Wirtschaft : Zwei Millionen Haushalte sind überschuldet

Zahlungsmoral der Schuldner hat sich verschlechtert / Baugewerbe bleibt die Krisenbranche Nummer 1 BERLIN (mwb/HB/dpa).Die Zahlungsmoral privater und gewerblicher Schuldner in Deutschland hat sich in diesem Jahr trotz des leichten Konjunkturaufschwungs weiter verschlechtert.Zu diesem Ergebnis kommt der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) in einer Mitgliederumfrage.Ursache für diese Entwicklung seien die Rekordzahl der Unternehmensinsolvenzen sowie die wachsende Überschuldung der privaten Haushalte."Alle 19 Minuten geht ein Unternehmen in Deutschland pleite", hat BDUI-Präsident Ulf Giebel ausgerechnet. In diesem Jahr erwartet der Verband mit einem Anstieg der Unternehmenspleiten um mehr als 9 Prozent ein neues Rekordniveau von 27 800.Im kommenden Jahr droht ein weiterer Pleitenrekord mit rund 29 000 Insolvenzen."Es kann ja nicht mehr schlimmer werden", hofft der BDUI-Präsident auf Besserung, da der Anstieg nicht mehr so stark wie in den Vorjahren ausfalle.Durch die Insolvenzen werden nach seinen Angaben eine halbe Million Menschen arbeitslos und es entstehe ein volkswirtschaftlicher Gesamtschaden von rund 65 Mrd.DM.Bei den 390 Verbandsmitgliedern wachse der Auftragsbestand bis zum Jahresende auf 28,5 Mrd.DM.Davon würden die Inkassounternehmen 7,6 Mrd.DM eintreiben.Rund 43 Prozent der offenen Forderungen entfallen dabei auf gewerbliche Schuldner. Größtes Sorgenkind sind die Unternehmen in den neuen Ländern.Rund 64 Prozent der Inkassofirmen hat eine Verschlechterung der Zahlungsmoral im Osten ausgemacht, gegenüber 51 Prozent im Westen.Krisenbranche Nummer 1 bleibt das Baugewerbe, wo im ersten Halbjahr diesen Jahres 3939 Unternehmen aufgeben mußten - rund 10 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.Knapp 46 Prozent der Inkasso-Firmen halten demnach das Zahlungsverhalten im Bauhauptgewerbe für "besonders problematisch".Auffallend häufig werden zudem die Gastronomie (15 Prozent) und die Textilbranche (13 Prozent) genannt. Drei Viertel aller Firmen, die bundesweit in Konkurs gingen, seien jünger als acht Jahre.Gerade bei den Existenzgründern in den neuen Ländern führten die geringe Eigenkapitalausstattung und deutliche Managementschwächen, aber "auch die besonders miese Zahlungsmoral" vieler Auftraggeber zu einem schnellen Aus. Knappe Kassen haben nach Ansicht des BDIU auch die Zahlungsmoral der öffentlichen Hand weiter verschlechtert.Bei der Herbstumfrage gaben für den Westen 25 Prozent und für den Osten 29 Prozent der BDIU-Mitglieder Bund, Ländern und Kommunen schlechtere Noten.Der Bund begleicht seine Rechnungen bei Bauaufträgen erst nach 109 Tagen. Zu der wenig schmeichelhaften Bilanz 1997 tragen auch die Kirchen bei.Rechnungen für Kirchenrenovierungen bleiben danach gern liegen.Ebenso halten Gemeindekassen die Zahlungen für angelieferte Container zurück.Oder Sozialbehörden stehen bei Schlüsseldiensten in der Kreide, wenn etwa Wohnungen zahlungsunwilliger Väter zur Pfändung geöffnet werden müssen. Sorge bereitet den BDIU auch die wachsende Überschuldung von über zwei Millionen privaten Haushalten, wobei allein Konsumentenkredite in Höhe von 440 Mrd.DM ausstünden.Vor allem beim Kauf von Autos und Wohnungseinrichtungen würden die finanziellen Möglichkeiten überschätzt, heißt es.Zudem nähmen immer mehr Jugendliche für Statussymbole wie Handy oder teure Markenkleidung "großzügige Dispokredite" auf.Schon Auszubildende seien teilweise mit 15 000 DM und mehr verschuldet, berichtete Giebel mit Verweis auf die Erfahrungen der Schuldnerberatung in Berlin.Drei Viertel aller privaten Konkurse würden aber mangels Masse gar nicht erst eröffnet. Unter der auf breiter Front sinkenden Zahlungsmoral leiden nach Verbandsangaben vor allem die Unternehmen, die jedes Jahr im Durchschnitt einen Tag länger auf ihr Geld warten müßten.Vor zehn Jahren wurden Rechnungen durchschnittlich nach 55 Tagen beglichen, 1995 waren es schon 65 Tage.Die Erfolgsquote von vorgerichtlichen Inkasso liege bei etwa 50 Prozent.Gerichtsvollzieher hätten eine Erfolgsquote von 30 Prozent, sagte Eduard Beischall, Bundesvorsitzender des Deutschen Gerichtsvollzieher Bundes.Die Möglichkeit für Vollstreckungsbeamte, vor Ort sofort die eidesstattliche Versicherung während der Vollstreckung abzunehmen, könnten die jetzt noch langwierigen Verfahren beschleunigen. Stark beschäftigt sind die Gerichtsvollzieher in Berlin.In diesem Jahr rechnet der Verband mit einer Zunahme der Vollstreckungen um 150 000.Im Vorjahr hatten die Gerichtsvollzieher bei 558 000 Vollstreckungen rund 105 Mill.DM eingetrieben.Auch die Firmenpleiten stiegen im ersten Halbjahr 1997 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,3 Prozent auf 884. Die Möglichkeiten gerade der Berliner Haushalte zur Entschuldung werden nach Ansich des Verbandes immer schwerer.Komme neben dem Verlust des Arbeitsplatzes noch Krankheit oder eine kostenträchtige Scheidung hinzu, drohe selbst Haushalten der Mittelschicht die Pleite.

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