Wirtschaft : Zusätzliche Lehrstellen per Notverordnung

EBERHARD LÖBLICH[MAGDEBURG]

Sachsen-Anhalt geht unkonventionelle Wege auf dem Ausbildungsmarkt / Die Schulen springen ein / Land zahlt 40 Mill.DMVON EBERHARD LÖBLICH, MAGDEBURG

"Der Aufruf an die Abiturienten und die Vereinbarung zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze ist von allem unterschrieben, was in Sachsen-Anhalt einen Präsidenten-Titel trägt außer vom Präsidenten des Landesamtes für Verfassungsschutz", witzelt der stellvertretende Regierungssprecher Franz Stänner.Der Witz gilt einer ernsten Sache, denn mit Beginn des Ausbildungsjahres Anfang August suchten noch immer Tausende von Schulabgängern nach einer Lehrstelle.Das Landesarbeitsamt spricht von 7000 fehlenden Plätzen, die Staatskanzlei von 5000.Grund für die Ausbildungsplatzmisere ist nicht nur die nach wie vor andauernde grundsätzliche Krise, die der tiefgreifende Strukturwandel des Landes ausgelöst hat.Vielmehr drängen auch mit Ende jedes Schuljahres zunehmend mehr Jugendliche auf den Ausbildungsmarkt. "Die Zahl der Schulabgänger ist von 28 600 im Jahr 1993 auf 38 500 im laufenden Jahr angestiegen", heißt es in einer gemeinsamen Initiative der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände, des Landesarbeitsamtes und der Landesregierung.Dabei wurden auch unkonventionelle Maßnahmen vereinbart, um möglichst doch noch jedem Schulabgänger eine Berufsausbildung zu ermöglichen.Gleichzeitig ermunterten Politik und Wirtschaft die Jugendlichen, ein Studium aufzunehmen.Wie in allen anderen ostdeutschen Ländern ist es auch bei sachsen-anhaltischen Abiturienten beliebte Praxis, vor Studienbeginn zunächst eine berufspraktische Ausbildung zu absolvieren, die dem künftigen Studium inhaltlich möglichst nahekommt und vielleicht auch schon Kontakte zu einem künftigen Arbeitgeber für den künftigen Akademiker schafft.Eine sofort absolvierte akademische Ausbildung sei der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit, heißt es in dem Aufruf."Nahtloser Übergang von Schule zur Hochschule sichert frühen Eintritt in den Arbeitsmarkt." Mit erheblichen Finanzmitteln will die Landesregierung die Unternehmen des Landes ermuntern, zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen.Das Wirtschaftsministerium fördert die materiell-technischen Kosten zusätzlicher Ausbildungsplätze mit 20 Prozent, bei der Einstellung junger Frauen beziehungweise Mädchen sogar mit 25 Prozent.Außerdem werden Ausbildungskooperationen durch das Ministerium finanziell bezuschußt."Wir können so in Unternehmen, die aufgrund fehlender Eignung nicht oder nur bedingt ausbilden können, zusätzliche Ausbildungskapazitäten erschließen", glaubt Wirtschaftsminister Klaus Schucht.Bis zu 180 DM pro Ausbildungswoche in einem Fremdunternehmen kann ein Betrieb jetzt als Förderung bekommen.Damit könnten auch Kleinstbetriebe oder hochspezialisierte Unternehmen zur Ausbildung des Nachwuchses beitragen. Sein Ressort habe zudem das Antragsverfahren beträchtlich vereinfacht, teilte Schucht mit.In den vergangenen Jahren war es mehrfach zu Irritationen gekommen, weil einigen Unternehmen, die zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen hatten, die in Aussicht gestellten Fördermittel mit meist bürokratisch-formalen Begründungen letztendlich verweigert wurden.Vereinfacht wurden auch die Förderprogramme des Arbeits- und Sozialministeriums zur Bezuschussung zusätzlicher Lehrstellen. Mit den Vertretern der Kammern und Arbeitgeberverbände hat die Landesregierung aber auch völliges Neuland betreten.Das Kultusministerium Sachsen-Anhalts schafft quasi per zeitlich befristeter Notverordnung zusätzliche Ausbildungsplätze an den Berufsbildenden Schulen und auch bei freien Bildungsträgern im Land."Ausbildungsberufe, die in der Regel im Dualen System gelehrt werden, wollen wir übergangsweise und in enger Kooperation mit den zuständigen Wirtschaftsgremien auch an den Berufsbildenden Schulen und bei freien Bildungsträgern vermitteln", sagt Ministerpräsident Reinhard Höppner.Das Kultusministerium werde dafür eine zeitlich befristete Schulverordnung vorlegen.Die Prüfungsgremien der Wirtschaft haben bei der Planung der Ausbildungsgänge und -inhalte Mitspracherecht.Die Absolventen dieser Bildungsgänge können im Gegenzug über ihre schulische Abschlußprüfung mit staatlicher Anerkennung hinaus auch eine berufsqualifizierende Gesellenprüfung vor den Prüfungsgremien der Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern ablegen."Die Wirtschaftsverbände und Kammern in unserem Land halten am Prinzip des Dualen Ausbildungssytsems fest", sagt Höppner."Aber sie sind in diesem Fall auch zu entsprechenden Ausnahmeregelungen bereit, wenn dadurch die Krise auf dem Ausbildungsmarkt gemildert werden kann." Mehr als 40 Mill.DM stellt das Land zur Finanzierung dieser Ausnahmeregelung und ihrer schulischen Umsetzung bereit.Die ohnehin schon länger vorhandenen rein schulischen Ausbildungsgänge an den Berufsbildenden Schulen will die Wirtschaft künftig auf die Ausbildungszeit im Dualen System anrechnen.Zwischen ein und zwei Jahren der durchweg zweijährigen Berufsfachschulausbildung wird künftig bei einer anschließenden Ausbildung im Dualen System anerkannt.Damit hoffen Politiker und Wirtschaftsvertreter noch mehr Schulabgänger zum Besuch der Berufsfachschulen zu motivieren.Was bislang vielen Schulabgängern lediglich als Warteschleife bis zur erneuten Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz galt, soll sich damit nun in eben diesem System auszahlen."Wenn die mit diesem staatlichen Abschluß später vielleicht nur noch ein bis zwei Jahre im Dualen System lernen müssen, um auch einen Kammerabschluß zu bekommen, dann haben wir wirklich schon etwas gewonnen", meint Höppner.

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