ZUR PERSON : „Wir sind nicht sexy, aber zuverlässig“

Europcar-Chef Roland Keppler über kleine und große Mietwagen, den Wettbewerber Sixt und Carsharing in Metropolen „Unsere Kunden sollen Elektroautos ausprobieren – den Megatrend der Zukunft“

Roland Keppler – für ihn ist „Carsharing eine stressfreie Form der urbanen Mobilität“. Foto: promo
Roland Keppler – für ihn ist „Carsharing eine stressfreie Form der urbanen Mobilität“. Foto: promoFoto: Christian Wyrwa

Herr Keppler, wie viele Autos kaufen Sie in diesem Jahr?

Europcar kauft insgesamt 80 000 Autos allein in Deutschland. Nachdem wir die Einkäufe 2009 um circa 20 Prozent reduziert haben, kaufen wir nun wieder stetig und vorsichtig mehr ein. Auch die Flottengröße wächst – 2011 um fünf Prozent. Aktuell haben wir in Deutschland mehr als 40 000 Autos zur Verfügung, gruppenweit sind es 193 000 Fahrzeuge.

Die Hersteller produzieren wegen der starken Nachfrage an der Kapazitätsgrenze. Bekommen Sie alle Modelle, die Sie brauchen?

Die Abwrackprämie hat zu einer Knappheit bei kleineren Fahrzeugen geführt. Heute haben wir durchaus Restriktionen bei großen Fahrzeugen. Boomende Märkte wie China absorbieren einen großen Teil der Produktion in Deutschland. Die Beschaffung ist unberechenbarer geworden, Engpässe gibt es für unsere Kunden aber nicht.

Auch, weil große Autos nicht mehr so gefragt sind wie vor der Krise?

Wir sind sehr gut mit deutschen Premiumfahrzeugen ausgestattet. Die Nachfrage ist aber gesunken. Viele Unternehmen mieten heute eher ein kleineres Auto. Außerdem müssen auch wir auf die Kosten schauen. Wir geben in der Oberklasse weniger kostenlose Upgrades.

Wie stark profitiert Europcar von der anziehenden Konjunktur?

Gerade in Deutschland ist die Zahl der Geschäftsreisen dank der guten Konjunktur stark gestiegen. Davon profitieren wir sehr. 2010 ist unser Umsatz in Deutschland um rund fünf Prozent auf 534 Millionen Euro gestiegen. 2011 wachsen wir kontinuierlich in dieser Größenordnung, wobei uns profitables Wachstum wichtig ist. Das erste Halbjahr ist gut gelaufen.

Stellen Sie fest, dass Ihre Kunden gezielter nach niedrigen CO2-Werten fragen?

Die Kunden wählen häufiger ein Diesel-Fahrzeug, vor allem für längere Strecken. Das hat aber vor allem etwas mit den Spritkosten zu tun. Etwa 40 Prozent unserer Flotte stößt weniger als 140 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Eine gezielte Nachfrage nach umweltfreundlichen Fahrzeugen stellen wir nicht fest.

Europcar vermietet ab Herbst den elektrischen Opel Ampera. Warum?

Wir sind die Ersten, die den Ampera vom vierten Quartal an im Angebot haben. Es ist unsere Aufgabe als Mobilitätsanbieter in Vorleistung zu gehen und die neueste Technologie anzubieten, seien es moderne Verbrennungsmotoren oder Elektroautos. Individuelle Mobilität wird auch in Zukunft nie ganz ohne einen Verbrauch von Ressourcen auskommen. Aber wir sollten tun, was wir tun können. Unsere Kunden sollen Elektroautos ausprobieren. Elektromobilität ist nach meiner festen Überzeugung – gerade in den Städten – einer der Megatrends der Zukunft.

Wieviele E-Autos bieten Sie aktuell in Deutschland an?

Heute haben wir zwei E-Fahrzeuge im Testbetrieb, die von unseren Mitarbeitern und Kunden gefahren werden. Im Herbst starten wir neben dem Ampera mit der Vermietung von einer kleinen Anzahl Peugeot iOn. Wenn die deutschen Hersteller mit eigenen Modellen so weit sind, können wir eine Plattform bieten, auf der wir Erfahrungen im Echtbetrieb gesammelt haben. Bislang greifen wir auf ausländische Marken zurück. Mit dem Mercedes Vito machen wir den Anfang mit den deutschen Herstellern im Nutzfahrzeugsegment.

In einem Markenranking steht Ihr Wettbewerber Sixt auf Platz eins. Ihm werden Attribute wie „jung, frech und günstig“ zugeordnet. Europcar liegt auf Platz zwei und gilt als „solide“. Reicht Ihnen das?

Richtig ist, dass wir stärker werden müssen im Privatkundengeschäft. Hier haben wir unsere Sichtbarkeit deutlich verbessert. Wir eröffnen gezielt neue Stationen in den Innenstadt- und Wohnbezirken. Aber: 60 bis 70 Prozent des Geschäfts machen wir mit Firmenkunden. Da spielt die Markenpräsenz eher eine untergeordnete Rolle. Mobilität hat immer auch etwas mit Sicherheit, Zuverlässigkeit, Präsenz und Kundenorientierung zu tun. Unser Image, das auf den ersten Blick vielleicht nicht so sexy daherkommt, wird von diesen Werten getragen.

Wie gefällt Ihnen der jüngste Werbespruch von Sixt: „Liebe Griechen, wir akzeptieren jetzt wieder Drachmen“?

Das zeigt, wo Sixt mit seiner Werbung an Grenzen stößt - oder diese überschreitet. Was sollte nach der Sturmfrisur von Angela Merkel, mit der Sixt schon vor Jahren geworben hat, noch kommen? Der Papst? Ich finde die Verunglimpfung von Kunden äußerst fragwürdig.

Seit 1. April sind Europcar und Daimler mit dem Carsharing-Modell Car2Go in Hamburg am Start. Wie läuft es?

Wir sind zufrieden. Die Kunden nehmen das Konzept an und erleben eine völlig neue, stressfreie Form der urbanen Mobilität. Sie können spontan mit einem von 300 über das Stadtgebiet verteilten Smarts von A nach B fahren und zahlen nach der Anmeldung nur noch 29 Cent pro Minute – Parkplatz, Treibstoff und Versicherung sind schon enthalten. Ich probiere es regelmäßig selbst aus. Länger als fünf Minuten bin ich noch nie gelaufen, um einen freien Smart zu finden. Wenn Sie in der Innenstadt einen Parkplatz mit Ihrem Privatwagen suchen, sind Sie länger unterwegs.

Car2Go-Autos kosten 0,29 Cent pro Minute – das ist nicht gerade billig.

Das ist ein fairer Preis. Sie müssen berücksichtigen, dass die Parkgebühren schon enthalten sind. Da kann in der Stadt einiges zusammenkommen. Ob sich 29 Cent auf Dauer als Minutenpreis halten lassen, hängt auch davon ab, wie teuer der Sprit und das Parken in den Innenstädten künftig werden.

Tendenziell wird es teurer, weil die Kommunen kein Geld haben.

Die Kommunen werden zur Flexibilität gezwungen sein. Aber nicht nur die Kommunen, sondern auch der Gesetzgeber. Wir haben in Deutschland eine viel zu hohe Regelungsdichte, die verhindert, dass in der Stadtentwicklung auch mal etwas ausprobiert werden kann. Die Lebensqualität in den Innenstädten wird in Zukunft davon abhängen, wie individuelle Mobilität organisiert wird. In London darf man schon heute zu bestimmten Zeiten gewisse Citybereiche mit herkömmlichen Autos nur noch gegen Gebühr befahren. Solche Konzepte wird es in anderen Metropolen auch geben.

Wann kommt Car2Go nach Berlin?

Wir haben noch keine Entscheidung getroffen. Berlin ist ohne Frage ein sehr interessanter Markt für Car2Go.

Sind Sie prinzipiell bereit, mit anderen Herstellern zu kooperieren?

Die Frage stellt sich im Moment nicht. Das Joint-Venture mit Daimler in Hamburg funktioniert hervorragend und wir sprechen über eine weitere Zusammenarbeit.

Drive-Now, das Carsharing-Bündnis von BMW und Sixt will in Berlin vor Ihnen mit 500 Minis starten. Sind die Claims in Berlin schon verteilt?

Der Markt ist noch lange nicht verteilt, er sortiert sich gerade erst. Die Entwicklung ist nicht beendet, weil einer als Erster oder Zweiter nach Berlin geht. Es gibt Dutzende von Millionenstädten in Europa, die für ein solches Konzept geeignet sind.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

DER MANAGER

Roland Keppler (47) ist seit 2009 Deutschlandchef des größten europäischen Autovermieters Europcar. Der Wirtschaftsingenieur begann 1992 seine Karriere bei der ehemaligen Preussag. 2000 wechselte er ins Tui Airline Management, 2005 wurde er Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Express. Nach der Zusammenführung von HLX und Hapagfly wurde er 2007 Chef von Tui-Fly.

DAS UNTERNEHMEN

Die Europcar-Gruppe setzte 2010 mit weltweit mehr als 10 000 Vermietstationen und 6600 Mitarbeitern 3,1 Milliarden Euro um (in Deutschland 534 Millionen Euro). Das Unternehmen gehört dem Finanzinvestor Eurazeo.

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