Wirtschaft : Zuwanderer müssen schneller integriert werden

Wirtschaftsforscher stellen fest, dass ausländische Arbeitnehmer das Sozialsystemstärken – wenn sie Aufstiegschancen bekommen

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Berlin (hop). Einwanderung steigert den Wohlstand in Deutschland. Allerdings müssten größere Anstrengungen unternommen werden, die Zuwanderer besser und schneller in die Gesellschaft zu integrieren. Zu dem Ergebnis sind eine Reihe von Forschern gekommen, deren Arbeiten im aktuellen Vierteljahresheft des Deutschen Instiuts für Wirtschaftsforschung (DIW) zusammengefasst sind. Positiv bewertete DIW-Präsident Klaus Zimmermann, dass die Zuwanderungsdebatte im Bundestagswahlkampf kaum eine Rolle spiele und sehr zurückhaltend behandelt würde. „Denn Probleme und Chancen der Migration sind sehr komplex“, sagte Zimmermann am Montag in Berlin.

Die positiven Auswirkungen der Zuwanderung überwiegen, sagte Christoph Schmidt, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. Schmidt ist einer der Forscher, die sich mit dem Thema „Migration und Sozialstaat“ auseinandergesetzt haben. Der Ruf nach Zuwanderung stehe nur vordergründig im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Quote der Arbeitslosengeld- und Sozialhilfeempfänger unter den Zuwanderern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung höher sei. Insgesamt sei ihr Beitrag zum Sozialsystem positiv. Denn die meisten Migranten kommen in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Deshalb müsse man ihnen zum Beispiel anrechnen, dass sie in Deutschland für ihre Schuldbildung keine Kosten verursacht haben.

Über ihre Beiträge in die Sozialkassen, könnten sie die Folgen der demographischen Entwicklung (siehe Lexikon) wie der Überalterung für die Rentenkassen mildern. „Ganz beseitigen kann mehr Zuwanderung das nicht – außer man nimmt unrealistisch hohe Zahlen an“, sagte Schmidt. Er wandte sich auch gegen die Annahme, ein ausgebautes Sozialsystem ziehe mehr Zuwanderer an. Das spiele jedoch eindeutig keine Rolle bei der Wahl des Ziellandes, wie eine Studie in den USA zeigte. Dort seien die Bedingungen von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich, hätten aber keinen signifikanten Einfluss auf den Zuzug von Einwanderern.

Doch sollte man nicht darauf achten, was ein Land weniger attraktiv macht. Vielmehr müsse Deutschland sich darum bemühen, Zuwanderer anzuziehen, sagte Schmidt. Denn auch wenn sich bereits die bestehende Zuwanderung unterm Strich positiv auswirke, so könne der Nutzen noch weiter gesteigert werden, wenn das Bildungsniveau der Zugezogenen höher ist als bisher. Die geringe Nachfrage nach der Green Card, nach einem Arbeitsaufenthalt in Deutschland, zeige, dass ein globaler Wettbewerb um die besten Köpfe herrsche. Denn gerade hochqualifizierte Migranten brächten für ihr Zielland den größten Nutzen. Die kämen aber nur, wenn ihre schnelle Integration sichergestellt ist und sie in der Gesellschaft Aufstiegschancen haben. Hier müsse noch sehr viel verbessert werden, sagte Schmidt.

Skeptisch sieht Schmidt zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigungen wie die Green Card, um einen kurzfristigen Arbeitskräftemangel zu beheben. Dadurch enstünden keinerlei Anreize für eine Integration. Niemand engagiere sich besonders und lerne etwa eine neue Sprache, wenn klar ist, dass er das Land bald wieder verlassen muss.

Ein selbstgemachtes Problem sei das im Durchschnitt niedrige Bildungsniveau der bisherigen Zuwanderer und vor allem ihrer Kinder, sagte Schmidt. Bei einer schlechteren Bildung und geringen Sprachkenntnissen falle die Integration in den Arbeitsmarkt schwerer.

Doch könne man das den Zugewanderten nicht vorwerfen. Zwischen 1955 und 1973 seien vor allem niedrig qualifizierte Kräfte ins Land geholt worden, sagte Schmidt. Es werde seine Zeit dauern, bis die Nachkommen dieser Generation das Bildungsniveau stark gesteigert haben, „denn das Beharrungsvermögen von Generation zu Generation ist groß“. Gleiches gelte für die vergleichbare deutsche Bevölkerung. Dementsprechend sei auch abzusehen, dass die Nachkommen höherqualifizierter Zuwanderer ebenfalls überdurchschnittlich gut ausgebildet sein werden. Schmidt sagt deshalb: „Wäre die Zuwanderung schon früher gelenkt worden, hätte sich das sicherlich positiv ausgewirkt.“

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