ZUR PERSON : „Ich hätte auch Autos verkaufen können“

Uli Hoeneß, 59, ist Präsident von Bayern München und Inhaber einer Wurstfabrik. Was er unter guter Führung versteht und warum er nicht für die Telekom arbeiten könnte, erklärt er im Interview

In der Allianz-Arena, der Heimspielstätte des FC Bayern München, lassen sich die beiden Welten besichtigen, in denen sich Uli Hoeneß bewegt: die Welt des wirtschaftlich wie sportlich erfolgreichsten deutschen Fußballvereins und die des guten deutschen Mittelstands. Unter dem Dach der Haupttribüne hat Hoeneß, der Vereins-Präsident und Vater des Erfolgs, wie ein x-beliebiger Unternehmer eine der 106 Arena-Logen gemietet, in der er Gäste seiner Nürnberger Wurstfabrik Howe empfängt und bewirtet. Die Loge ist eingerichtet, als wäre es Hoeneß' Wohnzimmer: barock, heimatverbunden, bodenständig. Doch tritt der Besucher aus dieser typisch bayerischen Bauernstube heraus, befindet er sich in der glitzernden Welt des internationalen Sports. Von weißen Ledersesseln auf kühlem Beton und von oben herab können die Ehrengäste das Spiel und damit die Arbeit von Hoeneß' kickenden Angestellten verfolgen.

Herr Hoeneß, führt man einen Fußball-Konzern anders als eine Wurstfabrik?

Ja, absolut. In einer Fabrik hat man einen direkteren Zugriff auf alles. Wenn du durch deine Werksräume gehst und einen Fehler siehst, kannst du dem Vorarbeiter sagen: Das muss jetzt geändert werden. Wohingegen, wenn ein Spiel angepfiffen worden ist, hat der Geschäftsführer keinerlei Einfluss mehr. Das ist der ganz große Unterschied. Ab einem gewissen Zeitpunkt bist du genauso Zuschauer wie die auf den Rängen, in den Logen oder zuhause vor dem Fernseher. Da sind dir Hände und Füße gebunden.

Sie gelten als dominante Persönlichkeit. Wie nehmen Sie Ihre Leute, Ihre Mannschaft mit?

Ich bin ein unglaublich starker Kommunikator. Ich treffe nie einsame Entscheidungen, ich versuche immer alle mitzunehmen. Ich bin einer, der die Leute teilhaben lässt am Entscheidungsprozess. Ich frage auch oft: ,Was meinst du?' Ich bin keiner, der Entscheidungen im stillen Kämmerlein fixiert und morgens verkündet.

Wie führen Sie überhaupt? Geben Sie eher die große Linie vor oder gehen Sie stark ins Detail?

Überhaupt nicht. Ich mache keine Vorgaben. Als mein Sohn in der Wurstfabrik die Betriebsleitung übernehmen sollte, da habe ich ihm gesagt: Wir haben einen Betriebsleiter, gehe zu ihm, höre ihn dir an, schaue ihm über die Schulter, frage ihn. So war das bei mir auch. Da war keiner, der stundenlange Vorträge gehalten hat.

In Ihrer Amtszeit hat sich der Umsatz von Bayern München von 10 Millionen D-Mark Ende der 70er-Jahre auf fast 350 Millionen Euro gesteigert …

Ich bin die Lokomotive. Meine große Stärke ist der Vertrieb, das Verkaufen eines Produkts. Hier ist es der Fußball, da war es die Wurst.

Würde Sie auch eine Position in der Wirtschaft interessieren?

Jetzt nicht mehr. Ich werde im Januar 60.

Haben Sie denn mal mit einem Wechsel geliebäugelt?

Ich hätte mir den Vertrieb jeglicher Art in jedem deutschen Unternehmen zugetraut.

Egal ob Autos, Schokoriegel, Zeitungen oder Telekom?

Schokoriegel sind kein Problem. Auch Autos verkaufen oder Zeitungen, in einer Bank arbeiten, im Finanzmanagement – das könnte ich schon alles mit dem entsprechenden Vorlauf. Bei der Telekom wäre es schon schwieriger. Ich bin kein großer Techniker. Mit Internet und Wlan da habe ich so mein Problem.

Dass Sie kein Techniker sind, klingt leicht untertrieben. Sie nutzen kein Internet, keine E-Mails ...

So ist es. Weil mich das vom eigentlichen Geschäft abhalten würde. Ich habe den Verein ohne diese Dinge entwickelt und werde das weiter so machen. Außerdem gewähren einem diese Kommunikationsmittel keine Pausen. Wie soll ich da neue Geschäftsideen finden? Ich brauche Pausen – auf- und abseits des Platzes.

Wer ist wichtiger für den Erfolg eines Fußball-Unternehmens? Die kaufmännische Leitung oder die sportliche, der Trainer?

Eindeutig der Trainer. Weil sich oft erst durch den sportlichen Erfolg auch neue wirtschaftliche Perspektiven auftun.

Erfolgreiche Konzerne wie Siemens mit Peter Löscher oder Volkswagen mit Martin Winterkorn zeichnet aus, dass sie in der Führung Kontinuität zeigen. Beim FC Bayern hat das, was die sportliche Leitung angeht, zuletzt nie funktioniert. Felix Magath, Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal – fast jede Spielzeit kam ein neuer Trainer. Was ist schief gelaufen?

Ich habe einen Traum für Bayern München. Ich wünsche mir, einen Trainer zu haben, der fünf, sechs, sieben Jahre am Ball bleibt. Einen Trainer, der sich um die Mannschaft kümmert, und wir im Management und Aufsichtsrat können uns darauf konzentrieren, dass das Geld da ist, dass das Ambiente passt. Ausschlaggebend dafür ist, dass ein Trainer nach zwei, drei, vier Jahren der Mannschaft noch etwas zu sagen hat, man sich gegenseitig noch respektiert. Wenn das nicht mehr gegeben ist, und das war zuletzt leider häufig so, dann musst du als Manager was tun.

Ja, aber Sie wussten doch, um die, sagen wir, charakterlichen Eigenheiten der Trainer Klinsmann, Magath und van Gaal ...

Ja, das Risiko war uns bewusst. Bei Magath und van Gaal hatten wir ja zumindest sportlichen Erfolg. Aber die Charaktere waren nicht so, dass man darauf hätte eine Ära begründen können. Und das hätten wir antizipieren können. Das war ein Fehler.

Wenn Ihr Sohn jetzt auf die Idee käme, einen großen Deal zu machen. Sind Sie dann so eine Art Aufsichtsrat für ihn?

Sicher. Im Moment ist es zum Beispiel ganz schwierig Schafseitlinge, in die die Wurst abgefüllt wird, zu bekommen. Die sind im Preis in den letzten zwölf Monaten um 400 Prozent gestiegen. Das hat natürlich die Kalkulationen verhagelt.

Wie konnte das passieren?

Es gibt einfach weniger Schafe. Und es gibt nur ganz wenige Großhändler, die den Markt unter Kontrolle haben, und die verlangen statt drei oder vier Euro pro Hank, das ist die Maßeinheit oder 96 Meter, nun zwölf bis 15 Euro. Wenn du dann für eine Grillsaison mit drei oder vier Euro kalkuliert hast, und dann aber zwölf zahlen musst, dann kostet dich das schnell eine siebenstellige Summe.

Ist Geld ein geeignetes Führungsinstrument für Fußballer?

Wenn einer nicht laufen will, hilft auch Geld nicht.

Wo soll der Verein stehen, wenn Sie einmal aufhören?

Die Allianz-Arena sollte abbezahlt sein. Denn Bauen ist leicht, Bezahlen ist schwer. Und was ich mir jetzt noch zum Ziel gesetzt habe: Ich möchte, so wie es mir in Nürnberg in der Wurstfirma gelungen ist, auch im Verein die Nachfolge regeln. Wenn die Generation um unseren Finanzchef Karl Hopfner, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und mir als Präsident mal nicht mehr ist, dann sollen an dieser Stelle die richtigen Leute sitzen, die den Verein führen.

Wer ist der nächste Hoeneß?

Da bin ich noch gar nicht festgelegt. Ich lasse sehr viele Kandidaten auf mich wirken, ich spreche viel, ich diskutiere viel, dann verwerfe ich wieder eine Idee. Und irgendwann werde ich hoffentlich sagen: Ich glaube, jetzt habe ich denjenigen welchen. Und dann werde ich noch Folgendes machen, auch etwas sehr Wichtiges: Ich entscheide nicht allein. Den Kandidaten werde ich im kleinen Kreis, also etwa Stadler und Hainer, präsentieren und ihn erklären lassen, wie er Bayern München führen würde.

Adidas-Chef Hainer wäre doch ein idealer nächster Bayern-Chef.

Absolut. Herbert Hainer wäre einer, der das sofort könnte. Nur, wenn er in fünf Jahren bei Adidas vielleicht aufhört, wird es nicht gerade der Wunsch seiner Träume sein, Bayern München zu führen. Ich glaube nicht, dass er dann noch einen so heißen Job übernehmen möchte. Aber das wäre zum Beispiel einer, wo ich sagen würde: Haken dran, ja!

Und der müsste dann auch nicht selbst Fußball gespielt haben …

Nein. Hainer hat genau das, was ich suche: totale Identifizierung mit Bayern München, Affinität zur Sache, Management- und Fußball-Know-how. Auch VW-Chef Martin Winterkorn könnte ich mir vorstellen.

Das Gespräch führten Peter Brors und Tanja Kewes (HB)

1952 wird Uli Hoeneß in Ulm geboren. Seine Eltern führen eine Metzgerei. Als 20-Jähriger wird er mit der Fußball-Nationalmannschaft als Spieler des FC Bayern München Europameister, zwei Jahre später in München sogar Weltmeister.

1979 muss er mit 27 Jahren seine aktive Karriere wegen eines Knorpelschadens im Knie beenden. Er wird Manager von Bayern München. Der Verein macht 12 Millionen D-Mark Umsatz.

1982 überlebt Hoeneß als einziger Passagier den Absturz eines zweimotorigen Flugzeuges bei Hannover.

1983 gründet er mit seinem inzwischen verstorbenen Geschäftspartner Werner Weiß in Franken die Wurstfabrik Howe. Der Umsatz wird heute auf 40 Millionen Euro geschätzt. Das Unternehmen beliefert auch den Discounter Aldi.

2009 wechselt Hoeneß vom Amt des Managers bei Bayern München auf den Posten des Präsidenten des Fußball- Clubs. Der Umsatz des Vereins liegt bei etwa 350 Millionen Euro, und das bei einem schwarzen Ergebnis. (HB)

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