Wirtschaft : Zwei verschiedene Welten - Dresdner und Deutsche müssen jetzt ihre Kulturen aufeinander abstimmen

Rolf Obertreis

Es war wohl nicht nur eine Konzession an den kleineren Partner. Dass die beiden Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer und Bernhard Walter ihr Jahrhundertprojekt im Atrium der edlen Vorstandsresidenz der Dresdner Bank präsentierten, hatte wohl auch etwas mit dem Platz und dem Ambiente zu tun. Solch ein Forum besitzt selbst die große Deutsche Bank in Frankfurt nicht. Wie es sich für Banker gehört, treten die Herren in feinem Tuch auf. Dunkler Anzug, helles Hemd, eine rote und eine gelbe Krawatte. Fast gemächlich schreiten sie die Stufen von der Vorstandsetage herab, unten warten rund 100 Journalisten aus aller Welt. Ein kaum enden wollendes Blitzlichtgewitter prasselt nieder, vor den Emblemen der Bank-Häuser, die so noch nie nebeneinander zu sehen waren. Dafür, dass sie einen Strich unter die rund 130 Jahre dauernde eigenständige Geschichte ihrer Häuser ziehen, wirken Breuer und Walter erstaunlich gelassen. Und auch dafür, dass sie bis dahin nie gemeinsam ein Vorhaben von solcher Tragweite präsentiert haben.

Deutsche und Dresdner Bank, das waren bisher nicht nur zwei unterschiedlich große und höchst unterschiedlich strukturierte Banken. Es waren auch zwei Häuser, deren Mitarbeiter nicht unbedingt gut Freund waren. Aber dies ist mit einem Mal vergessen. Seit Anfang Februar hatten Walter und Breuer, angeblich auf Initiative des Dresdner Bankers, das für Europa beispiellose Vorhaben voran getrieben. Nur ein kleiner Kreis war eingeweiht, bei der Deutschen Bank vielleicht 20 bis 30 Leute, bei der Dresdner Bank erheblich weniger. Nicht einmal der gesamte Vorstand soll von dem Deal gewusst haben. Mit am Tisch saß allerdings ein Dritter, der eigentlich auch in Frankfurt hätte anwesend sein müssen: Henning Schulte-Noelle, der Vorstandschef der Allianz. Ohne den Münchner Versicherungsriesen wären Deutsche und Dresdner Bank nicht da, "wo wir hinwollten und wo wir hingehören", wie es Walter den Journalisten an diesem Vormittag sichtlich stolz in die Blöcke diktiert.

Walters Vortrag fällt knapp und trocken aus, ein paar Charts, ein paar Erläuterungen, kein Wort zu viel. Große Reden waren Walters Sache noch nie. Rolf Breuer bleibt es denn auch überlassen, die bitterste Wahrheit der Fusion zu verkünden. 16 000 oder rund 13 Prozent derzeit 123 000 Beschäftigten beider Häuser müssen in den nächsten drei Jahren ihren Hut nehmen. Oben auf der Galerie des Atriums stehen vielleicht ein paar der Betroffenen. Mit Sicherheit lauschen viele bei der Live-Übertragung am Bildschirm diesen Worten. Sozialverträglich soll der Abbau erfolgen, betriebsbedingte Kündigungen wolle man vermeiden, sagt Breuer. "Gleich morgen werden wir das Gespräch mit Betriebsräten und Gewerkschaften suchen", ergänzt Walter.

Das große Zittern aber werden die beiden Banker nicht verhindern können. Welche Filiale ist betroffen, wo gibt es im Ausland Überschneidungen? Dass möglicherweise vor allem die Mitarbeiter der Dresdner Bank betroffen sein werden, ist längst nicht ausgemacht. "Blending of the Best" soll die Messlatte für den Personalabbau sein. Nur die Besten sollen bleiben. Zumindest zwei Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank gehören offenbar nicht mehr zu dieser Elite. Der ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär Ernst-Moritz Lipp muss ebenso gehen wie Ex-Bundesbanker Gerd Häusler.

Für Breuer und Walter ist das der unvermeidliche Lauf der Zeit. Auch in der Top-Etage und in den Ebenen darunter wird es harte Schnitte geben. Aber sie wollen, und dies machen die beiden Banker an diesem Tag mit Nachdruck deutlich, die Richtung der Veränderung angeben und nicht auf Entwicklungen reagieren müssen. Getriebene wollen sie nicht sein. Für Walter zumindest ist das eine neue Erfahrung. Intern gilt er im Vergleich zu seinem Vorgänger Jürgen Sarrazin zwar als Integrationsfigur, bislang aber hatte er die Dresdner Bank nicht in die gewünschte Position bringen können. Die Fusion mit der Deutschen Bank ist für den 58jährigen Schwaben ein Befreiungsschlag. Und dass er Rolf Breuer, den Mann, der die Deutsche Bank so verändert wie kaum ein anderer, an der Spitze der neuen Deutschen Bank "überlebt" und bis 2005 einer der beiden Vorstandssprecher bleibt, hätte kaum ein Experte vorausgesagt. Dass er all dies auch noch in den eigenen Hallen verkünden darf, muss ihm eine besondere Freude sein. Breuer trägt es gelassen und lächelt. Die beiden Herren sind sich schnell erstaunlich einig geworden. In der Top-Etage versteht man sich. Wie es weiter unten aussieht und ganz unten in den Filialen, muss sich erst noch zeigen. Daran und nicht nur an den Bilanzen wird sich die Fusion der Giganten messen lassen müssen.

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