Zusatzversorgung : Die gesetzliche Rente reicht nicht

Erster Vorsorgeatlas für Deutschland: Nur die Hälfte der Arbeitnehmer hat eine gute Zusatzversorgung.

Rolf Obertreis
292184_0_d123abd9.jpg
Scharf kalkulieren. Viele Bürger werden ihren Lebensstandard im Alter kaum halten können. Fotos: Kai-Uwe Heinrich, Kitty...

Frankfurt am MainMan müsse ihn wie einen Erdkunde-Atlas nutzen, sagt Professor Bernd Raffelhüschen. Doch der neue Atlas ist weniger für Schüler als für Finanzfachleute und Politiker interessant. Zum ersten Mal hat Raffelhüschen mit seinem Team an der Uni Freiburg einen Überblick zur Altersvorsorge der Deutschen entwickelt. Die generelle Erkenntnis überrascht zwar nicht: Die gesetzliche Vorsorge reicht bei den meisten Bundesbürgern nicht aus. Doch mit einer Zusatzversorgung sind mehr als die Hälfte der Deutschen gut abgesichert. Erstaunlich freilich ist, dass die sogenannte Ersatzquote, die den Anteil der Rente gemessen am letzten Bruttoeinkommen wiedergibt, in Ostdeutschland höher ist als im Westen. Und dass die Menschen im Südwesten relativ schlecht dastehen. „Bei den absoluten Zahlen sieht es natürlich anders aus“, sagt Raffelhüschen.

Der erstmals und im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Invest erstellte Vorsorgeatlas gibt Einblick in die Altersvorsorge und den künftigen Rentenstatus. Dabei zeigt sich: Mit Blick auf die gesetzliche Rente sind die Menschen im Süden nicht ausreichend abgesichert. Im Raum Stuttgart liegt die Unterversorgung gar bei mehr als 80 Prozent. Ihren Lebensstandard könnten die Betroffenen damit im Alter nicht annähernd halten. Während die Ersatzquote in vielen Regionen Ostdeutschlands bei über 50 Prozent liegt, sind es in Baden-Württemberg, in Oberbayern und im Raum Köln maximal 40 Prozent. Ein Grund für den relativen Vorteil der älteren Ostdeutschen: Bei ihnen wird die Berufstätigkeit in den siebziger und achtziger Jahren überproportional angerechnet.

In absoluten Zahlen liegen die Menschen im Westen bei der gesetzlichen Rente vorn: Im Schnitt sind es derzeit 1023 Euro pro Monat und damit 200 Euro mehr als im Osten. Der Atlas zeigt nach Angaben von Raffelhüschen, dass Geringverdiener trotz der besseren Ersatzquote bei der Rente hinten liegen. Im Saarland etwa kommen Menschen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 900 Euro trotz einer Quote von 61 Prozent nur auf eine gesetzliche Rente von im Schnitt 471 Euro. Aber auch wer mehr als 1500 Euro netto pro Monat nach Hause bringt, hat ein Problem. „Hier liegt die Ersatzquote nur bei 33,9 Prozent, in Ost-Berlin sind es nur 30,9 Prozent.“

Weitere Erkenntnisse des Atlas: Frauen sind bei der Rente schlechter gestellt als Männer, und Beamte sind ausreichend versorgt. Im Schnitt kommen sie auf eine Pension von 2570 Euro. Generell leistet eine betriebliche Altersvorsorge einen signifikanten Beitrag zur Sicherung des Einkommens im Alter. „Im Schnitt ergibt sich daraus ein Alterseinkommen von 875 Euro, in Berlin sind es nur 484, in Oberbayern dagegen sogar 1030 Euro“, sagt Raffelhüschen.

Alles in allem müssen nach Ansicht von Raffelhüschen die Deutschen mehr für die private Altersvorsorge tun. Nur ein Viertel der Menschen, die sich auf die staatliche Rente stützen, könnten mindestens 60 Prozent des letzten Bruttoeinkommens erreichen und so ihren Lebensstandard im Alter halten. „Der Rest und damit 27,8 Millionen Menschen wären unterversorgt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar