Wirtschaft : Zwangsarbeiter in den USA: "Die Gefängnisse sind Gelddruckmaschinen"

Douglas A. Blackmon

Am 30. März 1908 nimmt ein Ortssheriff den 22-jährigen Green Cottonham in Birmingham, Alabama wegen Landstreicherei fest. Nach drei Tagen im Bezirksgefängnis wird der Afroamerikaner zur Verrichtung von Schwerstarbeit verurteilt und bereits am kommenden Tag an eine Einheit des Minenunternehmens U.S. Steel übergeben. Zusammen mit Hunderten von Verurteilten hat er in den Pratt-Minen, einem Abbaukomplex außerhalb von Birmingham zu arbeiten, wo ihn nach vier Monaten die Tuberkulose tötet. Zehntausende von Straffälligen, größtenteils dunkler Hautfarbe, wurden in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts Opfer eines fast vergessenen Justizsystems, dessen rassistischen Züge vor allem wirtschaftlich nutzbar gemacht wurden. Bis in die dreißiger Jahre und damit lange nach der Abschaffung solcher Programme in den übrigen Südstaaten überließ der Staat Alabama der Wirtschaft systematisch Gefangene als Landarbeiter, Eisenbahnbauer und Bergwerksarbeiter. Er erschloss sich so seine größte Einnahmequelle. Den meisten Verurteilten wurden kleinere Delikte zum Verhängnis, etwa Verstöße gegen die Gesetzte des "Black Code", mit denen die weiße Mehrheit ihre im Bürgerkrieg erschütterte Macht festigen wollte. Die erzwungene Arbeit mit ihren erbärmlichen Haftbedingungen und die systematischen Misshandlungen überlebten Tausende nicht.

Größter Abnehmer war U.S. Steel

Die Verwicklung des Staates und der Wirtschaft in rassistische Missbräuche hatte in Deutschland letztlich zur Errichtung eines Fonds für Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus geführt und in Japan eine öffentliche Debatte über ähnliche Verpflichtungen der dortigen Unternehmen ausgelöst. Viele US-Gesellschaften sorgten durch ihre rassistische Unternehmenspolitik auch hundert Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei für die Erhaltung einer strikten Rassentrennung. Eine Diskussion über die Entschädigung der Opfer rassistischer Praktiken im 20. Jahrhundert scheint dort jedoch nicht in Gang zu kommen. Größter Abnehmer von Verurteilten zur Jahrhundertwende war eine seit 1907 zu U.S. Steel gehörende Minengesellschaft. Doch Schuldbewusstsein ist bei der Geschäftsführung des Unternehmens nicht erkennbar. Es gäbe keinen Beweis dafür, dass die Gesellschaft für die Misshandlung oder den Tod eines Gefangenen verantwortlich sei, sagt ein Unternehmenssprecher.

Eine dicht bewucherte Anhöhe nahe des ehemaligen Minengeländes bei Birmingham nennen die älteren Bewohner der Gegend den "U.S. Steel-Friedhof". Hunderte von Gräbern, völlig verwildert und scheinbar wahllos verstreut, erstrecken sich über den Hügel. Wer hier begraben wurde, ist nirgends dokumentiert. Vielleicht ist Green Cottonham unter ihnen. Als er 1908 starb, war das Geschäft der Gefangenen-Überlassung in vollem Gange. Nahezu alle südlichen Bundesstaaten errichteten nach dem Bürgerkrieg ein ähnliches Strafsystem, um ihrer ruinierten Wirtschaft vor allem schwarze Arbeitskräfte zu verschaffen. Die Überlassung von Häftlingen an Private oder Unternehmen, brachte Geld in die Staatskassen und ersparte den Bau von Gefängnissen. Als Rechtfertigung diente der 1865 eingeführte dreizehnte Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung: Zwangsarbeit ist danach illegal, außer im Fall von "ordentlich Verurteilten". Durch Verträge mit Unternehmen verpflichteten sich die Strafbehörden zur Beschaffung einer bestimmten Zahl von Arbeitskräften. Oft schloss die Industrie daneben Vereinbarungen mit den Bezirkssheriffs, die gegen Gebühr zusätzlich Tausende in die Arbeitskolonien brachten. Selbst geringste Vergehen führten die Verurteilten in die Zwangsarbeit. Zwar konnte eine Strafe von fünf bis zehn Dollar mit zwanzig Tagen Arbeit abgegolten sein. Um auch die Kosten für Sheriff, Gericht und Zeugenauslagen aufzubringen, wurden die meisten der Verurteilten jedoch noch ein Jahr und länger in Zwangsarbeit festgehalten.

Die Kohle- und Erzunternehmen zahlten dem Staat für die Gefangenen monatliche Raten, je nach gesundheitlicher Verfassung und Leistungsfähigkeit. Nach den staatlichen Regularien von 1901 hatte ein "first class"-Gefangener pro Tag vier Tonnen Kohle zu fördern und aufzuladen, um nicht ausgepeitscht zu werden. Von den schwächsten Insassen, die man als "vierte Kategorie" oder "dead hands" bezeichnete, erwartete man täglich noch eine Tonne. Dem späteren U.S. Steel-Tochterunternehmen Tennessee Coal & Iron kostete ein First-Class- Gefangener im Jahr 1897 monatlich 18,50 Dollar, zwanzig Jahre später 93,12 Dollar. Allein in den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts bescherte die Gefangenen- Überlassung dem Staat Alabama Einnahmen von 17 Millionen Dollar, was heute einem Betrag von 285 Millionen Dollar entspricht.

Bald übernahmen die Unternehmen vom Staat den gesamten Strafvollzug. Die Aufpasser wurden ermächtigt, fliehende Häftlinge zu erschießen und Ungehorsam mit Peitschenhieben auf den nackten Leib zu bestrafen. Verstorbene Zwangsarbeiter durften auf einem Firmenfriedhof beerdigt werden. Gelegentliche Kritik an den tödlichen Missständen in den Arbeitskolonien ließen die Unternehmen nicht gelten: "Der Schwarze stirbt schneller", schrieb der Präsident der Minengesellschaft Sloss-Sheffield auf eine Anfrage der Bezirksverwaltung.

Allein 1908 starben in den Pratt-Minen von U.S. Steel 58 Gefangene. Als die Zahl der Zwangsarbeiter unter die vom Staat garantierte Marke von 400 fiel, beschwerte man sich bei den Strafbehörden. Auf schärfste protestierte das Unternehmen, als der Staat 1911 eine Verlängerung der Überlassungsverträge ablehnte. Doch erst zu Beginn der zwanziger Jahre beendete Alabama unter Druck von Menschenrechtlern und Gewerkschaften die systematische Gefangenen-Überlassung. Die Zwangsarbeit war damit längst nicht abgeschafft - auch nicht das Gebührensystem. "Unsere Gefängnisse sind Gelddruckmaschinen", schrieb ein Gefängnis-Inspektor noch 1925. Erst nachdem das Wachpersonal einer Mine 1928 einen schwarzen Gefangenen in einem Wasserfass ertränkte, führte die öffentliche Entrüstung zur Beendigung der Gefangenenarbeit.

Von der Zwangsarbeiter-Überlassung waren in Alabama weit mehr als 100 000 Verurteilte betroffen, die meisten zwischen 1900 bis 1922. Obwohl die Aufzeichnungen unvollständig sind, ist für viele Einsatzbereiche eine Gefangenen-Sterblichkeit von bis zu 25 Prozent pro Jahr anzunehmen. Doch was sich in den Minen von U.S Steel vor langer Zeit auch immer zugetragen hat - es könne heute keinem mehr angelastet werden, so die Geschäftsführung des Unternehmens.

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