Zwei Jahre nach Rana-Plaza-Katastrophe : Minister Müller gibt Textilhändlern mehr Zeit

Im Mai 2014, gut ein Jahr nach der Katastrophe in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch mit 1137 Toten, hatte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) der Textilwirtschaft mit Zwangsmaßnahmen gedroht. Heute zeigt er Milde.

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Am 24. April 2013 stürzte in Savar, rund 30 Kilometer von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka entfert, diese Textilfabrik ein. Am Ende zählte man 1137 Todesopfer.
Am 24. April 2013 stürzte in Savar, rund 30 Kilometer von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka entfert, diese Textilfabrik ein. Am Ende...Foto: Andrew Biraj/Reuters

Vor einem Jahr hatte Müller noch klare Worte gefunden. Die Textilbranche müsse mehr Verantwortung für die Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern übernehmen, sagte er zum ersten Jahrestag des Fabrikeinsturzes in Bangladesch. Ein Bündnis wollte er schmieden, die Unternehmen dazu bringen, sich klar zur Einhaltung sozialer und ökologischer Standards zu verpflichten. Als ersten Schritt initiierte Müller im Mai 2014 einen „Runden Tisch Textilwirtschaft“. Bei einer Diskussionsveranstaltung kurz darauf im Tagesspiegel-Verlagshaus sagte er, zu viele Unternehmen redeten sich raus, dass sie die Zulieferketten nicht kontrollieren könnten. Er sehe daher zwei Möglichkeiten, um das System in der Textilbranche grundsätzlich zu verbessern. „Erstens: Firmen müssen für ihre Lieferketten geradestehen und garantieren, dass dort Arbeits- und Sozialstandards eingehalten werden. Oder zweitens: Man führt ein gemeinsames Siegel ein.“ Bis Ende 2014 gab er der Wirtschaft Zeit, sich zu bewegen, ansonsten müssten Zwangsmaßnahmen ergriffen werden.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).
Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).Foto: Kay Nietfeld/dpa

Inzwischen ist Müller vorsichtiger geworden. Denn die Wirtschaft hat seine Initiative bisher schlicht ignoriert. „Das Textilsiegel ist ein Angebot“, sagte der Minister kürzlich dem Tagesspiegel. Und: „Ich bin bereit, den Unternehmen mehr Zeit zu gewähren, denn es ist natürlich nicht einfach, die Produktionsketten zu zertifizieren und zu kontrollieren.“ Die Gespräche mit Unternehmen und Verbänden gingen weiter. „Und sie sind sehr konstruktiv. Bisher hat auch noch niemand 'Nein' gesagt.“

Auf ein „Ja“ der Großen der Branche wartet Müller allerdings bisher vergeblich. NKD, Hess Natur, Trigema und der Outdoorhersteller Vaude haben sich dem Textilbündnis angeschlossen, dazu der internationale Verband der Naturtextilwirtschaft. Namen wie H&M, Aldi oder Kik fehlen dagegen, und auch die großen Verbände sind nicht dabei.

Müller hat derweil noch ein zweites Projekt in Sachen Textil gestartet: Das Onlineportal „Textilklarheit.de“. Im Februar 2015 wurde es freigeschaltet. Die Namensähnlichkeit mit dem von den Verbraucherzentralen betriebenen Portal „Lebensmittelklarheit.de“ ist kein Zufall. Dieses Portal wurde 2011 mit Unterstützung des Verbraucherministeriums aufgebaut, in dem Gerd Müller damals Parlamentarischer Staatssekretär war. Doch einem Vergleich hält das Textilportal kaum stand. Denn „Lebensmittelklarheit.de“ prangert Mogelpackungen oder falsche Werbeversprechen einzelner Firmen an, während „Textilklarheit.de“ lediglich einen Vergleich bestehender Textilsiegel bietet.

Das Versprechen, dass sich Verbraucher auf „Textilklarheit.de“ über Herkunft und Produktionsbedingungen bestimmter Produkte informieren könnten, sprich darüber, welche Unternehmen auf soziale- und ökologische Mindeststandards achten, wurde nicht erfüllt. Vor dem zweiten Jahrestag von Rana Plaza heißt es im Ministerium, das Portal werde weiterentwickelt.

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