Wirtschaft : Zweite Chance ab 45

Die Regierung plant die Rente mit 67. Doch die meisten Firmen schicken Ältere früher nach Hause – der Discounter Netto nicht

Maren Peters

Man kennt sich an der Kasse. „Na, du Naschkatze“, ruft Ilona Zeipelt der fülligen Kundin im Anorak zu und zieht die Pralinenschachtel über den Scanner. Dem netten Schnauzbartträger, der mit seinen Einkaufstüten Richtung Ausgang marschiert, wirft sie noch ein „Tschüss, wünsch dir was!“ hinterher und druckt derweil den Kassenzettel aus.

Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass der Discounter, in dem Ilona Zeipelt arbeitet, gleich gegenüber dem Tierpark Berlin-Friedrichsfelde liegt. So wie man im Zoo seltene Tierarten bestaunt, so kann man in dieser Netto-Filiale an der Elfriede-Tygör-Straße einen Blick auf selten gewordene Exemplare des deutschen Erwerbslebens werfen. In dem Markt, einem nüchternen Kastenbau mit gelbem Anstrich, der in seiner Schmucklosigkeit gut zu den Plattenbauten der Umgebung passt, beschäftigt Netto seit 1999 nur Menschen, die mindestens 45 Jahre alt sind.

Netto ist eine Ausnahme. Denn während die Regierung gerade die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 plant, schicken die meisten deutschen Unternehmen ihre Mitarbeiter nach Hause, bevor sie das gesetzliche Rentenalter erreicht haben. Erst am Freitag hat der Autobauer VW – unter dem Druck großer Überkapazitäten und im Einvernehmen mit der IG Metall – eine Vorruhestandsregelung vereinbart, die einen Ausstieg ab 58 vorsieht.

Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekommt nur etwa jeder zwanzigste Arbeitssuchende, der älter als 50 ist, auf seine Bewerbung eine Zusage. Und nur noch zwei von fünf Menschen, die zwischen 55 und 64 Jahren alt sind, haben in Deutschland einen Arbeitsplatz. Das liegt weit unter dem Durchschnitt der anderen großen Industrieländer (siehe Tabelle). In England ist sogar die Zahl der über 65-Jährigen, die einen neuen Job gefunden haben, im vergangenen Jahr um mehr als 100 000 gestiegen. Allerdings ist die Arbeitslosigkeit nicht einmal halb so groß wie hier zu Lande.

„Die Anreize für Arbeitnehmer, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen, waren in Deutschland bisher sehr groß“, sagt Christopher Prinz, Arbeitsmarktexperte der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Die Möglichkeiten der Frühverrentung werden zwar schrittweise abgeschafft, aber die Übergangsfristen sind lang – Unternehmen wie VW wissen das zu nutzen.

In Deutschland gehört Netto zu den wenigen Unternehmen, die bewusst Ältere einstellen. Weil der Discounter in seinem Heimatland Dänemark in den 90er Jahren viele neue Filialen eröffnete und Arbeitskräfte brauchte, brachte er zusammen mit der Regierung ein Projekt für ältere Arbeitnehmer ab 45 auf den Weg. „Die Arbeitslosigkeit war viel geringer als in Deutschland und wir hatten Probleme, genügend Mitarbeiter zu finden“, erklärt Netto-Sprecherin Margit Kühn.

Mit den Ergebnissen war das Unternehmen so zufrieden, dass es das Modell auf Deutschland übertrug – trotz völlig unterschiedlicher Rahmenbedingungen. „Ältere sind zwar weniger schnell als die Jungen, haben aber einen Vorteil durch ihre große Erfahrung mit Kunden“, sagt Netto-Sprecherin Kühn. Heute sind über 20 Prozent der über 3000 Netto-Beschäftigten über 45 Jahre alt. Aber nur in zwei Filialen gibt es ausschließlich Ältere.

Ilona Zeipelt gehört mit ihren 53 Jahren zu diesen raren Exemplaren des deutschen Erwerbslebens. Als sie 45 war, wollte der Einzelhändler Reichelt sie nicht einstellen, „weil ich zu alt war“, sagt sie mit rauchiger Stimme. Bevor sie ein Jahr später zu Netto kam, war die Mutter zweier erwachsener Kinder lange arbeitslos. „Ich könnte mich aufregen über die Rente mit 67“, sagt die energiegeladene Frau mit den kurzen roten Haaren. „Die meisten von uns werden doch schon viel früher aussortiert.“

Ihr Kollege Eberhard Schröder gehört mit seinen fast 61 Jahren schon auf die rote Liste des Erwerbstätigen-Biotops Deutschland. Der gelernte Forstfacharbeiter aus Thüringen, der später in Berlin beim FDGB arbeitete, war nach der Wende arbeitslos, wurde dann bei Bolle „im Schnellkurs“, wie er sagt, zum Einzelhändler ausgebildet, aber nach der Übernahme durch die Einzelhandelskette Spar bald wieder entlassen. Und hätte wahrscheinlich nie wieder einen Job gefunden, wenn nicht die Dänen ihn mit 54 Jahren eingestellt hätten.

„Alter ist in der Branche sicher eher ein Malus als ein Bonus“, sagt Heribert Joris, Geschäftsführer Tarif- und Sozialpolitik beim Handelsverband HDE. Das ist auch eine Frage der Bezahlung: Ältere, erfahrene Kräfte sind in der Regel teurer. Nach zehn Jahren im Job bekommt ein Angesteller im Einzelhandel 40 Prozent mehr Lohn als beim Start, sagt Joris. Außerdem sei es schwieriger, Älteren zu kündigen. Was er nicht sagt ist, dass der Staat Arbeitgebern, die Leute ab 50 einstellen, großzügige Lohnkostenzuschüsse zahlt.

Trotz großer Bedenken könnten Unternehmen bald gezwungen sein, wieder stärker mit reiferenMenschen zusammenzuarbeiten. Die Deutschen werden in den nächsten 30 Jahren deutlich altern, 2035 wird bereits ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Das wird nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt bleiben.

„Wir müssen weg von dem Denken, bei 50-Jährigen bereits für die Rente zu planen“, sagt Albrecht von Truchseß, Sprecher des Einzelhandelskonzerns Metro. Da es in Zukunft immer schwieriger werde, qualifizierte Fachkräfte zu finden, müssten alle Unternehmen über kurz oder lang nach Alternativen suchen. Der Düsseldorfer Konzern, der weltweit 270 000 Mitarbeiter beschäftigt, davon 142 000 in Deutschland, hat einen ersten Schritt getan – und die Frühverrentung freiwillig abgeschafft.

Die Baumarktkette Hornbach hat schon früher angefangen. Heute sind bereits bis zu einem Drittel der mehr als 8000 Beschäftigten in Deutschland älter als 50. „Bei uns gab es nie einen Jugendwahn“, sagt Hornbach-Sprecherin Ursula Dauth, die selbst bereits über 50 war, als sie ihren jetzigen Job antrat.

Hornbach konnte von den Erfahrungen seines britischen Partners B&Q (Kingfisher) profitieren. Der hatte angesichts rascher Expansion Ende der 80er Jahre als erstes britisches Unternehmen notgedrungen begonnen, wieder mehr Ältere einzustellen – und war selbst überrascht von den Ergebnissen. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile waren die Älteren seltener krank, engagierter, wechselten weniger häufig den Job und kamen bei den Kunden gut an. „Für uns ist es ein klarer Geschäftsvorteil, eine Belegschaft zu haben, die altersmäßig gemischt ist und damit das Kundenprofil widerspiegelt“, sagt B&Q-Chef Ian Cheshire.

Auch im Netto in Friedrichsfelde passen die Mitarbeiter gut zu den überwiegend grauhaarigen Menschen, die hier einkaufen. „Die meisten sind Stammkunden“, sagt Ilona Zeipelt, die Hundefutter, Yoghurt und einen Blumenstrauß über’s Laufband zieht. „Da weiß man genau, was die Kinder machen und wer grade krank ist.“ Aber manchmal, sagt sie, wäre es auch ganz schön, mehr mit Jüngeren zu tun zu haben.

Die Kunden sind umgekehrt sehr zufrieden. „Die bemühen sich mehr, Jüngere sind öfter mal schnippisch“, sagt Monika Tschirwitz, die hier einmal pro Woche einkauft. Aber sie hat auch eine Ahnung, woran das liegen könnte. „Die wissen, was es heißt, den Job zu verlieren.“

Eberhard Schröder bestreitet das gar nicht. Seine Morgenschicht beginnt zwar erst um sechs, aber er ist immer früher da. Die vielen Paletten mit Brot, Fleisch, Milch und Gemüse, die morgens angeliefert werden, müssen bis spätestens um acht, wenn die Kunden kommen, ordentlich in die Regale gestapelt sein. „Der Markt muss stimmen“, sagt er, „sonst bleiben die Leute weg.“ Und auch wenn die Schicht eigentlich um eins zu Ende sein sollte, kommt er selten vor drei oder vier Uhr nach Hause zu seiner Frau. „Hier guckt keiner genau auf die Stunden“, sagt Schröder. „Da hängt schließlich der Arbeitsplatz dran.“

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