Wirtschaft : Zwei Prozent Aufschwung, aber kaum mehr Jobs

JOBST-HINRICH WISKOW

BERLIN .Die Herren haben Grund zur Freude.Pünktlich zum Weihnachtsfest erfuhren Bernd Pischetsrieder und Jürgen Schrempp von Absatzrekorden sowie steigenden Umsätzen und Gewinnen bei BMW und DaimlerChrysler.Die frohe Botschaft, wie gut die Geschäfte laufen, läßt keinen Zweifel: Die Autokonjunktur boomt.Der Verband der Automobilindustrie erwartet für das laufende Jahr eine Produktion von 5,55 Mill.Fahrzeugen in Deutschland - elf Prozent mehr als im Vorjahr.Auch die Zahl der Arbeitsplätze in der deutschen Auto-Industrie wächst - binnen zwölf Monaten um 40 000 auf 721 000.

Niemand rechnet damit, daß die guten Zahlen sich ewig fortsetzen.Gerade deshalb - die erste Überraschung - sind die Autohersteller gut vorbereitet auf magere Zeiten, schicken pessimistische Vorhersagen der Konzernlenker den Aktienkurs ihres Unternehmens nicht gleich in den Keller.Die zweite Überraschung des Aufschwungs der deutschen Autobauer: Der entscheidene Schrittmacher war der Export.

Die Weltwirtschaft steht stabil - und das im Jahr nach dem Debakel in Asien, das mancher bereits für das Anfang vom Ende hielt.Doch weit gefehlt: Deutschland, ja Euroland insgesamt und weite Teile der Welt sind der drohenden Rezession einfach aus dem Wege gegangen.

Die deutsche Wirtschaftskraft - gemessen als Bruttoinlandsprodukt, der Summe aller verkauften Waren und Dienstleistungen - ist in diesem Jahr um 2,75 Prozent gestiegen.Den größten Anteil am Wachstum hatten die Exporte, die um sieben Prozent zulegten.Investitionen von Unternehmen - beispielsweise in Produktionsanlagen, Maschinen und Fahrzeuge - nahmen dagegen lediglich um ein Prozent zu.

Gerade die wären wichtig für neue Arbeitsplätze.Doch sie werden wohl auch im kommenden Jahr Mangelware bleiben: Frühindikatoren, die schon heute signalisieren, wie die Wirtschaft sich morgen entwickelt, deuten darauf hin, daß die Konjunktur sich abschwächt.Die Zahl der Aufträge geht zurück, beim Geschäftsklima gewinnt Skepsis die Oberhand.Als der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Hans Peter Stihl, jüngst einen Aufschwung von nur noch 2,0 Prozent für wahrscheinlich hielt und die Prognose seiner Volkswirte aus dem November gleich um einen halben Prozentpunkt zurücknahm, wies er auf die Rolle der "verunsicherten Investoren" hin.Keine Frage, was den Unternehmern die Lust auf neue Geschäfte vergrault hat: die angekündigte Steuerreform.Erst stellte Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD) die "Giftliste" (Handelsblatt) vor, dann besserte das Kabinett nach und schlug einen Zickzack-Kurs zahlreicher Veränderungen ein.Die Folge: Niemand weiß im Moment, wohin der Fiskus steuert.Deswegen, so das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, hätten viele Unternehmen geplante Investitionen erst einmal in eine Warteschleife geschickt.Die Investitionsnachfrage, die zentrale Säule der Konjunktur, bröckelt.

Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr wurden in den vergangenen Wochen immer düsterer.Der Internationale Währungfonds in Washington reduzierte das Konjunkturplus von 2,5 auf 2,0 Prozent, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris gleich von 2,9 auf 2,2 Prozent.

Unbestritten, so die fünf Weisen im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, könne eine vernünftige Wirtschaftspolitik dafür sorgen, daß der Aufwärtstrend weiter geht.Aber sie selbst sind offenbar nachdenklich geworden, was die Durchsetzbarkeit solcher Strategien angeht.Während die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten immerhin noch ein Plus von 2,3 Prozent annahmen, gingen die Weisen kurz darauf nur noch von rund zwei Prozent aus - was inzwischen ungefähr den Durchschnitt der Vorhersagen darstellt.

4,1 Millionen Arbeitslose schätzen die fünf Weisen als Durchschnitt im kommenden Jahr - zwar weniger als in diesem Jahr, aber nur ein paar Zehntausend.Daß die Zahl der Menschen ohne Job zurückgeht, läßt sich auf die Konjunktur der Vorjahre zurückführen.

Allerdings bringt nicht jeder Aufschwung mehr Beschäftigung: Erst bei einem Konjunktur-Plus von 1,8 Prozent wächst die Zahl der Stellen, hat Horst Siebert, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und einer der fünf Weisen, für die Jahre 1970 bis 1996 analysiert.Kein Wunder, daß jetzt mit der Prognose eines Aufschwungs von etwa zwei Prozent kaum ein Plus für Beschäftigung übrig bleibt.

Daß die Konjunktur sich abkühlt, liegt aber auch - trotz des Auto-Booms - an den internationalen Krisen in Fernost und Südamerika.Das Tohuwabohu in den aufstrebenden Märkten macht das Münchener Ifo-Institut dafür verantwortlich, daß die Industrieproduktion sich im kommenden Jahr um nur noch 2,2 Prozent erhöht - nach einem Plus von 5,5 Prozent in diesem Jahr.

Freilich gewinnen schon wieder die Optimisten die Oberhand.Spätestens zur Jahresmitte 1999 wird demnach der Export wieder zu einem Motor der Konjunktur.So rechnet das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) damit, daß der Aufschwung in den kommenden beiden Jahren immer besser in Fahrt kommt.Bereits im Frühjahr erwartet der Konjunkturexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Udo Ludwig, den Umschwung.Der Forscher betrachtet die Konjunktur als "Spiegelbild" der Exportdynamik: Die Ausfuhren würden sich allmählich wieder beschleunigen und die Konjunktur ankurbeln.

Genau das erwartet Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, der die von manchem noch immer befürchtete Weltwirtschaftskrise kategorisch ausschließt."In den Krisenländern läuft die Wirtschaft schon wieder besser", konstatiert der Ökonom."Weltweit ist die Erholung in Sicht." JOBST-HINRICH WISKOW

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