Wirtschaft : Zwei Stunden reichen nicht

Warum Mehrarbeit allein kein zusätzliches Wirtschaftswachstum bringt

Carsten Brönstrup

Es könnte so einfach sein. Keine Konjunkturflaute mehr, weniger Schulden, mehr Lohn, neue Jobs – und all das mit nur zwei Stunden unbezahlter Mehrarbeit pro Woche. Für jeden. Sagen Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft. 1,5 Prozentpunkte mehr Wachstum könne es bringen, wenn die Wochenarbeitszeit für alle 38,5 Millionen Beschäftigten erhöht würde, haben sie berechnet. Damit würde das Bruttoinlandsprodukt 2004 um drei Prozent zulegen. Und schon wenige Monate später gäbe es 80000 neue Stellen, erwartet das Institut, das den Arbeitgebern nahe steht.

Mehr Arbeit schafft mehr Wachstum – das glauben auch die Forschungsinstitute, die das Frühjahrsgutachten erstellt haben. Immerhin 0,5 Prozentpunkte bringe die höhere Zahl der Arbeitstage in diesem Jahr, sagen sie. Weil viele Feiertage auf ein Wochenende fallen, müssen die Deutschen 2004 exakt 4,7 Tage länger arbeiten als im Vorjahr.

Doch die These „mehr Wohlstand durch weniger Freizeit“ ist vielen Ökonomen zu schlicht. „So pauschal kann man das nicht umrechnen“, sagt Ulrich Walwei, Vizechef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der Denkfabrik der Arbeitsagenturen. „Selbst wenn sich alle Tarifpartner auf Mehrarbeit einigen würden, ist eine generelle Ausweitung der Arbeitszeit unwahrscheinlich.“ Denn nicht jeder Betrieb und jede Branche hätten genügend Aufträge, um länger produzieren zu können. Zudem würden viele Überstunden dann einfach in normale Arbeitszeit umgewandelt.

Und bei einer Konjunkturbelebung und einem Anstieg der Aufträge „dauert es länger, bis die Firmen Leute einstellen – die Stammbelegschaft arbeitet ja mehr“. Für sinnvoll hält Walwei nur eine stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeit per Tarifvertrag, damit die Unternehmen bei einem Auftragsboom Spielraum bekommen und ihn ohne Mehrkosten abarbeiten können. Aber selbst dann könnte die nächste Tarifrunde den Lohnkosten-Vorteil aufzehren, befürchtet Walwei. „Nach einer Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich würden die Gewerkschaften ihre Forderungen natürlich hochschrauben.“

Diese Argumente sind Martin Werding vom Münchener Ifo-Institut zu kurzsichtig. „Längere Arbeitszeiten verbessern unsere Lage nicht über Nacht“, sagt der Arbeitsmarkt-Fachmann. „Entscheidend ist, dass es dank geringerer Arbeitskosten attraktiver würde, in Deutschland zu produzieren. Damit würde auch die Abwanderung von Firmen ins Ausland gebremst.“

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