P. Hoffmann

DIE MANAGERIN

Aglaia Wieland (36) ging nach Studium und Promotion in Deutschland, Frankreich und den USA als Unternehmensberaterin zur Boston Consulting Group. Im April 2010 wurde sie Chefstrategin bei der Industrieinitiative Dii.

DIE INITIATIVE

Die Desertec Industrial Initiative (Dii GmbH) wurde im Oktober 2009 von rund 20 europäischen Konzernen zur Realisierung großer Energieprojekte in den Mittelmeeranrainerstaaten gegründet. Die Idee geht zurück auf das Desertec-Konzept des Club of Rome. Bis 2050 sollen 400 Milliarden Euro investiert werden, um auch Europa mit Strom aus der Wüste zu versorgen.

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