ZUR PERSON : „Krieg kostet Wachstum“

Der DIW-Ökonom Tilman Brück, designierter Chef des Friedensforschungsinstituts Sipri, über Sicherheit und Angst.

Von Berlin nach Stockholm: Der DIW-Ökonom Tilman Brück. Foto: promo
Von Berlin nach Stockholm: Der DIW-Ökonom Tilman Brück. Foto: promo

DAS INSTITUT

Das in Stockholm ansässige Friedensforschungsinstitut Sipri beschäftigt sich seit 50 Jahren mit den Themen Rüstung und Konfliktforschung. Zum Direktor werden ausschließlich Personen außerhalb Schwedens bestellt.

DIE KARRIERE

Tilman Brück, Jahrgang 1970, war zuletzt Professor für Entwicklungsökonomie an der Berliner Humboldt Universität und leitete die Abteilung für Entwicklung und Sicherheit am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Brück hat in Oxford promoviert, von dort zog der gebürtige Hamburger 2001 nach Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Herr Brück, Sie wollen am Sipri den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Sicherheit untersuchen. Wie muss man sich das vorstellen? 

Zum einen kann man Sicherheit aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten untersuchen, also etwa die Finanzströme beim Waffenschmuggel. Solche Analysen macht das Sipri bereits. Und dann kann der volkswirtschaftliche Blick auf ein Phänomen helfen, Krieg und Frieden besser zu analysieren.

Mit welchen Folgen? 

Nehmen Sie den Klimawandel: Als Wirtschaftswissenschaftler sich des Themas angenommen und gezeigt haben, dass der Klimawandel richtig teuer wird, sind Unternehmer und Politiker aufgewacht.

Also müssen die Kosten des Klimawandels oder eines Krieges transparent werden, damit es Veränderungen gibt?

Kosten sind eine Größe, mit der viele Menschen etwas anfangen können. Wenn es uns gelingt, zu zeigen, dass Frieden monetär viel interessanter ist als Krieg, kann das ein Anreiz sein, sich dafür einzusetzen. Staaten, in denen keine Konflikte herrschen, haben eine Wirtschaft, die schneller wächst und Gewinne abwirft. Also ist Krieg teurer.

Wie teuer ist Krieg?

Wir rechnen im Moment aus, wie hoch die Gesamtkosten von Kriegen seit 1960 sind. Genau kann ich es noch nicht sagen, aber die Summe ist wirklich enorm. 

Die Bundesrepublik hat sich sehr wenig an Kriegen beteiligt, ist aber weltweit der drittgrößte Waffenexporteur. Wir verdienen also ganz gut an Kriegen. 

Deutschland gehört mit anderen Staaten der OECD zu den Gewinnern von Kriegen, an denen wir militärisch nicht direkt beteiligt sind, wofür unsere Bündnispartner aber viel Geld ausgeben. So profitiert Kanada von amerikanischen Kriegsausgaben. Kriege, an denen wir militärisch beteiligt sind, kosten uns aber viel Geld und damit auch Wirtschaftswachstum.

Hat sich die wirtschaftliche Bilanz für Deutschland seit Beginn seiner Auslandseinsätze verändert? 

Bislang ist das nicht erkennbar. Wirtschaftlich gesehen verlieren wir weiter an Konflikten wie dem in Afghanistan.

Wie sieht es bei den USA aus? 

Aus rein wirtschaftlicher Sicht profitieren die Vereinigten Staaten nicht von den vielen Kriegen im Ausland. Die sind in zu viele Konflikte selbst verwickelt, daher zahlen sie drauf.

Diese Kriege finden meistens in Schwellen- und Entwicklungsländern statt. Ist die Erforschung des Zusammenhangs von Wirtschaft und Sicherheit auf diese Staaten beschränkt?

Wirtschaft und Sicherheit kann man überall untersuchen. Was sich ändert, ist die Natur der Bedrohung, der sich die Menschen ausgesetzt sehen. Länder, in denen das staatliche Gewaltmonopol bedroht ist, sind meist schwach und seine Bewohner arm. Dann gibt es Bedrohungen, die auf Regionen oder Städte beschränkt sind, beispielsweise in Lateinamerika. Aber auch in reichen Staaten ohne militärischen Konflikt auf ihrem Territorium können die Menschen sich bedroht fühlen.

Gilt das auch für Deutschland? 

Das kommt darauf an, wen Sie wann fragen. Vor Beginn der Wirtschaftskrise war zum Beispiel die Angst vor globalem Terror die größte Sorge der Deutschen. Interessant ist dabei, dass es Möglichkeiten gibt, das Sicherheitsgefühl zu erhöhen, ohne die Situation der Menschen faktisch sicherer zu machen.

Zum Beispiel? 

Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen sich in Städten sicherer fühlen, wenn Überwachungskameras angebracht sind. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wachmann gerade in dem Augenblick auf die Bilder der einen Kamera schaut, die einen Angriff aufnimmt, und dann sofort eingreifen kann, ist sehr gering. Und verhindern kann er den Angriff dadurch schon gar nicht.

Wer fühlt sich hierzulande unsicher?

Menschen auf dem Land haben mehr Angst vor Terrorismus als in der Stadt, außerdem haben Menschen mit geringerer Bildung und ältere Menschen tendenziell ein höheres Unsicherheitsgefühl.

Ist Unsicherheit wirtschaftlich messbar? 

Ja. Menschen, die sich unsicher fühlen, gehen weniger aus, verreisen weniger, fliegen auch weniger. Ein verbreitetes Unsicherheitsgefühl hat also negative Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Aber von mehr Sicherheit profitieren doch immer wirtschaftliche Akteure.

Das stimmt, zum Beispiel die Schlossindustrie, das Handwerk über die Tischler, die die Tür mit dem neuen Schloss einbauen, und die Metallindustrie, die die Rohstoffe für die Schlösser verkauft. Aber mehr Kontrolle ist gesamtwirtschaftlich betrachtet immer teurer.

Wie viel teurer?

In den Vereinigten Staaten wurde nach dem 11. September 2001 ein Zollabfertigungssystem umgesetzt, über das US-Beamte am Standort der Absendung die Fracht kontrollieren, also im Absendehafen im Ausland. So soll gefährliche Ware erst gar nicht US-amerikanischen Boden erreichen. Das erzeugt mehr Sicherheit, kostet aber viel Geld, dass auf die Transportkosten umgelegt wird.

Bislang haben wir solche Ausgaben aber kaum diskutiert. 

Wie denn auch? Wenn Sie den Passagieren eines Flugzeugs sagen, das ab jetzt aus Kostengründen nur noch jeder zweite Fluggast kontrolliert wird, gibt es doch einen Aufschrei.

Werden wir irgendwann durch unsere Sicherheitsstandards nicht mehr konkurrenzfähig sein? 

Sicher ist Ware aus China auch deshalb billiger, weil sie dort weniger Kontrollen durchläuft. Aber bei der Frage nach Sicherheit geht es nicht nur um Geld. Es ist auch eine gesellschaftliche Entscheidung. Das können Sie mit Umweltschutz vergleichen. Es ist bekannt, dass es vieles gibt, was wir tun könnten, um die Umwelt zu schützen. Ähnliches gilt für unsere Sicherheit. Sie können heute zum Beispiel auch ein System aufbauen, mit dem sie jeden Gefahrentransporter, der in der EU unterwegs ist, in Echtzeit verfolgen und dann sehen können, ob einer von seiner geplanten Route abweicht, etwa um einen Terroranschlag auszuüben. Aber ist es uns das wert? 

Was ist die ökonomische Antwort auf solch eine Frage?

Es muss ein Gleichgewicht her zwischen dem subjektiven Sicherheitsbedürfnis, der tatsächlichen Bedrohung und dem eingesetzten Schutz.

Wie wollen Sie das ermitteln? 

Derzeit arbeite ich an einem Projekt, dass subjektiv empfundene Sicherheit messbar machen soll. Denn für einen Staat ist es natürlich wichtig zu sehen, ob die Mittel zur Bekämpfung der Bedrohung auch dazu führen, dass die Menschen sich sicherer fühlen. Sonst könnten wir in eine Spirale kommen, in der massiv in Sicherheit investiert wird, ohne dass das für die Bevölkerung etwas ändert.

Das Gespräch führte Constance Frey

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