Wirtschaft : Zwei Millionen Jobs wandern aus

Studie: Auch Kühlschränke und Lenkräder kommen bald aus Billiglohnländern in Asien und Osteuropa

Dieter Fockenbrock

Berlin - Durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer droht nach einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting (BCG) jeder vierte Industriearbeitsplatz in Deutschland wegzufallen. Zwar seien einzelne Branchen ganz unterschiedlich vom Verlagerungsdruck betroffen, sagte BCG-Geschäftsführer Peter Strüven in Berlin. Insgesamt könnte aber bis zum Jahr 2015 die Zahl der Jobs im produzierenden Gewerbe um bis zu zwei Millionen auf dann rund sechs Millionen sinken.

Laut BCG werden beispielsweise Kühlschränke künftig verstärkt in Osteuropa gefertigt, Teppichböden sind dagegen kaum von der Produktionsverlagerung betroffen. Verstärkt müssen Arbeitnehmer im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und in der Chemie damit rechnen, dass ihre Stellen gefährdet sind. Und diese Branchen machen 25 Prozent des deutschen Sozialprodukts aus.

Trotzdem sei das Problem einer breiten Bevölkerung noch nicht richtig bewusst. Das ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD). „Die Bevölkerung sieht ungerührt zu, dass Spitzentechnologie ins Ausland abwandert“, erläuterte IfD-Geschäftsführerin Renate Köcher. Das Institut hatte jeweils 2000 Menschen in Frankreich, Deutschland und Großbritannien befragt. In allen Ländern wird die Lage vergleichbar eingeschätzt. Etwa zwei Drittel der Befragten geht davon aus, dass der Verlagerungsdruck in Billiglohnländer generell zunimmt.

Als eine klare „Fehleinschätzung“ bezeichnete Köcher aber, dass in Deutschland 64 Prozent glauben, hauptsächlich Großunternehmen wanderten nach Osteuropa oder Asien ab. Dabei seien es die mittelständischen Firmen, die die Produktionskostenvorteile nutzten. Interessant, so Köcher, sei auch die vorherrschende Ansicht, die nationale Politik könne etwas gegen die Standortverlagerung tun. Die wichtige Rolle der Europäischen Union werde dabei von der Bevölkerung nicht wahrgenommen, sagte Köcher weiter.

BCG-Berater Strüven meint, dass die Arbeitsplatzverluste aufgefangen werden können. Der Ausgleich müsse über neue Stellen in der Dienstleistungsbranche geschaffen werden, zumal der Lohnabstand zwischen Deutschland und den Niedriglohnländern auch langfristig bleibe. Heute betrage der Unterschied zwischen 15 und 18 Euro. Wenn in Deutschland bis 2015 zwei Millionen neue Dienstleistungsjobs geschaffen würden, habe die Bundesrepublik dann mit 83 Prozent immer noch nicht den Anteil an der Beschäftigung erreicht, den die USA mit 85 Prozent jetzt schon hätten.

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland stehe erst am Anfang, sagte Strüven. So hätten sich die Importe von Zulieferprodukten aus Osteuropa und Asien binnen sechs Jahren bis 2003 auf sechs Prozent der Industriebeschäftigung verdoppelt. Der Umfang und das Tempo der Verlagerung hänge dabei nicht nur von den Produktionskosten, sondern auch von der Verlagerungsfähigkeit des jeweiligen Produktes ab. Zudem spielten auch Risikoüberlegungen, die Liefergeschwindigkeit und die Struktur der Zuliefermärkte eine wichtige Rolle, wenn Fertigung verlagert werde.

Am stärksten betroffen seien weitgehend standardisierbare, arbeitsintensive, und gut zu transportierende Produkte, bei denen Lieferzeiten und Risiken zu kontrollieren seien. Die Fertigung von Teppich-Rollen sei wegen des Gewichts und möglichen Schäden deshalb für eine Verlagerung kaum geeignet. Die Herstellung von Kühlschränken werde dagegen wegen des Transportproblems allenfalls nach Osteuropa, nicht aber nach Asien abwandern. Und Textilketten wie H&M hätten inzwischen damit begonnen, Teile der Fertigung aus Asien wieder zurück nach Europa zu holen.

In der Automobilindustrie profitiere der Standort Deutschland noch vom Netzwerk mit den Zulieferern. Doch je mehr diese Betriebe ins Ausland gingen, desto schneller könne auch die Automontage folgen. Zurzeit biete beispielsweise der Bau eines Autos in China keinen Kostenvorteil. Im Jahr 2015 rechnet BCG dagegen mit 3500 Euro niedrigeren Herstellungskosten im Vergleich zum Standort Deutschland.

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