ZUR PERSON : „Die Märkte sind wie ein Rudel Wölfe“

sind zu mächtig. Obwohl ihre Erfolgsbilanz miserabel ist.“ „Der Markt ist nicht allwissend und er wird nicht effizienter.“ Börsen-Altmeister Gottfried Heller über mächtige Spekulanten, hilflose Politiker und Chancen für Anleger

Gottfired Heller. Foto: promo
Gottfired Heller. Foto: promo

DER BÖRSIANER

Gottfried Heller (76) ist Senior-Partner der Münchener Fiduka

Depotverwaltung. Zusammen mit dem legendären André Kostolany, der 1999 verstarb, gründete er 1971 das unabhängige Unternehmen. Der gebürtige Schwabe zählt zu den erfahrensten Vermögensverwaltern im deutschsprachigen Raum. Aus dem operativen Geschäft hat er sich zurückgezogen, nach wie vor ist Heller aber ein geschätzter Ratgeber und Autor. In seiner aktiven Zeit verwaltete er bei Fiduka Einzeldepots privater und institutioneller Anleger und Stiftungen, sowie mehrere internationale Aktien- und Rentenfonds.

DER BERATER 

Der Wirtschaftsingenieur arbeitete zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn in Deutschland und den USA als Unternehmensberater und Management-Consultant. In seinem Buch „Die

Wohlstandsrevolution" sagte er 1992 den Aufstieg der Schwellenländer voraus. Heller genießt einen hervorragenden Ruf als Analytiker langfristiger Börsen- und Wirtschaftstrends. Er ist verheiratet, lebt in München und liebt Musik und Wandern.

Herr Heller, die Aktienkurse steigen wieder. Ist der Spuk an den Börsen schon wieder vorbei?

Ein Spuk? Das klingt wie ein Sommergewitter, das vorbeigezogen ist – wie jeden Sommer. Dieser Absturz war aber etwas anderes, und es liegt noch sehr viel Unsicherheit in der Luft. Wir haben noch einiges vor uns in der Schuldenkrise.

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan sieht den Euro zusammenbrechen, auch Großinvestor George Soros warnt vor einem Kollaps. Sind Sie auch so pessimistisch?

Nicht für die nächsten ein bis zwei Jahre. Danach wird der Euro auch nicht völlig verschwinden. Aber vielleicht schon in fünf Jahren wird er nicht mehr die gleichen Mitglieder wie heute haben.

Anders als frühere Finanzkrisen wird diese also noch Jahre dauern?

Es ist noch viel Gift im Finanz-System. Damit meine ich staatliche und private Schulden. Darunter befinden sich eine Menge Ramschanleihen oder auch Giftmüll. Die lassen sich nicht wie bei einer Diät in wenigen Monaten beseitigen. Inflation lässt sich leichter mit steigenden Zinsen bekämpfen. Schulden sind wie ein Gift, das über Jahre ausgeschwemmt werden muss. Man kann es auch so beschreiben: 2008/2009 lag die Finanzwelt auf der Intensivstation, jetzt befindet sie sich in der Rekonvaleszenz, gesund sein wird sie bestenfalls in einigen Jahren.

Was macht Staatsschulden so giftig für den Finanzmarkt in der Euro-Zone?

Die Menschen haben das ungute Gefühl, dass die Politik nicht mehr funktioniert. Der Euro-Stabilitätspakt wurde verletzt und der vertraglich vereinbarte Haftungsausschluss („No Bail-out“) wurde gebrochen; die Europäische Zentralbank hat ihre Unabhängigkeit verloren. Und die Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen wollen nun – nachdem der Euro-Beitritt ihnen rekordtiefe Zinsen beschert hatte – auch noch ein weiteres Geschenk: Euro-Bonds. Diese wären die europäische Version der amerikanischen „Subprime“-Ramschanleihen, an denen das Land noch heute leidet. Man stärkt die Schwachen nicht, indem man die Starken schwächt. Mit der finanziellen Überbelastung droht auch Deutschland, seine Bestnote als Schuldner zu verlieren.

Volatile Finanzmärkte, eine fragile Währung, hilflose Regierungen und wilde Spekulation – haben Sie eine solche Konstellation schon einmal erlebt?

In dieser Häufung und globalen Vernetzung habe ich es in den gut 40 Jahren, in denen ich am Finanzmarkt bin, noch nicht erlebt. Frühere Finanzmarktkrisen gingen von der Wall Street aus, von Ölpreisschocks oder Überspekulation. Das konnte jeweils nach kräftigen Kurseinbrüchen wieder geheilt werden. Heute haben wir es mit einem Schuldenproblem aller wichtigen Industrieländer zu tun. Und mit einer Politik, die ja nicht nur in Europa hilflos und funktionsunfähig ist, sondern auch in den USA.

Ist die Politik auch deshalb hilflos, weil sie zu sehr auf die Märkte schaut?

Die Märkte sind wie ein Rudel Wölfe, das ein waidwundes Tier angreift. Italien und Spanien wurden lange umkreist und schließlich angegriffen. Von solchen Attacken wird die Politik immer wieder überrascht. Sie reagiert dann nur und handelt nicht vorausschauend.

Lässt sich dieses Rudel Wölfe, wie Sie sagen, nicht zähmen?

Nein. Das sind die Nebenwirkungen der Globalisierung. Die Politik kann zwar, wie jüngst geschehen, Leerverkäufe in einigen Ländern verbieten. Dann machen die Spekulanten aber diese Geschäfte eben woanders.

Wir erleben also die Kapitulation der Politik vor den Finanzmärkten?

Ich würde es nicht Kapitulation nennen. Die Politik hat nur immer weniger Einflussmöglichkeiten, weil die Märkte übermächtig wurden. Dabei stehen hinter dem Begriff „Märkte“ vermehrt Computer und weniger Menschen. Der letzte Kursabsturz ist nicht durch eine Rotte von Kleinanlegern verursacht worden. So viele Aktien haben die gar nicht. Stattdessen handelt Computer A mit Computer B, und beide reagieren auf die selben Verkaufssignale. Passiert dies auf Millionen Computern gleichzeitig, werden Kaskaden von Verkäufen in Gang gesetzt, der gesamte Markt bricht ein. Der Anlass für die Verkäufe, häufig eine Kleinigkeit, gerät dabei aus dem Blick. Man könnte mit Shakespeare sagen: Much Ado about Nothing – Viel Lärm um Nichts.

Dabei sind die Fundamentaldaten gut: Die Unternehmen legen glänzende Absatz- und Gewinnzahlen vor, die deutsche Wirtschaft wächst noch immer. Ist die Börse endgültig zum Kasino verkommen?

Ja. Der Markt ist nicht allwissend und er wird nicht effizienter. Die Zahl der Marktteilnehmer ist dramatisch gestiegen, aber das hat nicht zu weniger Kursschwankungen geführt. Im Gegenteil: Weil Anleger in Tokio, Frankfurt und New York heute gleichzeitig Nachrichten sekundenschnell auf den Bildschirm bekommen und gleichzeitig sekundenschnell in eine Richtung reagieren, sind die kurzfristigen Kursausschläge viel größer als früher.

Und Hedgefonds verdienen sich eine goldene Nase, egal in welche Richtung es geht?

Viele haben sogar viel Geld verloren, weil das Tempo der Kursausschläge auch für die Profis zuletzt zu heftig war. Computer verarbeiten empirische Daten aus der Vergangenheit. Wenn die Zeiträume, in denen reagiert werden kann, aber immer kürzer werden, kommen auch die Profis mit Millionenbeträgen oft zu spät.

Neben Heuschrecken und Hedgefonds gelten Ratingagenturen als die Bösewichte. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es war unpassend, dass Standard & Poor’s mitten in der Diskussion um eine Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA die Kreditwürdigkeit des Landes heruntergestuft hat. Das Verhalten der Agenturen ist zum Politikum geworden: Ihre Vorhersagen basieren vorwiegend auf Vergangenheitswerten. Ihre Bonitätseinstufungen laufen daher meist hinterher.

Haben die Ratingagenturen zu viel Macht?

Ja, sie sind zu mächtig geworden. Obwohl ihre Erfolgsbilanz miserabel ist. Sie haben die Subprime-Krise 2008/2009 nicht vorausgesehen, genauso wenig, wie die Schwierigkeiten der PIIGS-Länder. Auch in der Asienkrise 1997/1998 haben sie den Fall der Aktien und Währungen beschleunigt, weil sie Länder und Anleihen laufend herabgestuft haben. Sie sind Trendverstärker – nicht Trendsetter.

Wie lässt sich der Einfluss der Ratingsagenturen begrenzen?

Warren Buffett, der große Investor, ist mit 17 Prozent an Moody’s beteiligt. Er sollte also etwas auf das Urteil der Ratingagentur geben. Auf die Frage jedoch, ob er beim Kauf von Industrieanleihen auf das Moody’s-Rating achte, antwortete er: Nein, ich mache mein eigenes Rating. Aber Spaß beiseite. Ich glaube, dass sich die Alleinherrschaft der drei großen Ratingagenturen am besten zurückdrängen lässt, wenn man mehr Wettbewerb zulässt. Die Chinesen sind dabei, eine eigene Agentur aufzubauen. Noch hat sie wenig Einfluss, aber das wird sich ändern. Auch in Europa sollte man eine eigene Ratingagentur ins Leben rufen. Sie müsste aber unabhängiger sein als die US-Vorbilder.

Und die Spekulanten? Mit mehr Wettbewerb ist ihnen wohl nicht beizukommen.

Ein Großteil der gefährlichen Spekulation findet gar nicht auf regulierten Plattformen statt, sondern außerhalb der Börsen – mit fatalen Rückwirkungen auf die regulären Handelsplätze. Zunächst sollten Banken engere Fesseln bekommen: eine höhere Eigenkapitalquote und strengere Vorschriften bei der Kreditvergabe an Hedgefonds. Ganz wichtig: Auch vermeintlich systemrelevante Großbanken dürfen nicht mehr die Gewissheit haben, dass der Steuerzahler sie rettet. Die Banken dürfen die Politik nicht mehr erpressen.

Was raten Sie Privatanlegern in der jetzigen Börsensituation?

Es ist ganz einfach: Antizyklisch handeln, also gegen den Strom schwimmen. Dort, wo die Massen Schlange stehen, beim Gold, beim Franken, bei deutschen Staatsanleihen, ist die Gefahr von Spekulationsblasen groß. Dort, wo der Pessimismus am größten ist, sollte man kaufen. Aktien waren gar nicht so hoch bewertet, bevor sie zuletzt so heruntergeprügelt wurden. Die Geschäfte von Siemens sind ja nicht um ein Viertel eingebrochen. Bei BASF oder Daimler und anderen ist es genauso.

Das heißt, der Zeitpunkt zum Einstieg ist schon gekommen?

Ja, selbst wenn man 2012 mit einem Gewinneinbruch rechnet, steht der Dax mit seiner Bewertung im historischen Vergleich extrem günstig da. Aber ist mit weiteren Schwankungen zu rechnen. „Zittrige“, wie mein Freund Kostolany die Zartbesaiteten nannte, denen das Auf und Ab den Schlaf rauben, sollten noch abwarten, für „Hartgesottene“ bieten sich an schwachen Tagen Einstiegsmöglichkeiten.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

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