ZUR PERSON : „Europa bleibt vorn“

Hanspeter Spek, Marketing- und Vertriebsvorstand von Sanofi, über Arzneirabatte, Wachstum in die Schwellenländern und Berlin.

Klare Richtlinien fordert Sanofi-Vorstand Hanspeter Spek von der deutschen Politik. Foto: Paul Zinken
Klare Richtlinien fordert Sanofi-Vorstand Hanspeter Spek von der deutschen Politik. Foto: Paul Zinken

DER MANAGER

Hanspeter Spek (62), sammelte seine ersten Erfahrungen beim Branchenprimus: Nach dem Studium fing der gebürtige Ulmer 1974 beim weltgrößten Pharmakonzern Pfizer im Marketing an. 1985 wechselte Spek zur deutschen Tochter von Sanofi, in den 90er Jahren ging er in die Zentrale nach Paris. Nach verschiedenen Führungspositionen rückte Spek 2003 in den Vorstand des französischen Pharmakonzerns auf. Der Manager, der in Paris lebt, ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender von Sanofi in Deutschland.

DER KONZERN

Der französische Pharmakonzern Sanofi mit Hauptsitz in Paris entstand 2004 durch die Fusion von Sanofi-Synthélabo und Aventis. Aventis wiederum ging 1999 aus dem Zusammenschluss der Frankfurter Hoechst AG mit der französischen Firma Rhône-Poulenc hervor. 2011 machte Sanofi mit 110 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 33,4 Milliarden Euro. jmi

Herr Spek, machen Ihnen die Entwicklungen in Deutschland Sorgen?

Deutschland ist ein wichtiger Absatzmarkt für uns und zudem ein großer Industrie- und Forschungsstandort mit mehr als 9000 Beschäftigten. Deshalb beobachten wir die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen genau. Wir haben Verständnis für Gesundheitsreformen, denn es ist schwierig, in einer alternden Gesellschaft eine gute Gesundheitsversorgung zu finanzieren. Deshalb sind wir bereit, als Industrie einen Beitrag zu leisten. Sorgen bereitet uns, wenn die Politik ihre Zusagen nicht einhält.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie etwa das Preismoratorium und die Zwangsrabatte. Beide wurden als kurzfristige Sparmaßnahmen eingeführt, um Milliardenverluste bei den Krankenkassen auszugleichen. Jetzt erwirtschaften die Versicherer Überschüsse, und dennoch bleiben Moratorium und Rabatte in Kraft, zulasten der Industrie. Das ist aus unserer Sicht nicht in Ordnung, deshalb fordern wir, beide abzuschaffen.

Trotz der Zwangsrabatte ist Deutschland immer noch das Land mit den höchsten Arzneimittelpreisen in Europa.

Das ist ein Mythos! Hierzulande sind 70 Prozent der verkauften Arzneimittel Generika – also günstige Nachahmerpräparate. In Frankreich zum Beispiel liegt dieser Anteil bei weit unter 50 Prozent. Zudem sind die Generikapreise hier niedriger als in Frankreich.

Das könnte unter der neuen Regierung in Frankreich anders werden.

Wir warten erst einmal ab, was von den Wahlankündigungen – etwa im Hinblick auf die Steuergesetzgebung und den Umgang mit der Industrie – wahr gemacht wird. Zudem beruhigt der Blick zurück: Die Pharmaindustrie hat in der Ära des sozialistischen Präsidenten Mitterrand durchaus eine Stärkung erfahren.

Was erwarten Sie vom deutschen Gesundheitsminister Daniel Bahr?

Um vernünftig forschen und produzieren zu können, brauchen wir klare Richtlinien. Die Entwicklung eines Arzneimittels dauert mehr als ein Jahrzehnt. Deshalb braucht die Pharmaindustrie mehr Zeit als andere Branchen, um sich anzupassen. Rasche Richtungswechsel in der Politik sind für uns fatal.

Verliert Deutschland als Produktionsstandort an Attraktivität?

Wenn sich die Voraussetzungen dauerhaft verschlechtern, ja. Wichtig für uns sind aber auch die sehr guten Bedingungen, die wir an unserem Standort in Frankfurt haben – von der hoch kompetenten Belegschaft, der Infrastruktur bis hin zu der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Zudem bietet Deutschland ideale Möglichkeiten für die Kooperation mit großen und renommierten Forschungsstandorten – wie etwa hier in Berlin mit der Charité.

Was fehlt Ihnen?

Wir wünschen uns mehr Steuervorteile, zum Beispiel bei der Absetzbarkeit der Forschungsausgaben. Auch dass in Deutschland als einem von wenigen Ländern in der EU Mehrwertsteuer auf Arzneimittel anfällt, ist ein Hindernis.

Sie bauen in Frankfurt im Jahr 2012 insgesamt 330 Stellen in der Forschung ab.

Dieser Abbau hat nichts mit politischen Entscheidungen in Deutschland zu tun. Wir sind dabei, weltweit die Struktur der Forschung und Entwicklung im Konzern umzubauen. Künftig wollen wir stärker mit Partnern zusammenarbeiten, etwa mit der Charité, den Max-Planck-Instituten oder auch Start-ups in der Biotechnologie. Es ist nicht möglich, alle Bereiche der Naturwissenschaften und der Medizin innerhalb des eigenen Konzerns auf einem Topniveau abzubilden.

Die Sparbemühungen innerhalb der EU werden sich weiter verschärfen. Lohnt es sich noch, in Europa zu investieren?

Sanofi hat seinen kulturellen und intellektuellen Hintergrund in Europa. Wir machen hier noch immer ein Drittel unserer Umsätze und Gewinne. Noch wichtiger aber sind die hohen Qualitätsstandards in der Produktion und der Forschung und Entwicklung in Europa. Eine Insulinproduktion, wie wir sie in Frankfurt haben, wäre nur sehr schwer zu ersetzen. Deshalb werden wir unser in der Endphase der Entwicklung befindliches Diabetesmittel Lyxumia in Frankfurt produzieren.

Lässt sich eine solche Produktion nicht auch in Asien aufbauen?

Das ist möglich, aber es würde etwa ein Jahrzehnt dauern. Der Vorsprung im Hinblick auf Know-how der Mitarbeiter, Produktionsqualität und Zuverlässigkeit, den wir gegenüber Asien haben, wird bestehen bleiben, wenn wir uns gemeinsam weiterhin bemühen, diesen Produktivitätsvorteil zu erhalten. Dennoch ist uns klar, dass die Zukunftsmärkte mit Blick auf den Absatz nicht in Europa liegen.

2011 hat Sanofi mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz in den Schwellenländern erzielt – ein knappes Drittel des Gesamtumsatzes. Wie geht das weiter?

Schon heute ist unser Umsatzanteil aus den Schwellenländern höher als bei unseren Wettbewerbern. Wir werden in diesen Ländern weiter wachsen, aber sicherlich etwas langsamer. In den nächsten fünf Jahren rechnen wir mit einem Zuwachs von zehn Prozent pro Jahr. 2017 sollen etwa 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus den Schwellenländern kommen.

Wo erwarten Sie das stärkste Wachstum?

In China, mit deutlichem Abstand, danach folgen Russland, Brasilien und Mexiko. Aber auch in Ländern wie Vietnam, Indonesien oder Nigeria, die jeweils eine Bevölkerung von 100 Millionen Menschen und mehr haben, sehen wir großes Potenzial.

Sie verkaufen in erster Linie Präparate gegen Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die viele Menschen in Schwellenländern nicht bezahlen können.

In vielen Schwellenländern können wir Medikamente etwa gegen Diabetes noch nicht entsprechend dem Potenzial verkaufen, weil die Infrastrukturen für die Therapie und Diagnose noch nicht so weit sind. In China etwa sind die Küstenregionen stark entwickelt, hier machen wir rund 80 Prozent unseres Umsatzes. Das große Wachstum wird zukünftig aber aus dem Inland kommen. China ist auf dem Weg, ein strukturiertes Gesundheitssystem für das gesamte Land aufzubauen. Wir wollen dazu beitragen.

Werden Sie mit offenen Armen empfangen?

Das kann man so nicht sagen, aber es gibt keine Berührungsängste. China zum Beispiel ist sehr pragmatisch und erkennt die Chancen einer Kooperation.

Wie funktioniert Marketing in einem Land wie China, wo die Politik entscheidet, welche Medikamente verkauft werden?

China ist keineswegs ein globaler Binnenmarkt wie etwa Brasilien. Wir müssen dort mit den einzelnen Regionen umgehen. Dadurch haben wir auch gelernt, dass wir bei den Preisen flexibel sein müssen. Inzwischen haben wir uns von der Idee verabschiedet, dass es einen weltweit einheitlichen Preis für ein Arzneimittel geben muss.

Gerade die Pharmakonzerne pochen doch aber in Entwicklungsländern auf ihre Patente und geraten damit in die Kritik.

Wir glauben, dass die Industrie im Hinblick auf Patente in Entwicklungsländern sehr behutsam sein muss. Der Imageschaden wiegt schwerer als der Umsatzverlust. Wir versorgen zum Beispiel in Indien etwa die Hälfte der mit unserem Krebsmittel Taxotere behandelten Patientinnen kostenlos.

In den vergangenen Jahren haben etliche Ihrer Mittel den Patentschutz verloren. Was bedeutet das finanziell?

Bei der Fusion von Sanofi und Aventis 2004 hatten wird acht Arzneimittel, die jeweils mehr als eine Milliarde Umsatz im Jahr generierten. Von diesen acht sind heute sieben nicht mehr patentgeschützt. Seit 2009 haben wir dadurch acht bis neun Milliarden Euro Jahresumsatz verloren. Trotzdem blieben unsere Gesamtumsätze stabil.

Wie war das möglich?

Wir haben unser Unternehmen und Portfolio restrukturiert. Neben dem Umbau der Forschung und Entwicklung stärken wir Bereiche, in denen wir weniger abhängig von Patenten sind, zum Beispiel Impfstoffe, rezeptfreie Arzneimittel und Tiermedizin. Außerdem konzentrieren wir unsere Investitionen auf Wachstumsfelder wie die Schwellenländer und Diabetes.

Gerade haben Sie das Biotech-Unternehmen Genzyme gekauft, das Arzneimittel für seltene Krankheiten entwickelt. Planen Sie weitere Zukäufe?

Wir haben ausreichend finanziellen Spielraum, um in einer jährlichen Größenordnung von zwei bis drei Milliarden Euro Zukäufe zu tätigen. Generell wollen wir uns in unseren Wachstumsfeldern wie etwa Diabetes und Tiermedizin verstärken.

Wie gut ist Ihre Pipeline gefüllt?

Wir haben sechs neue Substanzen in der Endphase der Zulassung, zum Beispiel Lemtrada und Aubagio gegen Multiple Sklerose und das Diabetesmittel Lyxumia. Wir gehen davon aus, dass wir diese Arzneimittel in den nächsten zwölf bis 18 Monaten anbieten können.

Am Potsdamer Platz in Berlin sind Marketing und Vertrieb angesiedelt. Gerade haben Sie ihren Mietvertrag vorzeitig verlängert, andere Firmen ziehen weg aus dem Sony Center. Warum wollen Sie bleiben?

Wir waren einer der ersten Mieter am Platz und fühlen uns dort sehr wohl. Unabhängig vom Potsdamer Platz ist der Standort Berlin für uns sehr wichtig, weil hier die politischen Entscheidungen getroffen werden. Arzneimittel sind ein sehr sensibles Feld, und wir haben viele Ansprechpartner an den Schnittstellen der Gesundheitsversorgung. Außerdem ist Berlin durch seine Universitäten und die wachsende Zahl der Biotech-Firmen ein wichtiger Standort. So haben wir zum Beispiel eine Kooperation mit der Charité, die wir künftig weiter ausbauen wollen.

Wie soll das aussehen?

Wir werden die Kooperation, die im Bereich Schlaganfall und Immunerkrankungen schon sehr gut funktioniert, auf den Bereich Diabetes ausdehnen. Wir nutzen dann auch in diesem Gebiet hoch spezialisierte Technologien gemeinsam und werden zusammen mit der Charité neue Angriffspunkte und Therapien für diese Volkskrankheit entwickeln.

Das Gespräch führte Jahel Mielke.

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